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Pressefokus
21.01.2016

Die Welt kauft von deutschen Mittelständlern, weil die Produkte auf dem allerneuesten Stand der Technik sind. Vor allem aus dem Ausland blickt man oft mit Bewunderung auf die Innovationskraft der kleinen und mittelgroßen Firmen hierzulande. Doch die hat in den letzten Jahren dramatisch nachgelassen. Die Politik will nun gegensteuern.

Henning Kagermann, Präsident der Acatech, baut auf Mittelständler als Innovatoren.
(Foto: picture alliance / dpa)

Technologisch betrachtet leben wir in einer Zeit des „Sturm und Drang“, einer euphorischen Periode, die fast täglich Innovationen hervorbringt – in der Informationstechnologie, der Medizin sowie den Bio- und Materialwissenschaften.

Allerdings nimmt der deutsche Mittelstand immer weniger an dieser historischen Technikoffensive teil, besagt der „Innovationsreport 2015/2016“ des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), aus dem die Welt am Sonntag zitiert.

Die Innovationsbudgets schrumpfen

Laut dem jüngsten Befund wollen demnach 48 Prozent von 1.000 befragten Mittelständlern 2016 mehr in Innovationen investieren, während fünf Prozent Kürzungen planen. Der Rest der Unternehmen möchte seine Aktivitäten auf dem bestehenden Niveau fortführen.

Was zunächst ganz solide klingt, bietet im Kontext der vergangenen Jahre jedoch Anlass zur Sorge. 2010 trennten „Ausbauer“ und „Kürzer“ unter den Mittelständlern noch 58 Prozentpunkte, heute hat sich ihr Abstand auf 43 verringert.

Über die letzten fünf Jahre lässt sich also Innovationsmüdigkeit diagnostizieren. Unter den kleinen Mittelständlern bis 250 Mitarbeiter wollen laut DIHK-Befragung sogar nur 41 Prozent in diesem Jahr mehr in technologische Neuerungen investieren.

„Deutschland droht im internationalen Wettbewerb zurückzufallen, wenn sich immer mehr kleine und mittlere Unternehmen aus dem Innovationsgeschehen zurückziehen“, warnt Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des DIHK, gegenüber der Zeitung. „Gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Digitalisierungsdrucks ist diese Entwicklung besorgniserregend.“

Berlin reagiert

Das zuständige Bundesforschungsministerium hat die Innovationskraft deutscher Firmen selbst erforschen lassen, und zwar vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Kaum überraschend deckt sich dessen Befund mit den Ergebnissen der DIHK, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtet.

„Im vergangenen Jahr entfielen insgesamt nur noch 22 Prozent aller Innovationsausgaben der deutschen Wirtschaft auf kleinere Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern – im Jahr 2007 waren dies noch 29 Prozent gewesen, kurz vor der Jahrtausendwende sogar noch mehr als 35 Prozent“, schreibt die FAZ, die sich dabei auf die Studie des Forschungsministeriums beruft.

Förderung von kleinen und mittelständischen Unternehmen neu ausgerichtet

Die Bundesregierung will angesichts der rückläufigen Entwicklung „KMU-innovativ“ reformieren, ihr wichtigstes Programm zur Förderung der Innovationsausgaben kleiner und mittelgroßer Unternehmen.

Wie die FAZ schreibt, sollen die Gesamtmittel von bisher 248 Millionen Euro um mindestens ein Viertel aufgestockt und die Ausrichtung auf bestimmte Förderschwerpunkte geschärft werden. „Dies sind insbesondere die drei Technologiefelder Digitalisierung/Industrie 4.0, Medizintechnik und -informatik sowie Energietechnik und Ressourceneffizienz“, schreibt die Zeitung.

Mit den größeren Budgets will die Politik vor allem Partnerschaften zwischen Mittelständlern und Forschungseinrichtungen wie Hochschulen und Technologiezentren im In- und Ausland stärken. Auch die Formulare für die Beantragung von Fördergeldern und die Abläufe der Förderung sollen drastisch vereinfacht werden.

Bisher zeigt sich nämlich deutlich: Die meisten Mittel bekommen Mittelständler mit eigenen Forschungsabteilungen, die es gewohnt sind, mit dem überbordenden Papierkrieg von Ministerialanträgen umzugehen. Kleine Firmen scheuen dagegen häufig den damit verbundenen Aufwand.

Fachkräftemangel bremst Innovationen nach wie vor

Einer der Hauptauslöser der Innovationsbremse ist aus Sicht der Mittelständler jedoch das Dauerproblem des Fachkräftemangels. Das bestätigt auch der DIHK. Zwei von drei befragten Firmen geben an, die eigene Innovationskraft sei derzeit dadurch gefährdet.

Softwareexperten, Naturwissenschaftler und Ingenieure mit innovativen Ideen, die vor allem für die Industrie 4.0, also die Digitalisierung von Produktionsprozessen, nötig wären, würden zu oft von Großunternehmen vom Arbeitsmarkt gekauft und der Mittelstand habe das Nachsehen.

Tatsächlich hat sich das Gesamtvolumen an Geldern, die deutsche Firmen in Innovation fließen lassen, denn auch keineswegs verringert. Im Gegenteil: Zuletzt waren es alles in allem 145 Milliarden Euro pro Jahr, eine Summe, die im laufenden Jahr sogar um sechs Prozent übertroffen werden soll. Doch der positive Trend geht vor allem von Großunternehmen aus.

Andere können auch Innovation

„Der Aufbruch in die Industrie 4.0 gelingt uns nur, wenn kleine und mittlere Unternehmen mitziehen“, zitiert das Handelsblatt den ehemaligen SAP-Chef Henning Kagermann, der heute Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) ist.

Acatech ermittelt gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) regelmäßig den Innovationsindex. Er vergleicht die Innovationskraft von 35 Ländern anhand von 38 Kriterien, wie etwa Ausbildung, Patentanmeldungen und Technikaffinität.

In der aktuellen Übersicht liegen die Schweiz und Singapur auf den beiden Spitzenplätzen, wie die Zeitung berichtet. Deutschland hat sich seit 2000 vom zehnten auf den fünften Platz in der Tabelle hochgearbeitet. Das Verfolgerfeld auf die Spitzenplätze hat sich allerdings stark verdichtet. Ähnlich gut wie Deutschland schließen etwa auch Länder wie Finnland und Belgien ab.

Obwohl jeder zweite mittelständische Weltmarktführer aus Deutschland kommt, spielen diese Unternehmen bei Investitionen in Neuentwicklungen eine nachrangige Rolle. Ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegen nur bei 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Die Schweiz, Österreich, Dänemark, Finnland und Südkorea kommen fast auf das Dreifache“, schreibt das Handelsblatt und verweist dabei auf das BDI-Ranking.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Januar (beobachteter Zeitraum: 4. bis 18. Januar 2016) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Welt am Sonntag, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Handelsblatt.

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