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Energie & Infrastruktur
09.09.2015

Europa hinkt den USA in Wachstum, Investitionen und Arbeitsplätzen hinterher – und das seit Jahren. Eine Investitionsoffensive der Europäischen Union will das ändern und hält auch für kleine und mittelgroße Unternehmen umfangreiche Mittel für Infrastrukturprojekte bereit.

Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, lenkt Brüsseler Milliarden auch in Richtung Kleinunternehmen. (Foto: picture alliance / dpa)

Seit Ausbruch der Finanzkrise entwickelt sich die Wirtschaft diesseits und jenseits des Atlantiks unterschiedlich stark. Die Vereinigten Staaten erwarten für 2015 und 2016 ein reales Wachstum zwischen 2,5 und drei Prozent, die Europäische Union (EU) dagegen wird Statistikern zufolge nur um 1,8 bis 2,1 zulegen.

Zusätzlich macht sich in der EU ein drastischer Investitionsstau bemerkbar. Das Niveau privater und öffentlicher Investitionen, etwa im Bereich Infrastruktur, sinkt seit 2007 und liegt aktuell immer noch um 15 Prozent unterhalb des Niveaus vor der Finanzkrise. In den USA und anderen Ländern sind die Investitionen dagegen längst wieder angesprungen.

Gigantischer Investitionsbedarf

Der Investitionsrückstand ist mittlerweile beträchtlich. Nach Zahlen der Europäischen Investitionsbank (EIB) fehlen in der EU aktuell rund 130 Milliarden Euro an Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung. Bei Energie- und Verkehrsnetzen sowie der Digitalisierung beträgt das Defizit gut 200 Milliarden und im Umwelt- und Klimaschutz kommen noch einmal knapp 100 Milliarden dazu.

Der „Juncker-Plan“, benannt nach dem Präsidenten der EU-Kommission, soll helfen, den Rückstand aufzuholen. Das Programm sieht Garantien, direkte Kredite, Eigenkapitalbeteiligungen und Kofinanzierungen für Unternehmen vor, die private und öffentliche Infrastrukturprojekte entwickelt haben und damit Arbeitsplätze schaffen und der Wirtschaft Impulse geben wollen.

Der wichtigste Kanal für die Verteilung der Mittel ist die staatliche Investitionsbank der EU-Staaten, die EIB. In Deutschland hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zugesagt, sich mit acht Milliarden Euro am Juncker-Plan zu beteiligen. Werner Hoyer, Chef der EIB, verdeutlichte gegenüber der Zeitung Die Welt die Rolle der EIB und des Europäischen Fonds für strategische Investitionen (EFSI): „Wir sind nicht dafür da, das Geschäft privater Kreditinstitute zu übernehmen und diese aus dem Markt zu drängen. Wir steigen deswegen über EFSI nur dort ein, wo momentan Marktversagen herrscht, wo der Markt seine Aufgabe nicht übernimmt. Selbst in Ländern wie den Niederlanden, die wirtschaftlich stark sind, tun sich beispielsweise kleine und mittelgroße Unternehmen schwer, an Kredite heranzukommen.“

Europäische Union und private Investoren verbünden sich

Insgesamt will die Brüsseler Initiative als Anschubhilfe vor allem privates Investorengeld mobilisieren. Damit soll laut Juncker-Plan eine Investitionsoffensive im Gesamtvolumen von 315 Milliarden Euro ins Rollen gebracht werden, die nach Schätzungen etwa 1,3 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen kann. Mit 75 Milliarden will Jean-Claude Juncker kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bedenken. José Manuel Fernandes, Sprecher des Haushaltsausschusses im Europäischen Parlament, verdeutlicht das Potenzial, das darin steckt: „75 Milliarden gehen an die KMU, das Rückgrat unserer Wirtschaft, denn die kleinen und mittleren Unternehmen stellen zwei Drittel der Arbeitsplätze des Privatsektors und 99 Prozent aller Unternehmen in Europa. Politiker können nicht einfach so Jobs schaffen, aber wir können denen helfen, die dazu in der Lage sind.“

Der den Juncker-Plan refinanzierende EFSI startet mit Zusagen von EU-Ländern in Höhe von 16 Milliarden Euro. Hinzu kommt das direkte Engagement der EIB in Höhe von fünf Milliarden. Für das anvisierte Endvolumen sollen Brüsseler Garantien und private Investoren sorgen. Brüssel wird zusätzlich zu den EFSI-Mitteln das Datenportal European Investment Project Portal schultern, auf dem Investoren sich über die vorgeschlagenen Projekte informieren können.

Das Juncker-Geld fließt bereits

Die ersten Vorhaben für mittelgroße Firmen wurden bereits auf den Weg gebracht – zunächst außerhalb Deutschlands. Das finnische Zellstoffunternehmen Metsä Fibre erhielt im Juni einen Kredit in Höhe von 275 Millionen Euro für die Entwicklung einer hochmodernen Fabrik. Zellstoff wird dort aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt. Die dafür nötige Energie stellt das Werk selbst her – aus Rinde und Trägern erneuerbarer Energie wie Wasser, Wind oder Sonne.

Ein weiteres Beispiel ist der spanische Abwasserspezialist Abengoa. Er hat im Juli EIB-Mittel in Höhe von125 Millionen Euro bekommen, um neue biotechnologische Verfahren zur Aufbereitung von Abwasser zu entwickeln. Abengoa wird dieses Projekt im strukturschwachen Andalusien ansiedeln. 50 Millionen der Darlehenssumme wurden durch Juncker-Mittel abgedeckt und garantiert.

Die Brüsseler Milliarden laufen auch über private Vermittler. In Frankreich erhielt der Fonds Capenergie, den das Private-Equity-Unternehmen Omnes Capital managt, 50 Millionen Euro aus dem Juncker-Topf. Der Fond investiert mit diesem Geld ausschließlich in Mittelständler, die sich erneuerbaren Energien verschrieben haben. Er soll Kapital in Höhe von 200 Millionen Euro sammeln und über private Kofinanzierungen letztlich ein Gesamtvolumen von einer Milliarde Euro erreichen.

Auch deutsche Mittelständler profitieren

Nach einer Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) ist der Juncker-Plan ein geeignetes Mittel, um die gerade im deutschen Mittelstand besonders schmerzhafte Lücke bei Wagniskapital und größeren Beteiligungen auszufüllen.

Für mittelständische Unternehmen führt der Weg zu den Juncker-Milliarden über eine regionale Förderbank wie etwa die KfW oder über einen Risikokapitalfonds, der mit dem EIF zusammenarbeitet. Der EIF wird nach Bewilligung der Gelder auch die Abwicklung der Finanzierung übernehmen.

Die Kriterien, nach denen Unternehmen durch die Brüsseler Milliarden gefördert werden können, sind nach der Einschätzung des Bunds der Deutschen Industrie (BDI) breit gefasst. Das wichtigste Kriterium für die Finanzierung durch EFSI-Mittel ist: Für das Projekt darf kein anderer Förderweg offenstehen. Zudem muss die vorgeschlagene Technologie marktreif und verfügbar sein und das Einstiegsinteresse privater Investoren wecken. Letztlich müssen die Vorschläge den Rentabilitätsmaßstäben der EIB genügen und das Vorhaben muss inklusives Wachstum, Beschäftigung und soziale Kohäsion fördern.

Mehr zu den Themen Erneuerbare Energien und Infrastruktur:

Sichere, konstante Renditen“ – ein Interview mit Dr. Marcus Kleiner und Lars Quandel von der HSH Nordbank.
Stromautarkie als Antwort auf die Energiewende? – Vor- und Nachteile der Selbstversorgung

Erneuerbare Energien- und Infrastruktur-Tag
Im Rahmen der Kompetenzveranstaltung der HSH Nordbank am 18. Juni 2015 referierten hochkarätige Experten über aktuelle Themen und Trends der Energie- und Infrastrukturbranche.

Mit dabei war Jens Genkel, Partner Meridiam, der zum Thema „The Juncker Plan.
Where will the investment take place?“ referierte.

Weitere Referenten und Experten waren: Michael Wilkins, Managing Director Infrastructure Finance Ratings, Standard & Poor’s Rating Services; Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt, HSH Nordbank AG; Andreas Brabeck, Leiter Politik Downstream/Regulatory, RWE Aktiengesellschaft; Felix Goedhart, Vorstandsvorsitzender, Capital Stage AG; Dr. Armin Sandhövel, CIO Infrastructure Equity, Allianz Global Investors Europe GmbH.