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Märkte von Morgen
15.10.2015

Nach dem Aufschwung der letzten Jahre kommt nun die Ernüchterung: Malaysia leidet unter den niedrigen Rohstoffpreisen und einer hohen Verschuldung. Trotz einer mittelfristigen Haushaltskonsolidierung bleiben Investoren verunsichert.

Die über 450 Meter hohen Petronas Towers in Kuala Lumpur gehören zum Wahrzeichen der Hauptstadt Malaysias, doch der Erfolg des gleichnamigen Mineralölkonzerns könnte nun vorbei sein. Das südostasiatische Land leidet unter den niedrigen Rohstoffpreisen, die sich auf das mäßige Wachstum auswirken. (Foto: picture alliance / Robert Harding)

Malaysia, Südostasiens drittgrößte Volkswirtschaft, die am 31. August 2015 den 58. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien feierte, hat in den letzten Jahrzehnten eine beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen. Der rund 30 Millionen Einwohner zählende Vielvölkerstaat, der sich aus zwei durch das Südchinesische Meer getrennten Landesteilen zusammensetzt und nicht nur geografisch, sondern auch wirtschaftlich eng mit dem Stadtstaat Singapur verbunden ist, verfügt über eine junge und gut ausgebildete Bevölkerung, die sich etwa zur Hälfte aus Malaien, zu einem Viertel aus Chinesen, einem Zehntel aus indigenen Volksgruppen und zu rund sieben Prozent aus Indern zusammensetzt.

Die Wirtschaftsleistung je Einwohner liegt bei rund elftausend US-Dollar und ist damit dreimal so hoch wie im Nachbarland Indonesien bzw. fast doppelt so hoch wie in Thailand. Das Land verfügt über umfangreiche Bodenschätze und natürliche Ressourcen (u.a. Zinn, Erdöl und Erdgas, Kautschuk, Palmöl), wovon allein Erdöl- und Erdgas zwanzig Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung ausmachen, und ist daher besonders abhängig von den internationalen Rohstoffpreisen. Die Einnahmen des Staates resultieren zu gut 35 Prozent aus der Erdöl- und Erdgasindustrie. Malaysia ist jedoch inzwischen zugleich ein Industriestandort für Erzeugnisse mit hoher Wertschöpfung (zum Beispiel Elektronikartikel, Automobilindustrie), so dass die Ausfuhren des Landes durchaus diversifiziert sind. Während den Verkäufen ins Ausland gegenwärtig die etwas bessere Entwicklung in den Industrieländern zu Gute kommt, leiden die Rohstoffexporte unter der Wachstumsabschwächung in den Emerging Markets und dem Preisverfall.

Wachstumsausblick leidet unter Rohstoffpreisen
Das BIP-Wachstum hat sich – seit dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise – wieder dynamisch entwickelt und jährliche Zuwachsraten von deutlich über fünf Prozent erreicht. Im Jahr 2013 konnte nur noch eine Zunahme von 4,7 Prozent verzeichnet werden, was im Wesentlichen auf gesunkene Rohstoffpreise und die nachlassende Auslandsnachfrage zurückzuführen war; die Rohstoffe machen ein Fünftel der malaysischen Exporte aus. Im Jahr 2014 konnte sich das BIP dank kräftigerer Auslandsnachfrage und steigendem Binnenkonsum kräftig erholen und um 6 Prozent zulegen. Im laufenden Jahr ist jedoch eine deutliche Abschwächung zu beobachten: Nach 5,6 Prozent (yoy) im ersten Quartal legte das BIP im zweiten Quartal nur noch um 4,9 Prozent (yoy) zu und auch der Wachstumsausblick ist trübe (BIP-Prognose 2015: +4,8 Prozent). Insbesondere die Rohstoffpreise für die wichtigen Exportgüter sind für Malaysia auf einem enttäuschenden Niveau.

Währungsverfall verschlechtert Binnennachfrage
Seit September 2014 sorgt der steile Sinkflug des Ölpreises für einen regelrechten Absturz der Landeswährung Ringgit gegenüber dem US-Dollar auf den tiefsten Stand seit 17 Jahren: Der Ringgit hat seit Jahresanfang 2015 um 17 Prozent gegenüber dem USD abgewertet (auf Zwölf-Monats-Sicht liegt der Rückgang sogar bei 26 Prozent) und ist damit die asiatische Währung mit der bisher schlechtesten Performance in 2015. Auch der Binnenkonsum entwickelt sich schwächer, da die privaten Haushalte, die in den letzten Jahren die relativ höchste Verschuldung in Asien angehäuft haben (etwa 90 Prozent des BIP), unter verschiedenen Maßnahmen der Regierung zur Haushaltskonsolidierung leiden: Im Oktober 2014 wurden bereits die Subventionen für Kraftstoffe gesenkt, was zu einem Anstieg des Benzinpreises um zehn Prozent führte.

Im April 2015 wurde zudem eine Mehrwertsteuer in Höhe von 6 Prozent eingeführt. Zwar dämpfen die niedrigeren Rohstoffkosten den Preisauftrieb etwas, aber die Verbraucherpreise erhöhten sich im Juli zuletzt deutlich auf 3,3 Prozent (yoy) nach 2,5 Prozent (yoy) im Juni, was neben der neuen Mehrwertsteuer vor allem auf die gestiegenen Transportkosten zurückzuführen ist. Die Regierung hat, um die Auswirkungen auf die finanzschwächsten privaten Haushalte zu verringern, auch einen Ausbau des sozialen Sicherungssystems beschlossen, aber zusätzliche Wachstumsimpulse gehen gegenwärtig von der privaten Konsumnachfrage nicht aus.

Staatskasse trotz Schuldenabbau kaum entlastet
Zudem sorgt der Druck auf den öffentlichen Haushalt durch den niedrigeren Ölpreis für Einschränkungen des öffentlichen Konsums. Erst mittelfristig wird das Programm zur wirtschaftlichen Umgestaltung des Landes positive Effekte auf private und öffentliche Investitionen haben: Dies gilt insbesondere für den Bau eines neuen Nahverkehrsnetzes in der Hauptstadt Kuala Lumpur, dessen Investitionsvolumen alleine einen Umfang von rund vier Prozent des BIP haben soll. Ferner ist der Bau einer Hochgeschwindigkeitstrasse für die Bahnverbindung zwischen Singapur und Kuala Lumpur in Vorbereitung, deren Kosten auf USD 12 Milliarden geschätzt werden.

Das Defizit im Staatshaushalt ist 2014 auf 3,4 Prozent  des BIP gesunken. Dieser Trend wird sich voraussichtlich auf Jahressicht 2015 nicht fortsetzen und wir erwarten wieder einen deutlichen Anstieg Richtung vier Prozent. Bis 2020 soll ein ausgeglichener Haushalt erreicht werden, was die Regierung mit einer Vielzahl an Maßnahmen vorantreibt: Neben der Einführung einer Mehrwertsteuer und der Ausweitung der Grundsteuer ist der Abbau von Subventionen bei Strom, Zucker und Benzin ein wesentlicher Treiber der Haushaltskonsolidierung. Durch eine Sanierung des Staatshaushaltes werden sich die öffentlichen Schulden zwar mittelfristig wieder auf unter 50 Prozent  des BIP verringern lassen, allerdings bleibt das Niveau im Vergleich mit den anderen asiatischen Staaten überdurchschnittlich hoch.

Leistungsbilanz und Devisenreserven sinken
Der Überschuss in der Leistungsbilanz, der bis 2011 Werte über zehn Prozent des BIP erreichte, ist in 2014 auf 4,3 Prozent  gesunken. Da sich die Rohstoffpreise nach wie vor enttäuschend entwickeln und die Ausfuhr von verarbeiteten Erzeugnissen im Wesentlichen durch die Erholung der Industrieländer unterstützt wird und durch die Schwäche der Emerging Markets eher belastet, erwarten wir einen Rückgang des Saldos der Leistungsbilanz auf rund drei Prozent in 2015. Nichtsdestotrotz ist Malaysia dank seiner Devisenreserven noch ausreichend gerüstet gegenüber einem weiteren plötzlichen Abzug von Kapital.

Gleichwohl besorgt die Dynamik, mit der in den letzten Jahren die Devisenreserven abgeschmolzen sind, was neben der Investorenflucht zum Teil auf Interventionen der Zentralbank zurückzuführen ist, die versuchte, die Währung zu stützen: Während die Fremdwährungsbestände Ende 2012 noch USD 138 Milliarden erreichten, lagen die Reserven Ende 2014 schon USD 23 Milliarden niedriger bei USD 115 Milliarden; per Ende August betragen die Währungsreserven sogar nur noch USD 94 Milliarden, was rund viereinhalb Monatsimporten entspricht und damit nur knapp über der Mindestempfehlung des IWF von drei bis vier Monatsimporten liegt. Die hohe Verschuldung der privaten Haushalte, die Fremdwährungsaußenverschuldung der Volkswirtschaft insgesamt (35 Prozent  des BIP) und das Engagement der Banken in ausländischen Vermögenswerten stellen allerdings ein Risiko dar, das angesichts der Währungsschwäche zu empfindlichen Rückwirkungen auf die Binnennachfrage und die Wachstumsperspektive führen kann.

Politische Spannung dämpft Investitionsklima
Die Wechselkursschwäche der letzten Monate ist dabei nicht nur monokausal auf die schwächeren Rohstoffpreise zurückzuführen, sondern auch Folge der politischen Landschaft in Malaysia, die internationale Investoren anfangen kritischer zu sehen und in die sie zunehmend weniger Vertrauen setzen: Aktuell sorgen insbesondere Korruptionsvorwürfe gegenüber dem Ministerpräsidenten Najib Razak und seiner Regierung für Zweifel an den rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen in Malaysia, das seit 1957 von der Regierungspartei „United Malays National Organisation“ (Umno) beherrscht wird: Im Kern geht es in der jüngsten Affäre um eine staatliche Investmentgesellschaft, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist und Verbindlichkeiten von USD 11 Milliarde angehäuft hat.

Die Opposition wirft der Regierung daher Misswirtschaft vor und dem Ministerpräsidenten persönlich wird die Entgegennahme eines hohen dreistelligen Millionenbetrages vorgeworfen. Bei Massenprotesten gegen die Regierung in der Hauptstadt Kuala Lumpur Anfang September zeigten sich die religiösen und ethischen Differenzen zwischen den beiden größten Bevölkerungsgruppen, Malaien und Chinesen. Letztere prägen die aktuellen Demonstrationen und die Kritik an der Regierung. Sollte es zu keiner politischen Lösung des Konfliktes kommen, droht eine größere gesellschaftliche und religiöse Spaltung, was bei einem Andauern der Auseinandersetzung auch die Wachstumsperformance weiter belasten dürfte.

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