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Cyrus de la Rubia zum Welthandel
13.01.2016

Der überarbeitete Welthandelsindex der HSH Nordbank ist im zweiten Halbjahr 2015 eingeknickt. Cyrus de la Rubia erläutert im Interview, inwieweit dieser Rückgang mit globalen Strukturveränderungen zu tun hat.

Sie haben einen Welthandelsindex entwickelt, der die Menge von Gütern abbildet, die in Containern verschifft werden. Wieso ist gerade das ein guter Indikator für den Zustand der Weltwirtschaft?    
Dr. Cyrus de la Rubia: In Containern werden überwiegend Konsumgüter und Vorleistungsgüter transportiert. Mit der Entwicklung des Containerhandels kann man feststellen, wie sich der Konsum entwickelt und wie Wertschöpfungsketten genutzt werden. Wenn wir sehen, dass unser Welthandelsindex schwächer wächst, ist das beispielsweise ein Indiz für eine Abschwächung des Konsums und der Industrieproduktion.

Den Index gibt es seit zwei Jahren. Wie hat er sich entwickelt?
Dr. Cyrus de la Rubia: Wir sehen im vergangenen halben Jahr einen Rückgang. Der Welthandel lag im vierten Quartal 2015 deutlich unter dem vierten Quartal 2014, das Minus beträgt etwa fünf Prozent.

Ist das eine Entwicklung, die gewissen Zyklen geschuldet ist, die es in der Wirtschaft immer gibt, oder ist das eine strukturelle, nachhaltige Veränderung?

Dr. Cyrus de la Rubia: Das ist die große Frage. Wir haben jahrzehntelang erlebt, dass die Anzahl der Güter, von denen man glaubt, sie mit Hilfe der effizienten Containerboxen verschiffen zu können, ständig zugenommen hat. In dieser Phase konnte man sehen, dass der Containerhandel immer deutlich stärker gewachsen ist als das Welt-BIP. Irgendwann ist aber ein Punkt erreicht, an dem es keine neuen Ideen dafür gibt, was man zusätzlich in Container stecken könnte. Dann flacht die Dynamik ab. Ein anderer Grund ist, dass der Beitritt Chinas 2001 zur Welthandelsorganisation einen großen Schub im Welthandel ausgelöst hat. Da ist jetzt mehr Normalität eingekehrt.

Das heißt aber nicht, dass der Welthandel an Bedeutung verliert?
Dr. Cyrus de la Rubia: Der Welthandel an sich bleibt extrem bedeutend – aber seine Wachstumsdynamik schwächt sich ab.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für das geringere Wachstum?
Dr. Cyrus de la Rubia: Es ist schwierig, das zu beziffern. Aber natürlich hat die Digitalisierung Auswirkungen. Ein gutes Beispiel ist Musik: Früher wurden Langspielplatten produziert und transportiert, später gab es CD´s, die waren schon viel kleiner und leichter – heute wird viel Musik per Stream oder Download gehört. Dann wird gar nichts mehr verschifft. Oder nehmen Sie ein Smartphone: Das ist Telefon, Musikwiedergabegerät, Fotoapparat, Wecker, Terminkalender und einiges mehr in einem einzigen, kleinen Gerät. Alles wird kompakter. 

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Was ist mit 3-D-Druckern?
Dr. Cyrus de la Rubia: Die können die Produktionsabläufe ebenfalls verändern. Es ist aber unklar, in welchem Umfang diese Technik tatsächlich mal zum Einsatz kommt. Der Weg bis eine Jeans, ein Fernseher oder ein Smartphone aus einem 3-D-Drucker kommt, ist weit. Eins darf man ohnehin nicht vergessen: Die Grundstoffe für diese Produkte müssen zu den Druckern gebracht werden.  

Der Welthandel hat ein hohes Niveau erreicht. Große Wachstumsraten kommen deshalb einer starken absoluten Steigerung gleich. Ist das überhaupt realistisch?
Dr. Cyrus de la Rubia: Das exponentielle Wachstum kommt an seine Grenzen. Es ist normal, dass die Zuwächse prozentual abnehmen. Beim Containerhandel ist das Handeslvolumen auf den großen Strecken – Asien - Europa und USA – auf sehr hohem Niveau. Im Handel in Asien, von Afrika nach Asien oder von Afrika nach Lateinamerika ist durchaus noch sehr viel Potential.

Was ist mit dem Handel von Rohstoffen?
Dr. Cyrus de la Rubia: Gerade Eisenerz und Kohle haben stark vom enormen Wachstum und der gigantischen Bautätigkeit in China profitiert. Hier sehen wir eher eine Abschwächung. Viele Straßen, Brücken, Häuser und Fabriken sind gebaut. Und China hat außerdem die eigene Produktion von Kohle und Eisenerz stark gesteigert. Außerdem ist die Infrastruktur für den Transport dieser Rohstoffe zu den Industriezentren ausgebaut worden.

TTIP droht zu scheitern, in einigen Ländern in und außerhalb Europas sind nationalistische Tendenzen zu beobachten. Ist die Abschottung eine Bedrohung für den Welthandel?

Dr. Cyrus de la Rubia: Diese Tendenz gibt es, wobei ich gerade in Deutschland die Skepsis gegen das Handelsabkommen mit den USA nicht verstehen kann, da Deutschland vom Freihandel als Exportweltmeister stark profitiert. Generell gibt es immer mal wieder protektionistische Tendenzen – ich hoffe, diese Phase ist bald überwunden.