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Auf einen Espresso mit ...

Cyrus de la Rubia zur unter Druck geratenen Weltwirtschaft

24.08.2015

Was der Aktiencrash in China für die Weltwirtschaft bedeutet und ob eine weltweite Rezession droht, erklärt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Die Börsen sind weltweit angebrochen, teilweise um bis zu 25 Prozent. Ist der Absturz übertrieben oder ist die Lage der Weltwirtschaft tatsächlich so schlecht?
Cyrus de la Rubia: Ich glaube nicht, dass die Lage so schlecht ist. Allerdings passten die Börsenkurssteigerungen der Vergangenheit schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu der Entwicklung der Weltwirtschaft. Die läuft zwar durchaus robust, befindet sich aber nicht auf der Überholspur. Die Kurse waren einfach zu hoch und fundamental nicht gerechtfertigt, das hat ja schon der Internationale Währungsfonds im vergangenen Jahr angedeutet. Der Einbruch der Börsen in China ist nun der Anlass, über die Bewertungen der globalen Aktienmärkte nachzudenken – das bringt die Kurse stark unter Druck.   

Der Auslöser der jetzigen Krise ist, dass die chinesische Wirtschaft nur noch um sieben Prozent gewachsen ist. Das ist für die mittlerweile zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt in absoluten Zahlen immer noch viel. Warum diese Aufregung?
Cyrus de la Rubia: Viele Jahre war in China ein Wachstum von zehn Prozent plus x normal. Seit der Finanzmarktkrise hat sich das stetig verlangsamt. Das ist eigentlich eine weiche Landung, die bisher auch relativ gut gelingt. Aber offensichtlich ist die Furcht groß, dass aus den sieben bald fünf Prozent oder noch weniger werden.

Welche Folgen hätte ein weiteres Abrutschen Chinas?
Cyrus de la Rubia: China trägt etwa 15 Prozent zur Weltwirtschaftleistung bei und ist für etwa 40 Prozent des weltweiten Wachstums zuständig. Das Land hat große Bedeutung für die globale Wirtschaft. Die wachsende Mittel- und Oberschicht in China hat unter anderem viele Luxusgüter und Autos aus Europa und den USA gekauft. Jetzt werden diese weniger nachgefragt. Die Gewinnaussichten von Firmen, die viel Absatz mit China machen, verschlechtern sich.

In den vergangenen Monaten sind die Rohstoffpreise eingebrochen. Das müsste doch wie ein Konjunkturprogramm wirken.
Cyrus de la Rubia: Kommt darauf an in welchen Ländern! Für die entwickelten Industrieländer, die zum großen Teil Rohstoffe importieren, ist das so. Dafür leiden die Länder, die Rohstoffe produzieren, wie beispielsweise Russland, Brasilien, Venezuela, Chile, Kanada, Norwegen und Australien. Und dann gibt es noch regionalen Unterschiede wie zum Beispiel in den USA, wo einige Bundesstaaten im Ölsektor eine große Abhängigkeit von Fracking-Aktivitäten aufweisen, wenngleich die USA insgesamt von den niedrigen Ölpreise per Saldo profitiert.

In den vergangenen Jahren haben die Zentralbanken mit Nullzinspolitik und grenzenloser Liquidität die Märkte befeuert. Dieses Instrument steht nicht mehr zur Verfügung. Was bedeutet das?
Cyrus de la Rubia: Rein theoretisch könnten die Zentralbanken auch Aktien und Unternehmensanleihen kaufen. Allerdings müssen die Zentralbanken aufpassen, dass sie mit weiteren radikalen Maßnahmen nicht ihre Glaubwürdigkeit verspielen. Zuletzt war manchmal der Eindruck entstanden, die Zentralbanken könnten alles regeln. Das wird nun korrigiert. Es wäre gut, wenn man endlich den Märkten die Preisfindung überlässt.

Droht der Weltwirtschaft eine Rezession?
Cyrus de la Rubia: Ich halte die Fundamentaldaten immer noch für relativ solide. Die Gefahr einer weltweiten Rezession sollte man sicherlich nicht unterschätzen, ist aber zum jetzigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich.