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Energie- und Infrastrukturtag
22.09.2015

Die Energiewende ist nicht mehr aufzuhalten und Norddeutschland glänzt mit hohen Energiekapazitäten. Unternehmer können davon profitieren, wenn sie sich flexibel an das Stromangebot anpassen – oder zum Selbstversorger werden.

Vor 100 Jahren verstanden die Menschen unter Autarkie, die Nahrungsgrundlage zu sichern. Heutzutage steht der Begriff für Selbstversorgung und die Deckung des Eigenbedarfs an Strom. (Foto: picture alliance / akg-images)

Die Energiewende kommt, der Strompreis für kleine und mittlere Unternehmen steigt, die Art der zukünftigen Energieversorgung bleibt ungewiss. Was als politisches Großprojekt unter widrigen Umständen begann, trägt der deutsche Mittelstand. In den vergangenen Jahren sind die Preise für Industriestrom um circa 40 Prozent gestiegen. Damit zahlen die Unternehmen hierzulande mehr als doppelt so viel für Energie wie in den USA. Die Lösung kann lauten: Stromautarkie, also die komplette Unabhängigkeit vom Stromnetz. Gefragt sind wirtschaftliche Konzepte, um die eigene Grundversorgung zu sichern.

Unabhängigkeit ist nicht gleich Autarkie

"Komplett stromautark zu wirtschaften, also von einer externen Stromzulieferung unabhängig zu sein, ist in den allermeisten Fällen unverhältnismäßig aufwendig und teuer", sagt Jakob Flechtner vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Als reine Insellösungen dienen Generatoren nur für Notfälle, wie schon heute in Krankenhäusern. Für die weit verbreiteten Windkraft- oder Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) sind Speicher notwendig, da die Nachfrage im Unternehmen sonst nicht auf Dauer bedient werden kann. Anlagen zum Speichern von Energie sind gegenwärtig kaum rentabel, Batteriespeicher erreichen allmählich die Grenze der Wirtschaftlichkeit.

Bilanziell tragen sich viele Unternehmen aufs Jahr gesehen bereits selbst. Die Firmen decken ihre Kosten vor allem bei erneuerbaren Energien zu 100 Prozent. Dank der eigenen Stromerzeugung können sie Energieüberschüsse ins öffentliche Netz einspeisen und von den dabei erzielten Einnahmen ihre gesamten Energiekosten decken. Auf diese Weise konnte „Das Caféhaus“ in Hamburg innerhalb von sechs Jahren den Verbrauch an Strom um fast 40 Prozent verringern. Das Ziel des „Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg“ ist, mit einem Blockheizkraftwerk, einem Kleinwindrad, einem Blockkälte- und einer PV-Anlage unabhängig von fossilen Energieträgern zu arbeiten.
Gegen eine Autarkie im eigentlichen Sinn spricht vor allem die Volatilität der erneuerbaren Energien. Besser aufgehoben sind Unternehmen in regionalen Verbünden, mit denen ganze Landkreise und Gemeinden in Wind- und PV-Anlagen investieren und dadurch ihre Energiebilanz decken.

Vor- und Nachteile von Anlagen, die Kraft und Wärme koppeln

Viele Mittelständler ergreifen inzwischen parallel Maßnahmen, um ihre Energieeffizienz zu erhöhen und dadurch die Kosten für den Verbrauch von Strom zu senken. Laut DIHK beschäftigt sich jedes fünfte Unternehmen mit einer Anlage zur Erzeugung von Energie. Auf diese Weise kann die eigene Nachfrage in Hochzeiten gedeckt werden, etwa an Sonnentagen mithilfe von PV-Anlagen. Manche Unternehmen verlegen energieintensive Produktionsprozesse aus diesem Grund in die Mittagszeit, da dann die Eigenerzeugung am höchsten ist. Damit weiter gearbeitet werden kann, teilen sie die Pausen für ihre Mitarbeiter. Bei dieser Vorgehensweise passt sich der Verbrauch der Stromverfügbarkeit an.

Solarenergie ist für viele Unternehmen dennoch nicht die erste Wahl, da sie sehr volatil und ihre Speicherung sehr kostenintensiv ist. Eine andere Möglichkeit, Energie wirtschaftlicher zu nutzen, bieten Anlagen, die Kraft und Wärme koppeln (KWK-Anlagen). Geeignet sind sie besonders für wärme- oder kühlungsintensive Prozesse, etwa den kontinuierlichen Betrieb von Servern. Die Kombination aus Strom- und Wärmeversorgung erhöht zudem die Energieeffizienz erheblich: Bis zu 90 Prozent kann der Wirkungsgrad dieser Energietechnologie ausmachen, der obendrein die CO2-Emissionen senkt. Den Nutzen konterkariert ein sehr hoher Anschaffungspreis. Einsparungen oder gar Erträge aus der Stromeinspeisung sind deshalb nur möglich, wenn solche Anlagen über einen längeren Zeitraum arbeiten. KWK-Anlagen werden mit fossilen Energieträgern oder Biomasse betrieben und sind wesentlich rentabler als herkömmliche Verbrennungssysteme.

Chancen und Risiken einer dezentralen Stromversorgung

Dezentrale KWK-Anlagen sollen bis 2020 ein Viertel der Stromerzeugung decken, bergen für mittelständische Unternehmer aber ein beachtliches Risiko. Zwar liegt ein Gesetzesvorschlag vor, sie ab 2016 mit insgesamt 1,5 Milliarden Euro pro Jahr zu fördern. Diese KWK-Novelle zielt aber vor allem auf die öffentliche Versorgung und Unternehmen mit hohem Energiebedarf. "Betriebe mit Eigenerzeugung sollen laut Gesetzesvorlage allerdings keine Förderung mehr erhalten", wendet Flechtner ein. DIHK-Präsident Eric Schweitzer äußert gegenüber der Zeitung Energie und Management: „Statt diesen positiven Trend nachhaltig zu unterstützen, tut die Politik jetzt alles, um die Eigenerzeugung teuer und damit unattraktiv zu machen.“

Ob sich eine KWK- oder eine PV-Anlage rechnet, ist für jedes Unternehmen individuell zu entscheiden. Das wesentliche Kriterium ist die Abschreibungsdauer, sehr investitionsintensiv ist meist auch die Technik. Für Betriebe, deren Kerngeschäft außerhalb der Energiewirtschaft liegt, ist der Anreiz in vielen Fällen zu gering, um in diesem Bereich Eigenkapital zu binden. Ein Gespräch mit einem unabhängigen Energieexperten ist dabei hilfreich.

Gründe für Unternehmen, über eine Eigenversorgung nachzudenken

  • Selbst produzierter Strom, beispielsweise aus PV-Anlagen, ist günstiger und damit wirtschaftlicher als Fremdstrom, wenn die Abschreibung auf eine Förderungsdauer von zehn bis zwölf Jahre bezogen wird – statt auf die üblichen fünf.
  • In Deutschland fällt der Strom pro Jahr im Durchschnitt für zehn bis 15 Minuten aus. Das Ausfallrisiko kann in den kommenden Jahren steigen. Minuten, die für ein Unternehmen hohe Verluste bedeuten, können über eine KWK-Anlage oder einen dezentralen Generator überbrückt werden.
  • Unternehmen, die sehr effiziente KWK-Anlagen oder erneuerbare Energien nutzen, tragen aktiv zur Energiewende bei.

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Erneuerbare Energien- und Infrastruktur-Tag

Im Rahmen der Kompetenzveranstaltung der HSH Nordbank am 18. Juni 2015 referierten hochkarätige Experten über aktuelle Themen und Trends der Energie- und Infrastrukturbranche. Mit dabei war Andreas Brabeck, Leiter für Politik und Downstream/ Regulatory Corporate Affairs der RWE AG. In seinem Vortrag sprach er über Stromverteilnetze und Lösungen für Strom erzeugende Anlagen. Weitere Referenten und Experten waren: Jens Genkel, Partner Meridiam; Michael Wilkins, Managing Director Infrastructure Finance Ratings, Standard & Poor’s Rating Services; Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt, HSH Nordbank AG; Felix Goedhart, Vorstandsvorsitzender, Capital Stage AG; Dr. Armin Sandhövel, CIO Infrastructure Equity, Allianz Global Investors Europe GmbH.