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Pressefokus
21.10.2015

Mittelständler versorgen sich immer häufiger selbst mit Energie. Vor allem erneuerbare Quellen stehen dabei im Mittelpunkt. Das Rahmenwerk der Energiewende könnte sich jedoch bald ändern – ob zum Vor- oder Nachteil der Unternehmen, bleibt offen.

Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbands der Textil- und Modewirtschaft, kritisiert die für 2016 geplante Ökostromumlage im Rahmen des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes. Für Neumann ist die Umlage ein „Kostenmonster“. (Foto: picture alliance / dpa)

Eigenstrom zu produzieren lohnt sich bisher für viele Mittelständler. Die Energieerzeugung auf dem eigenen Gelände erspart den Unternehmen Steuern und Umlagen, die wegen der Energiewende in Deutschland erhoben werden. Mehr Selbstversorgung eignet sich auch, um langfristig steigende Strompreise abzufedern.

Der Trend nimmt Fahrt auf. 27 Prozent der befragten Unternehmer investieren laut Handelsblatt in die eigene Stromversorgung – 2013 waren es erst 17 Prozent. Zu über zwei Dritteln stehen dabei erneuerbare Techniken wie Fotovoltaikanlagen im Vordergrund. Weniger als die Hälfte der Selbstversorger setzen auf Kraft-Wärme-Kopplung, also etwa auf die energetische Nutzung von Abwärme. Nach dem Deutschen Industrie- und Handwerkskammertag beschäftigen sich momentan 40 Prozent aller Mittelstandsbetriebe mit dem Thema Selbstversorgung – vom Autozulieferer bis zum Getränkehersteller.

Energiegesetz wird aufgefrischt

Doch die 2016 anstehende Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) – dem wichtigsten Paragrafenwerk zur Energiewende – dreht an mindestens drei Stellschrauben, die über die künftige Rentabilität des hausgemachten Firmenstroms entscheiden werden.

Selbsterzeuger ersparen sich bisher etwa das Netzentgelt, das für die Nutzung des allgemeinen Stromnetzes erhoben wird: Wer selbst erzeugt, braucht schließlich kein öffentliches Netz. Dieses Privileg könnte in der kommenden Novelle gekippt werden, schreibt die Wirtschaftszeitung. Auch die allgemeine Stromsteuer von 2,05 Cent pro Kilowattstunde nimmt bislang den Eigenstrom weitgehend aus. Doch auch dieser Vorteil, so das Handelsblatt, wackelt.

Ob der selbst erzeugte Strom für Unternehmen künftig noch rentabel sein wird, hängt sehr stark davon ab, ob dieser Gruppe die EEG-Umlage erlassen wird. Das wäre ein positiver Faktor in der Rentabilitätsrechnung der Firmen. Klarheit wird es dazu erst in den nächsten Monaten geben.

Ökostromumlage steigt auf Rekordniveau

Unabhängig von möglichen weiteren regulatorischen Veränderungen steht eines bereits heute fest: Die EEG-Umlage – auch Ökostromumlage genannt – wird ab 2016 um drei Prozent auf 6,354 Cent pro Kilowattstunde erhöht. Damit hat sie dann ihren bisher höchsten Stand erreicht. Diese Umlage finanziert den Fehlbetrag zwischen den staatlich garantierten Abnahmepreisen für Ökostrom und dem realen Preis für normalen Kohle- oder Atomstrom an den Strombörsen.

Der Mechanismus ist so einfach wie tückisch: Wenn viel konventioneller Strom erzeugt wird, fallen die Preise für Normalstrom. Dann muss die Ökostromumlage steigen, um die wachsende Preislücke zu schließen. Etwa 23 Milliarden Euro pro Jahr zahlen derzeit auf diese Weise private Haushalte und Mittelständler.

„Die vom Bundeswirtschaftsministerium versprochene Kostenbremse bei der Energiewende war Wunschdenken“, reagierte Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbands der Industrie, laut Handelsblatt auf den nun beschlossenen Anstieg der Umlage. Von einem „Kostenmonster“ spricht laut Spiegel Online auch die energieintensive Textilwirtschaft. Nach Informationen des Gesamtverbands der Textil- und Modeindustrie liegen die Stromkosten für deutsche Mittelständler schon mehr als doppelt so hoch wie die in den USA, Kanada, Frankreich oder China. Exportstarke Unternehmen hätten mit der erhöhten Ökostromumlage „Riesenprobleme“.

Auch das Handwerk setzt auf eigenen Strom

Im unsicheren Umfeld neuer gesetzlicher Regelungen und der höheren Ökostromumlage setzen kleinere Firmen weiter auf die Selbsterzeugung. Das Handelsblatt stellt in diesem Zusammenhang den Bäckermeister Andreas Seßelberg aus dem holsteinischen Neustadt vor. Knapp 100 Kilowatt Sonnenstrom produziert die Dachanlage seines Betriebs. „80 Prozent des erzeugten Stroms verbrauchen wir selbst“, sagt Seßelberg der Zeitung. Der Rest wird als Ökostrom ins Netz gespeist.

Solarstrom vom eigenen Dach kostet heute – auch dank günstigerer Anlagen – nur noch knapp zehn Cent pro Kilowattstunde. Normaler Netzstrom wäre derzeit für Mittelständler deutlich teurer. Üblich sind im Mittelstand Anlagen, die zwischen 300 und 1.000 Kilowatt erzeugen, bei typischen Eigenverbrauchsquoten von 60 bis 80 Prozent.

Im Fall der Neustädter Bäckerei ist nicht einmal Technik notwendig, um den Strom zu speichern, was vielerorts die Eigenproduktion verteuert. Nahezu rund um die Uhr sind deren Maschinen und Kühlanlagen in Betrieb, wodurch der Großteil des Stroms direkt verwertet wird. „Die Anlage läuft prächtig“, resümiert Seßelberg.

Unabhängigkeit durch Sparen

Was Unternehmern nach wie vor offensteht, um sich unabhängiger vom Strom zu machen, ist das systematische Energiesparen. Als Beispiel dafür porträtiert die Nordsee-Zeitung das Unternehmen Berthold Vollers, das sich auf die Logistik hochwertiger Güter spezialisiert hat.

Gemeinsam mit dem gemeinnützigen Beratungsunternehmen energiekonsens hat die Bremer Traditionsfirma ihre Energieflüsse unter die Lupe genommen. „Der größte Effekt kann durch die komplette Abschaltung von technischen Anlagen in den Warenlagern außerhalb der Produktionszeiten mit Hilfe entsprechender Schaltungen erzielt werden“, schreibt die Regionalzeitung.

Knapp 20 Megawattstunden kann Berthold Vollers dadurch sparen, also um die 3.500 Euro pro Jahr. Die Steuerungsschaltungen, die installiert werden mussten, um die Einsparungen zu erzielen, kosteten die Firma 1.500 Euro.

Doch selbst für solche Ausgaben gibt es staatliche Investitionszuschüsse. Die Nordsee-Zeitung schreibt: „Haben Unternehmen einen Energie-Check oder eine ‚Energieberatung Mittelstand‘ in Anspruch genommen und die Energiekosten betragen weniger als 10.000 Euro im Jahr, kommt dieser Investitionszuschuss in Frage.“

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Oktober (beobachteter Zeitraum: 5. bis 19. Oktober 2015) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Handelsblatt, Spiegel Online und Nordsee-Zeitung.