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Gesundheitsbranche
26.08.2015

Rund 100.000 Health-Apps für mobile Geräte unterstützen Menschen dabei, ihre Fitness, ihre Diät oder die Einnahme ihrer Medikamente im Blick zu behalten. Patienten werden zum Manager ihrer Gesundheit, Ärzte verlieren an Einfluss. Die Menge der dabei gewonnenen Daten wächst stetig. Damit alle Beteiligten davon profitieren, sind einige Regeln zu beachten.

Digitales Gadget

Digitale Gadgets prüfen die Beschaffenheit der Haut, eine App überträgt die Informationen auf das Smartphone. (Foto: picture alliance / dpa)

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts setzten die Akteure des Gesundheitsmarkts 2013 an die 315 Milliarden Euro um. Niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser, Versicherungen, Labore, Hersteller von Medizintechnik und Software-Produzenten leisten einen wesentlichen Beitrag zu mehr Gesundheit. Da die Budgets begrenzt sind, steht die Suche nach effizienten Lösungen im Vordergrund. Deren Eckpfeiler sind Prävention, bessere Diagnostik und das Vermeiden von Fehlbehandlungen. Die Digitalisierung und Vernetzung der Daten kann dazu beitragen. Sie ermöglicht eine ganzheitliche Sicht und befähigt Patienten, mehr Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.

Allerdings sind nicht alle Akteure des Gesundheitswesens von den neuen Möglichkeiten angetan. Einige sehen den Schutz der Daten bedroht. Hier gilt es sorgsam abzuwägen zwischen informeller Selbstbestimmung und dem Schutz des Lebens – wenn beispielsweise ein Unfallopfer ein Medikament erhält, auf das es allergisch reagiert.

Tech-Unternehmen nutzen die Lücke

Wenn die Branche selbst keine digitalen Lösungen auf den Weg bringt, nutzen andere Anbieter die Lücke und bieten Services für Patienten an: Etablierte Hersteller von Smartphones und Start-ups bringen Health-Apps aller Art und Fitnessarmbänder auf den Markt und die Patienten nehmen die Angebote dankbar an. Ärzte und Krankenhäuser, die sich dieser Entwicklung verweigern, drohen vom Datenfluss abgekoppelt zu werden. Auf dem Sprung sind große Konzerne, die verstärkt in diesen Markt investieren. Dazu gehören die Telekom, Google, IBM, Dell, Apple, Samsung, Merck und Generali. Sie sind Experten in der Ansprache von Kunden und werden sich mit diesem Wissen rasch Akzeptanz für ihre Angebote verschaffen.

Laut der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) wurden 2014 bereits 3,6 Millionen Minicomputer für das Handgelenk, sogenannte Wearables, in Deutschland verkauft. Das Beratungsunternehmen prophezeit dem Markt starkes Wachstum. Die erste Krankenkasse hat bereits bekannt gegeben, sie werde solche Geräte oder Applikationen (Activity Tracker) finanziell unterstützen, wenn die Versicherten ihre Gesundheit aktiv managten. Nach PwC ist fast die Hälfte der Deutschen offen für die neuen Angebote – ob sie nun von Apple oder von ihrer Apotheke kommen. Wenn der Nutzen stimmt, sind Patienten auch bereit, dafür zu zahlen. Doch das Angebot scheint noch nicht ausgereift. PwC-Gesundheitsexperte Michael Burkhardt ist sich jedenfalls sicher: „Die Entwicklung hierzulande steckt noch in den Kinderschuhen. In den USA treiben die neuen Marktteilnehmer bereits die Dezentralisierung des Gesundheitswesens voran. ‚Do-it-yourself healthcare‘ lautet das Stichwort.“ 

Ärzte sind in Gefahr, abgekoppelt zu werden

Die Ärzte könnten an Einfluss verlieren, zeigt eine Umfrage des internationalen Marktforschungs- und Beratungsinstituts YouGov: 19 Prozent der 25- bis 34-Jährigen sind der Meinung, eine Gesundheits-App könne einen Arztbesuch ersetzen. Immerhin noch 14 Prozent der über 55-Jährigen schließen sich dieser Meinung an. Besonders interessant fand ein Drittel aller Befragten eine App, die eine Onlinesprechstunde ermöglicht und damit lästige Wartezeiten in der Praxis erspart. Ferndiagnosen und Telemedizin nehmen mit solchen Ideen Gestalt an. Dazu Dr. Ella Jurowskaja, Consultant im Bereich Healthcare bei YouGov: „Zudem können durch die Methoden des Self-Trackings und die digitale Weitergabe der Daten an den Arzt Patienten in ländlichen Gebieten weitaus besser fachärztlich versorgt werden.“ Zu klärende Haftungsfragen verhindern im Moment eine sofortige Umsetzung.

Ärzte haben durchaus die Chance, weiterhin ein geschätzter Partner ihrer Patienten zu sein. So spricht jeder fünfte Patient seinen Arzt auf Health-Apps und die Erfassung von Gesundheitsdaten an, wie eine Studie des Pharmamarktforschers DocCheck Research zeigt. Die Ärzte haben also durchaus die Chance, sich als kompetente Berater rund um Health-Apps zu positionieren. Nach der Studie würden sich 86 Prozent der Patienten mit Fragen an ihren Haus- oder Facharzt wenden und 70 Prozent würden ihre Daten auch mit dem angesprochenen Arzt teilen. Allerdings kennt sich gut die Hälfte der Ärzte mit den Geräten nicht ausreichend aus. Mit ihrer Krankenkasse würden die Patienten ihre Daten übrigens deutlich weniger gern teilen: Dazu war lediglich ein Drittel bereit.

Die Chancen nutzen, ohne die Risiken zu vernachlässigen

Aktuell stehen die auf den Smartphones der Patienten gesammelten Daten den Ärzten nicht automatisch zur Verfügung. Die Patienten haben sie und teilen sie – bewusst oder unbewusst – mit den Herstellern der Apps. Das ruft Politiker und Datenschützer auf den Plan, die Patienten davor zu warnen, allzu großzügig mit ihren Daten umzugehen.

Welche Konsequenzen die Sammlung riesiger Datenmengen durch die Health-Technologie haben wird, ist noch nicht abzusehen. Klar ist: Health-Apps haben das Potenzial, Leben zu retten. Wichtig wird es sein, alle Schichten der Gesellschaft von diesen Systemen profitieren zu lassen und die Risiken einer Hightechvorsorge im Blick zu behalten.