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23.09.2015

Deutsche Firmenlenker wünschen sich stärker als Familienunternehmer im restlichen Europa einen Nachfolger aus dem eigenen Clan. Doch nicht immer stehen die Nachkommen zur Verfügung. Ein Trend kann Abhilfe schaffen: Immer mehr Konzernmanager wollen Mittelständler werden. Eine Option mit Chancen und Risiken.

Deutsche Unternehmen bevorzugen einen Nachfolger aus der Familie. Bastian Fassin (rechts) wurde 2004 geschäftsführender Gesellschafter des Süßwarenherstellers Katjes, der sich seit drei Generationen im Besitz der Familie befindet. 1996 hatte sich jedoch das Unternehmen familienfremde Verstärkung geholt – in Person von Tobias Bachmüller (links). (Foto: picture alliance / dpa)

Familienunternehmen schlagen Großkonzerne bei der Mitarbeiterzufriedenheit. Vor allem erfahrene Fach- und Führungskräfte schätzen die Verbindlichkeit eines mittelständischen Unternehmens, aber auch deren Effektivität, schreibt die Wirtschaftswoche.

Das Magazin beruft sich auf eine Umfrage der Unternehmensberatung Boris Gloger Consulting und der Hochschule Augsburg, an der sich fast 400 Manager und Fachkräfte aus allen Branchen und unterschiedlichen Firmengrößen beteiligten. 75 Prozent der Befragten, die angaben, sie seien „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“ mit ihrer Arbeitsstelle, arbeiten demnach bei einem Mittelständler. Mit 65 Prozent deutlich darunter lag der Wert der Teilnehmer, die in Großkonzernen arbeiten.

Konzern schreckt ab

„Dieser Unterschied ist signifikant, denn noch immer gelten die Großkonzerne als die beliebtesten Arbeitgeber – in der Praxis sind sie aber zu Verwaltungsburgen verkommen“, erläutert Berater Boris Gloger gegenüber dem Magazin. Ein wichtiger Grund für die bröckelnde Zufriedenheit mit den Großunternehmen ist demnach die schwindende Sicherheit des Arbeitsplatzes. Negativ zu Buche schlügen aber auch steigender Stress und ein deutlich erhöhter Druck, kurzfristig Ergebnisse liefern zu müssen. In Familienunternehmen, die eher in Zeithorizonten von zehn oder 15 Jahren planten, sei die Belastung dagegen weitgehend unverändert geblieben.

In überschaubareren Organisationen werden die Aufgaben offenbar deutlich effektiver erledigt. „In Konzernen nehmen taktische Spielchen und Meeting-Wahn überhand. Führungskräfte entfremden sich immer weiter von ihren Teams, was bei den Mitarbeitern für Angst und Frust sorgt. Statt Managern unternehmerischen Freiraum zu geben, wo auch Fehler vorkommen dürfen, werden Projekte in endlosen Meetings kollektiv totgequatscht“, zitiert die Wirtschaftswoche Studienkoautor Gloger.

Führungskräfte liebäugeln mit dem kleineren Format

Als eine Reaktion auf die sinkende Stimmung in Großunternehmen drängt es immer mehr Manager auf einer reiferen Karrierestufe zu einem Mittelständler. So berichtet das Handelsblatt von Führungskräften mit viel Konzernerfahrung, die die Spitze eines Familienunternehmens übernehmen. Diesem Wunsch entgegen kommt ein Problem, das viele Mittelständler haben: Sie finden keinen Nachfolger aus der Familie.

Viele, die in dieser Situation waren – wie der Süßwarenfabrikant Katjes oder der Schreibgerätehersteller Lamy – stellen einen externen Manager nicht nur ein, sondern beteiligen ihn auch am Unternehmen. Häufig kauft die neue Führungskraft gleich die komplette Firma.

„Inzwischen bekomme ich wöchentlich Anrufe – meist von Managern zwischen 45 und 55 Jahren, für die ich nach geeigneten Firmen Ausschau halten soll“, berichtet Stefan Butz der Wirtschaftszeitung. Er ist öffentlich bestellter Sachverständiger und berät Firmen und bei Nachfolgeprojekten. Solche Anfragen kämen häufig von Managern, deren Konzern umstrukturiert werde, schreibt das Handelsblatt. Was die Führungskräfte vor allem locke, sei die Freiheit, in der eigenen Firma so planen und arbeiten zu können, wie sie es sich vorstellten.

Mittelstand ist nicht für jeden geeignet

Oft wird in kleineren Unternehmen deutlich mehr Bauchgefühl und soziale Kompetenz verlangt als in Konzernen. „Erfolgreiche Manager sind nicht per se erfolgreiche Unternehmer. Ich rate Konzernmanagern, die in den Mittelstand wechseln wollen, nicht zu unterschätzen, wie unterschiedlich diese beiden Welten sind“, sagt Raoul Nacke, geschäftsführender Gesellschafter der internationalen Personalvermittlung Eric Salmon & Partners der Zeitung.

Unterm Strich favorisieren deutsche Mittelständler die Verpflichtung externer Führungskräfte ohnehin deutlich seltener als Firmen in europäischen Nachbarländern, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Dabei beruft sich die Zeitung auf eine Befragung des Dachverbands europäischer Familienunternehmerverbände und der Beratungsgesellschaft KPMG, nach der das Firmenvermögen in Deutschland im Idealfall komplett in Familienbesitz bleibt.

Demnach sind drei von vier Familienunternehmen in Deutschland zu 100 Prozent in Familieneigentum. Nur etwa jeder Zweite sieht externe Manager in der Geschäftsführung als vorteilhaft an – europaweit sind dagegen 84 Prozent dieser Ansicht. In der Praxis beschäftigen denn auch nur knapp 57 Prozent der deutschen Familienunternehmen familienfremde Führungskräfte, gegenüber 80 Prozent im europäischen Durchschnitt.

Unternehmer befürchten Kontrollverlust und Entfremdung

Nach den Gründen befragt, warum Familienmitglieder beim Unternehmensübergang Vorrang haben sollten, gaben die meisten deutschen Unternehmer an, sie fürchteten einen Konflikt zwischen einem externen Manager und der Nachfolgegeneration, berichtet die FAZ. Als zweit- und dritthäufigster Grund werden der Verlust der Kontrolle über das Unternehmen und die Befürchtung, die familiäre Verbundenheit zur Belegschaft könne leiden, genannt.

Unabhängig davon, wer die Nachfolge bei einem Mittelständler antritt, muss der Übergang rechtlich geklärt und häufig auch finanziert werden, gibt die Tageszeitung Die Welt zu bedenken, die einen umfassenden Überblick zum Thema liefert.

Geht der Betrieb direkt an Sohn oder Tochter über, was nach Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung, derzeit in 54 von 100 Fällen so ist, kommt es in der Regel zu einer Schenkung der Firmenanteile an die Nachkommen. Brüder und Schwestern, die nicht ins Unternehmen einträten, bekämen einen Barausgleich, der oft aus dem Cashflow oder über stille Reserven bezahlt werde, erläutert Peter Englisch von der Beratung Ernst & Young der Zeitung.

Wenn die Kinder vom Vater kaufen

Nicht selten verkauft der Patriarch seine Firma aber auch an seine Nachkommen. „Dann erhält der scheidende Unternehmer eine lebenslange Ratenzahlung, genannt Leibrente, oder der Kaufpreis wird über drei, fünf oder zehn Jahre in Raten zurückgezahlt“, so Mittelstandsexperte Englisch. Kaufe ein verwandter Nachfolger, stünden ihm neben Krediten der Hausbank auch diverse Darlehen öffentlicher Förderbanken wie etwa der Kreditanstalt für Wiederaufbau zur Verfügung.

In 17 Prozent der Fälle komme in Deutschland auch ein Mitarbeiter als Nachfolger und Käufer zum Zug, also zum Beispiel ein eingesetzter Geschäftsführer. Auch er müsse sich um eine Finanzierung bemühen, um den „Management Buy-out“ zu stemmen. „Zwei Gesellschafter einer IT-Firma hatten aus Altersgründen einen Nachfolger gesucht, und zwei Manager aus dem eigenen Team haben die Firma übernommen“, schildert Michael Keller von der Frankfurter Beratung Keller & Coll. der Zeitung. 85 Prozent des Preises hätten die Erwerber aus Förderdarlehen finanziert. Der Verkäufer habe für den Rest ein zehnprozentiges Verkäuferdarlehen gewährt und fünf Prozent hätten die Käufer als direktes Eigenkapital zugeschossen. Ein solcher Finanzierungsmix sei auch bei einem „Management Buy-in“ denkbar – wenn sich ein externer Manager in Firma und Geschäftsführung einkaufe.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat September (beobachteter Zeitraum: 7. bis 21. September 2015) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt.