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04.11.2015

Deutsche Mittelständler sind zwar häufig Weltmarktführer in einer Spezialdisziplin, doch auf der Führungsebene wird überwiegend Deutsch gesprochen. Großkonzerne sind da schon einen Schritt weiter: Sie sind Vorbild – auch für die kleineren Firmen.

Mohsen Sohi ist Amerikaner mit iranischen Wurzeln und steht an der Spitze des deutschen Familienunternehmens Freudenberg. (Foto: picture alliance / dpa)

Als Mittelständler erfolgreich zu sein funktioniert in Deutschland etwa so: Zuerst wächst die Nachfrage aus dem Ausland. Dem Exportsog aus fernen Ländern folgt irgendwann die Gründung eigener Service- und Vertriebstöchter jenseits der Grenze. Schließlich verlegt das Unternehmen auch Teile der Produktion in die Ferne, um im nächsten Schritt dann dort irgendwann auch zu forschen und zu entwickeln.

Doch die Chefs wie die meisten Manager an den Standorten der kleinen und mittleren Unternehmen im Ausland sind in der Regel nach wie vor Deutsche – auch wenn die Firma längst ein Global Player ist. Viele Mittelständler bemühen sich deshalb und angesichts eines immer enger geknüpften Weltwirtschaftssystems, auch ihre Leitungsebenen zu internationalisieren. Wenn der Nachfolger des Unternehmensleiters kein Deutscher sein muss, sollte es auch leichter fallen, einen geeigneten Kandidaten zu finden.

Global erfolgreich, aber unbekannt

Den Richtigen für den Chefsessel auf internationaler Ebene zu finden gelingt bisher nur wenigen, stellt der Wirtschaftsprofessor und Unternehmensberater Hermann Simon im Handelsblatt fest. „Mittelständler sind wegen ihrer Spezialisierung oft nur wenig bekannt. Zudem sitzen viele an ländlichen Standorten. Letzteres ist zwar eine Stärke im Hinblick auf Mitarbeiterloyalität – aber ein gravierender Nachteil, wenn es um die Gewinnung von Führungsnachwuchs geht“, so der Experte.

In der Praxis ist die jahrzehntelang etablierte Firmenphilosophie eines Mittelständlers oft inkompatibel mit Managementgepflogenheiten anderer Kulturkreise. In vielen Unternehmen regiert der Patriarch der Gründerfamilie noch mit einem eigentümlichen Mix aus Strenge und Verantwortungsbewusstsein. Solche Strukturen sind natürlich gewachsen, was einen Manager aus einem anderen Kulturkreis möglicherweise überfordert.

Doch gibt es mittlerweile durchaus Pioniere der internationalen Vielfalt: deutsche Mittelständler, die sich im Ausland komplett auf lokales Führungspersonal verlassen. Der Interface-Spezialist Phoenix Contact aus Blomberg etwa, der weltweit über 12.000 Mitarbeiter beschäftigt, setzt in seinen Auslandsniederlassungen voll auf einheimische Führungskräfte. Der Kölner Schweißtechnik-Anbieter IBG, weltweit mit 50 Vertriebs- und Produktionsgesellschaften vertreten, setzt im wichtigen chinesischen Markt durchweg auf Chinesen als Manager, die in Deutschland studiert haben.

Auch Mittelständler bewegen sich sicher auf internationalem Parkett

„Ein Beispiel für ein besonders stark globalisiertes Managementteam liefert der Weltmarktführer im Transport von Wein und Alkoholika, die Mainzer JF Hillebrand AG. Im sechsköpfigen Vorstand finden sich keine Deutschen, dafür aber zwei Franzosen, ein Holländer, ein Engländer, ein Amerikaner und ein Südafrikaner“, beschreibt Unternehmensberater Simon einen bereits international geführten Mittelständler.

Doch wie akquiriert man einen internationalen Manager, wenn man zwar weltweit operiert, aber keinen Namen hat, der international bekannt ist? Am besten vernetzen sich Unternehmen mit den Schulen und Hochschulen in der Region, um schon früh mit aussichtsreichen Kandidaten Kontakt aufzunehmen, empfiehlt Berater Simon. Wenn kein internationaler Manager verfügbar ist, sind Unternehmen gut beraten, die einheimischen High Potentials früh auf Auslandsstationen zu schicken, damit sie als Führungskräfte später sofort international einsetzbar sind und die Firma global vertreten können.

Noch aufwendiger ist es für kleinere Firmen, geeignete Manager im Ausland zu rekrutieren. „Dort empfiehlt sich eine Konzentration auf die jeweilige Branche, um Manager zu gewinnen, die bereits Erfahrung besitzen und über ein Netzwerk in dem jeweiligen Land verfügen. So spart man in der Entwicklung von Kundenbeziehungen und im Marktaufbau viel Zeit“, sagt der Unternehmensberater.

Ein Muss: Englisch als Firmensprache

Über eines sollten sich nach Simon kleine und mittelgroße Firmen bei der Berufung eines internationalen Chefs indes bewusst sein: Als Unternehmenssprache kommt nur Englisch in Frage. Auch das dürfte in der familiären Kultur mancher deutschen Traditionsunternehmen die Hürde für den Einstieg internationaler Führungskräfte erhöhen.

Dass ausländische Chefs sogar die erfolgreicheren Manager sein könnten, vermutet das Handelsblatt in einem weiteren Artikel, der die deutschen Großkonzerne unter die Lupe nimmt und daraus auch Schlüsse für den Mittelstand zieht.

Danach fallen derzeit drei Großkonzerne durch energische Neuausrichtung und großen Erfolg bei ihren Aktionären auf: der Softawaregigant SAP, geführt vom Amerikaner Bill McDermott, der Konsumgüterkonzern Henkel, gesteuert vom Dänen Kasper Rorsted, und der Pharmariese Bayer, dem der Niederländer Marijn Dekkers vorsteht. Alle drei Topmanager haben nach einer objektiven Auswertung von 17.000 Nachrichtenquellen das beste Image aller Dax-Konzernchefs, schreibt die Zeitung. Alle haben den Börsenwert ihrer Konzerne stark steigern können.

Ausländer am angesehensten im Dax

„Sowohl Dekkers als auch Rorsted werden als erfolgreiche Führungsfiguren wahrgenommen, die ihre Unternehmen nachhaltig verändern – und auch den Umsatz und vor allem den Gewinn und die Renditen steigern“, fasst die Zeitung zusammen. McDermott werde in der Finanzwelt als führungsstarker Manager wahrgenommen – wie auch Siemens-Chef Joe Kaeser oder Daimler-Vorstand Dieter Zetsche. Die beiden Letzteren seien im Übrigen nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil sie lange Jahre im Ausland gearbeitet hätten.

Dass in Dax-Unternehmen mittlerweile jeder dritte Manager Ausländer ist, die Internationalisierung der Führungsebene damit im Schnitt schon weiter gediehen ist als in kleineren Firmen, erkläre sich aus der rasanten Globalisierung. Deutschlands Großunternehmen erzielen mittlerweile 75 Prozent ihres Umsatzes im Ausland, wo sich inzwischen auch zwei von drei Arbeitsplätzen befinden. Auch die Aktionäre der meisten Dax-Konzerne sind zu mehr als der Hälfte international.

Spitzenreiter bei der Internationalisierung der Leitungsebene ist etwa der Medizingerätehersteller Fresenius Medical Care. Fünf von sieben Vorständen des Dax-Unternehmens haben keinen deutschen Pass.

Nicht deutsche Firmenchefs sind effektive Neuausrichter

Ausländern gelingen spektakuläre Neuausrichtungen schneller und effektiver, was im schnelllebigen Rhythmus der Globalisierung auch rascher zu Erfolgen und guten Ergebnissen führt.

„Ausländer im Vorstand interpretieren das Land anders und sind bei internen Diskussionen oft weniger vorbelastet. Sie öffnen ein Unternehmen nach innen und außen“, sagt der Unternehmensberater Klaus Schweinsberg, der das Centrum für Strategie und Höhere Führung in Köln leitet, dem Handelsblatt.

Nicht zuletzt kommt auch einer der erfolgreichsten deutschen Mittelstandschefs mit Migrationshintergrund zu Wort: Mohsen Sohi, Vorstandschef der in 60 Ländern tätigen Freudenberg AG aus Weinheim. Der Automobilzulieferer und Inhaber der Konsumentenmarke Vileda setzt auf den gebürtigen Iraner mit US-Pass und fährt gut damit. „Wenn die Kunden international sind, wenn die Mitarbeiter international sind, dann werden auch die Unternehmensleitungen international“, gibt Mohsen Sohi allen, die noch zweifeln, mit auf den Weg.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Oktober (beobachteter Zeitraum: 19. Oktober bis 2. November 2015) wurden zwei Artikel aus dem Handelsblatt ausgewertet.