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Auf einen Espresso mit ...

Cyrus de la Rubia zu den Chancen der Flüchtlingskrise

„Unternehmen sollten stärker einbezogen werden“, plädiert Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Etwa eine Million Flüchtlinge kommen dieses Jahr nach Deutschland. Welche Auswirkungen hat dieser Zuzug auf die deutsche Wirtschaft?
Cyrus de la Rubia: Da noch keine exakten Angaben über die Anzahl, die Altersstruktur und das Ausbildungsniveau der Flüchtlinge vorliegen, ist es schwer, genaue Angaben zu machen. Fest steht aber, dass der Zuzug sowohl kurzfristig als auch langfristig große Auswirkungen hat.

Was sind die kurzfristigen Folgen?
Cyrus de la Rubia: Zum einen gibt der Bund für die Flüchtlinge Geld aus, das er sonst für die Schuldentilgung verwendet hätte. Aber dieses Geld wird genutzt, um Dienstleistungen oder Güter zu kaufen. Das führt dazu, dass das Bruttosozialprodukt in Deutschland zwischen 0,3 und 0,5 Prozent steigt. Wichtiger sind aber die langfristigen Folgen.

Wie sehen die aus?
Cyrus de la Rubia: Wenn es gelingt, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, könnte der Fachkräftemangel in Deutschland, der nicht nur bei hochqualifizierten Jobs besteht, abgemildert und das Wirtschaftswachstum dauerhaft gesteigert werden. Eins darf man nicht vergessen: Derzeit gibt es in Deutschland zirka 600.000 offene Stellen. Ohne Einwanderung würde die Zahl der arbeitsfähigen Personen in Deutschland in den nächsten 10 Jahren um schätzungsweise 4,5 Millionen zurückgehen. Diese Lücke muss geschlossen werden. Flüchtlinge können dazu einen entscheidenden Beitrag leisten.

Aber erst einmal sind die Kosten enorm: pro Flüchtling sollen es etwa 12 000 Euro pro Jahr sein. Macht bei einer Million Menschen zwölf Milliarden Euro.
Cyrus de la Rubia: Das ist eine Belastung für den Staatshaushalt, aber nicht für das Bruttosozialprodukt. Wenn man die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert, sind das Investitionen. Die meisten Flüchtlinge sind jung.

Wie schnell können die Flüchtlinge integriert werden?

Cyrus de la Rubia: Aus der Erfahrung kann man sagen, dass die Mehrheit der Einwanderer nach fünf Jahren eine Arbeitsstelle gefunden hat.

Und was ist dazu notwendig?
Cyrus de la Rubia: Das beginnt erst einmal mit Sprachkursen und Bildung. Man muss aber auch sanften Druck ausüben, indem man den Flüchtlingen beispielsweise sagt, dass sie einen Teil der Sozialleistungen nicht bekommen, wenn sie Sprachkurse versäumen. Sinnvoll wäre auch, die Unternehmen stärker einzubeziehen und zu fordern, die Ausbildungskapazitäten – auch in Hinblick auf Langzeitarbeitslose – zu erhöhen. Ein Pakt mit der Wirtschaft könnte sehr positive Auswirkungen haben.