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Auf einen Espresso mit …
07.01.2016

Der massive Einbruch sei nicht gerechtfertigt, meint der Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Die Aktienmärkte in China sind eingebrochen. Ist das eine Überreaktion der Märkte oder Ausdruck der tatsächlichen Schwäche der chinesischen Wirtschaft?
Cyrus de la Rubia: Die chinesischen Aktienmärkte haben wenig mit den fundamentalen Entwicklungen in dem Land zu tun. Es gibt zwar eine Abschwächung des Wachstums und damit sinkende Gewinnaussichten. Das rechtfertigt aber nicht diesen massiven Einbruch.

Woran liegt der Absturz dann?
Cyrus de la Rubia: Ich glaube, dass die staatlichen Regulierungen, die eigentlich eingeführt wurden, um solche Abstürze zu vermeiden, viele Investoren veranlassen, aus Aktien auszusteigen. Denn sie stellen fest, dass dieser Aktienmarkt nicht richtig liquide sind – gehen die Kurse runter, wird der Handel ausgesetzt. Das ist dann so, als ob eine Bank schließt und man nicht an das eigene Geld kommt. Das wollen Investoren nicht erleben.

Welche Auswirkungen hat die Lage in China auf die Weltwirtschaft?
Cyrus de la Rubia: Etwa 6 Prozent der deutschten Ausfuhren gehen nach China, damit dürften die makroökomischen Effekte überschaubar bleiben. Auswirkungen sind vor allem auf den Rohstoffmärkten zu spüren und in den Ländern, die Eisenerz und Kohle exportieren. Auch durch die geringere Nachfrage aus China sind die Preise dafür eingebrochen. Davon betroffen sind besonders Länder wie Australien, deren Exporte zu etwa 30 Prozent aus Eisenerz bestehen. Aber auch Brasilien leidet unter den niedrigen Preisen.

Neben Brasilien steht auch Russland vor einer Rezession. Müssen die Prognosen für die Weltwirtschaft generell nach unten revidiert werden?
Cyrus de la Rubia: Da Russland und Brasilien so massiv einbrechen, in einer Größenordnung von zwei bis vier Prozent, dürften die globalen Wachstumsaussichten tatsächlich leiden. Es sollte aber keine signifikanten Ausstrahleffekte auf andere Länder geben. Es gibt einige Emerging Market-Länder wie Indonesien, Indien und die Philippinen, in denen die Wirtschaft gut läuft.

Nordkorea behauptet, eine Wasserstoffbombe getestet zu haben. Belastet die davon ausgehende politische Unsicherheit die Märkte?
Cyrus de la Rubia: Ja, auch weil niemand den erst 33-jährigen Staatschef Nordkoreas einschätzen kann. Allerdings wirkt der Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien noch negativer auf die Märkte.  

Der Ölpreis ist im freien Fall – geht das so weiter?
Cyrus de la Rubia: Das Angebot ist derzeit groß, die Lagerbestände quellen über, deshalb fallen die Preise. Das kann aber nicht von Dauer sein.

Warum nicht?
Cyrus de la Rubia: Viele Projekte, das gilt nicht nur für Fracking, sind bei diesem Ölpreis nicht mehr rentabel und werden deshalb langfristig nicht fortgeführt werden. Das können  sich die Unternehmen nicht leisten. Das Angebot wird deshalb sinken. Viele Quellen sind derzeit nur mit komplexer Technik auszubeuten. Die haben sich gelohnt, als der Ölpreis bei über 100 Dollar pro Fass stand. Etwa die Hälfte aller Fracking-Projekte ist bei Preisen unter 50 Dollar pro Barrel nicht mehr rentabel. Die Ölkonzerne haben auf die niedrigen Preise reagiert und ihre Investitionspläne um mehr als 200 Milliarden Dollar gekürzt. Das bedeutet weniger Output in der Zukunft.

Früher stieg der Ölpreis, wenn es in Nahost politische Konflikte gab. Jetzt sind die Spannungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien hoch und das Gegenteil passiert. Weshalb?

Cyrus de la Rubia: Die Veränderung konnte man schon beim Russland-Ukraine-Konflikt sehen. Obwohl Russland eines der größten Ölförderländer der Welt ist, stürzten die Preise ab.

Weshalb?
Cyrus de la Rubia: Weil die Angebotsfaktoren dominieren. Iran und Saudi-Arabien sind Opec-Länder. Dieses einst mächtige Kartell schafft es aber nicht mehr – auch aufgrund dieses Konflikts – sich auf Obergrenzen der Förderung zu einigen. Saudi-Arabien leidet zwar auch unter dem niedrigen Ölpreis. Sie wissen aber auch, dass über 600 Milliarden US-Dollar in ihrem Staatsfonds liegen. Und sie können Öl sehr günstig fördern. Saudi-Arabien hat deshalb ein hohes Durchhaltevermögen. Zudem sorgt ein niedriger Ölpreis dafür, dass der Iran ebenfalls schlecht verdient – und weniger schnell wächst. Das dürfte im Interesse von Saudi-Arabien liegen.