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Rententrends 12/2015
18.12.2015

Es wird nicht langweilig im kommenden Jahr: Zinswende, Brexit, Flüchtlinge, US-Präsidentschaftswahlen, Terrorrisiken, Ölpreise und Konjunkturhoffnungen. Herausforderungen gibt es genug, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Sportlicher Ehrgeiz und Risikobereitschaft könnten im Jahr 2016 von Nöten sein, um die vielseitigen Herausforderungen zu meistern. (Foto: picture alliance/Bildagentur-online)

Zinswende und Divergierende Geldpolitik

Ein übergreifendes Thema wird die divergierende Geldpolitik zwischen den USA auf der einen Seite und der Eurozone auf der anderen Seite sein. Während die US-Notenbank in diesem Jahr die Leitzinswende begonnen hat und diese maßvoll im kommenden Jahr fortsetzen dürfte, hat die EZB Anfang Dezember beschlossen, die monetäre Lockerung länger als bislang geplant fortzusetzen. Damit wird die transatlantische Zinsdifferenz steigen und den Euro schwächen. Die Abwertung des Euros in Richtung Parität oder darunter, wie sie von vielen angelsächsischen Banken vorhergesehen wird, erwartet de la Rubia allerdings nicht. Er setzt vielmehr auf einen relativ stabilen Euro, da ein Großteil der geldpolitischen Divergenz bereits eingepreist ist und die Eurozone im Zuge der weiter positiven konjunkturellen Erholung und der weitestgehend gebannten Gefahr eines Zusammenbruchs der Währungsunion für viele Investoren interessanter wird. Die geldpolitische Wende ist allerdings mit einigen Risiken versehen, wie sie in den letzten Tagen in Form der Schließung mehrere Fonds von Anleihen bonitätsschwacher Unternehmen offenbar wurden. Schon ist die Rede von der Gefahr einer erneuten globalen Finanzmarktkrise. In jedem Fall dürfte sich die Zinswende in vielen Assetklassen bemerkbar machen und dazu gehören auch die zinssensitiven Schwellenländeranleihen, die zuletzt verstärkt in den Fokus geraten sind.

Reformen in China gehen weiter

China wird ebenfalls das nächste Jahr prägen. Der Feuer-Affe, Namensgeber für das Jahr 2016, wird als energiegeladen angesehen und in diesem Sinne darf man auch erwarten, dass Präsident Xi Jinping weiter seine Reformagenda vorantreiben wird. So dürften u.a. das so genannten Hukou-Meldesystem reformiert (ein wichtiger Schritt für den Arbeitsmarkt) und die Korruptionsbekämpfung fortgeführt werden. Insbesondere letzteres ist kurzfristig eine Bremse für das Wachstum, weil viele öffentliche Entscheidungsträger vor größeren Investitionen zurückschrecken, um nicht in den Verdacht von Bestechung zu geraten. Mittel- bis langfristig dagegen ist dieser Kampf unabdingbar, um auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu gelangen und soziale Spannungen zu verringern, die sich in der Vergangenheit als Folge der weit verbreiteten Korruption aufgebaut haben. Chinas BIP wird vor diesem Hintergrund vermutlich etwas langsamer expandieren. De la Rubia erwartet eine Wachstumsrate von 6,5 Prozent, nach 6,9 Prozent in diesem Jahr. Absolut gesehen entspricht dies einem Zuwachs von über 500 Mrd. EUR, was in etwa der Größe der schwedischen Volkswirtschaft entspricht.

US-Präsidentschaftswahlen mit schillernden Kandidaten
Beim großen Gegenspieler, den USA, geht es weniger um Reformen, sondern um die Präsidentschafts- und Kongresswahlen, die am 8. November 2016 stattfinden werden. Im Vorfeld wird die USA von Februar bis Juni einen Marathon in Form der so genannten Primaries erleben, bei denen die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner und der Demokraten bestimmt werden. Die Welt dürfte mitfiebern, da bei den Republikanern einer der schillerndsten Personen im politischen Spektrum, der Geschäftsmann und Milliardär Donald Trump, derzeit in den Umfragen vorne liegt. Bei den Demokraten scheint sich die Wahl zwischen der ehemaligen Außenministerin Hillary Clinton und dem Senator (Vermont) Bernie Sanders zu entscheiden. In jedem Fall hinterlässt die Regierung Obama ein relativ aufgeräumtes Haus: Die Wirtschaft wächst solide (Prognose 2016: 2,6 Prozent), das öffentliche Haushaltsdefizit dürfte unter 3 Prozent des BIP liegen und ein neuer Grundsatzstreit um den Haushalt sollte nach der kürzlich gefundenen Einigung zwischen Republikanern und Demokraten bis 2018 ausgeschlossen sein. Bleiben die Finanzmärkte stabil – keine Selbstverständlichkeit im Angesicht der Zinswende – könnte es für die USA ein politisch turbulentes, aber wirtschaftlich gutes Jahr werden.

Trotz wirtschaftlicher Erholung bleiben uns die politischen Spannungen in Europa erhalten

In der Eurozone wird die Politik ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Nach den allgemeinen Wahlen in Spanien (20.12.2015) steht zu Beginn des Jahres 2016 die Regierungsbildung auf dem Programm. Wenngleich die Separationsbemühungen Kataloniens vermutlich Sand in das Getriebe streuen werden, rechnet de la Rubia mit einer Lösung, die es Spanien erlaubt, an die 3 Prozent Wachstum von 2015 anzuknüpfen. In Frankreich steigt angesichts der Ergebnisse der jüngsten Kommunalwahlen und vor dem Hintergrund der Terrorangriffe von Paris die Wahrscheinlichkeit, dass der Front National auf der Zentralregierungsebene an Einfluss gewinnt und eine gemeinsame Europapolitik erschwert wird. Auf der EU-Ebene wird das Thema Brexit eine entscheidende Rolle spielen. Die britische Bevölkerung wird möglicherweise schon in der zweiten Jahreshälfte 2016, spätestens aber in 2017 über den Verbleib der Insel in der Europäischen Union entscheiden. Das Thema wird die Märkte in Abhängigkeit von den Umfrageergebnissen potenziell erheblich verunsichern. Störfeuer könnte im Übrigen noch aus Finnland kommen, wo sich zuletzt die Voraussetzungen für eine Volksabstimmung über den Verbleib in der Eurozone verbessert haben. Trotz des insgesamt nicht einfachen Umfelds dürfte die Eurozone ein etwas beschleunigtes Wachstum aufzeigen, nicht zuletzt aufgrund einer höheren Dynamik in Deutschland.

Gute Aussichten für das kommende Jahr in Deutschland

Hierzulande geht der Konsumboom vermutlich weiter und das Wirtschaftswachstum dürfte kurzfristig auch von den Mehrausgaben des Staates im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise und den vergleichsweise niedrigen Ölpreisen profitieren. Grundsätzlich ist de la Rubia auch in Bezug auf die immer noch lahmenden Investitionen etwas zuversichtlicher: Die Kapazitätsauslastung ist überdurchschnittlich hoch, so dass viele Unternehmen allmählich über Erweiterungsinvestitionen nachdenken werden. Für die wichtigsten Handelspartner Deutschlands erwartet de la Rubia positives Wachstum, so dass die Ausfuhren weiterhin eine wichtige Stütze für die wirtschaftlichen Aktivitäten sein werden. Deutschlands BIP dürfte im kommenden Jahr um 1,8 Prozent expandieren. In Bezug auf die langfristigen Aussichten für Deutschland wird es unter anderem darauf ankommen, wie die Bundesregierung die große Anzahl der Flüchtlinge bewältigt. Hier sind logistische Meisterleistungen und ein Mitwirken der Wirtschaft gefragt, wodurch das Wachstumspotenzial Deutschlands deutlich angehoben werden könnte.

In diesem Sinne sollte das Jahr 2016 sowohl auf der gesamtwirtschaftlichen  Ebene als auch auf der Ebene der meisten Unternehmen und privaten Haushalte und damit hoffentlich auch für Sie ein gutes Jahr werden.