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26.08.2015

Der deutsche Mittelstand steht auf der Einkaufliste chinesischer Unternehmen. Die meisten Firmen fahren gut mit ihren neuen Eigentümern aus Fernost. Das Land benötigt ausländisches Wissen, um endlich den großen technologischen Sprung nach vorn zu schaffen.

Die Zeiten der „hundert Blumen“ sind vorbei – heute erntet China Know-how für seine eigene Entwicklung. (Foto: picture alliance / Photoshot)

China steht an einer Wegmarke. Das Ziel ist der Wandel von der „Werkbank der Welt“ zu einer führenden Industrienation mit eigener technologischer Tragkraft – nach dem Vorbild Deutschlands, Japans oder der USA. Chinesische Firmen schauen sich deshalb intensiv in Ländern wie Deutschland nach Technologie und Zukaufmöglichkeiten um.

Putzmeister: das Vorbild einer chinesischen Übernahme

Wie gut sich deutsche Mittelständler mit einem chinesischen Eigentümer entwickeln können, zeigt das Beispiel des Betonpumpenherstellers Putzmeister, den der chinesische Baumaschinenkonzern Sany vor drei Jahren kaufte. „Anfängliche Ängste um einen möglichen Arbeitsplatzabbau sind längst verflogen“, resümiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Modellfall. Der neue Besitzer des bei Stuttgart ansässigen Unternehmens zeige sich „tendenziell längerfristig orientiert“, lobt gegenüber der Zeitung sogar die IG Metall. Für die 1.254 Mitarbeiter von Putzmeister hat die Gewerkschaft sogar betriebsbedingte Kündigungen per Vertrag mit den Chinesen bis Ende 2020 ausschließen können.

Sany geht parallel mit viel Überlegung vor, um Wachstum in den deutschen Neuerwerb zu bringen. So wurde etwa der Boommarkt Mexiko mit einem neuen Standort in den Fokus gerückt, um dort das Geschäft mit Fahrmischern auszubauen. In Deutschland gaben die Chinesen derweil drei Millionen Euro für ein neues Versuchszentrum aus. Dank dieser Maßnahmen zog der Umsatz von Putzmeister im letzten Jahr um zehn Prozent auf rund 690 Millionen Euro an.

Nachlassender Boom treibt Drang ins Ausland

Seit dem Jahr 2000 haben chinesische Firmen rund sieben Milliarden Euro für Firmenzukäufe hierzulande ausgegeben. Immer stärker treibt diese Entwicklung auch der abflauende Boom zu Hause, wie das Wirtschaftsmagazin Capital am Beispiel der beiden fränkischen Fernsehapparatehersteller Metz und Loewe beschreibt.

An Metz, einem der letzten deutschen TV-Geräteproduzenten, hat sich kürzlich – während der Insolvenz der Franken – Skyworth aus Shenzhen beteiligt, ein Gigant der 14 Millionen Fernseher pro Jahr fertigt. Im Vordergrund steht für die Chinesen der Erhalt der Firma, um das technische Know-how und die Erfahrung des Familienunternehmens auf dem Markt für Qualitätsfernseher nutzen zu können.

Skyworth wolle zu Hause mit einer High-End-Marke „Made in Germany“ punkten. Noch wichtiger: Von Zirndorf aus soll die eigene Marke in Europa eingeführt werden, auch über die Vertriebskontakte von Metz – schildert das Wirtschaftsmagazin die Strategie. „Im ersten Schritt ging es für die Chinesen darum, wie man gute Fernseher macht“, äußerte der Branchenanalyst Paul Gray gegenüber Capital. Nun gehe es darum, „wie man gute Fernseher überall vermarktet“, so der Experte.

Auf ähnliche Weise arbeitet Loewe, der Kronacher Hersteller von Edelfernsehern – der ebenfalls aus der Insolvenz kam – mit dem chinesischen Riesenkonzern Hisense zusammen. Die Chinesen helfen Loewe, die Krise durch effektivere Strukturen zu überwinden. Die Deutschen liefern ihr Wissen über den Einstieg in reiferen Märkten nach Fernost.

Von Deutschland lernen heißt siegen lernen

Chinesische Unternehmer und Manager beobachten den deutschen Mittelstand seit Jahren sehr genau – immer auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen und Vorbildern. Eine 17-köpfige Delegation des chinesischen Landmaschinenverbands hat die Wirtschaftswoche begleitet, die in ihrer Reportage interessante Einblicke liefert, wie chinesische Unternehmer und Techniker den deutschen Mittelstand wahrnehmen. „Der Rhythmus hier ist viel langsamer“, analysiert etwa die Cheftechnikerin Zhang Rui von Yihe, einem der größten Achsenhersteller Chinas, beim Rundgang durch die Hallen des süddeutschen Landmaschinenzulieferers Argo-Hytos. „Trotzdem ist alles effizienter“, so die Chinesin, der bei den Deutschen vor allem den Grad der Automatisierung imponiert. Bei chinesischen Fahrzeugherstellern kommen auf 10.000 Mitarbeiter 280 Roboter, während es in Deutschland viermal so viele sind.

„Die Qualität ist gut – sehr gut! Aber viel zu teuer“, urteilt der Unternehmer Jun Rong beim Befühlen eines Scheinwerfers in der Fertigung des bayerischen Traktorausrüsters Fritzmeier. Rong will angesichts der Erfahrungen in Deutschland bei seinen eigenen Landmaschinen mit solchen Preise gar nicht erst mithalten. Der Unternehmer konzentriert sich daher mit bewusst einfacherer Qualität auf weniger anspruchsvolle Absatzmärkte, etwa in anderen Schwellenländern.

Erfolg durch Strenge und Verantwortungsgefühl

Nach weiteren Firmenbesichtigungen, unter anderem beim Steuerungsexperten ifm am Bodensee, HAWE Hydraulik in Kaufbeuren und dem niedersächsischen Landmaschinenhersteller Claas, der kürzlich die chinesische Jinyee-Gruppe gekauft hat, steht für die Wirtschaftsreisenden aus Fernost fest: China wird es schwer haben, schon bald das deutsche Niveau bei sich zu Hause zu erreichen.

„Bei uns sind zu viele an kurzfristigen Gewinnen orientiert“, meint Technikerin Zhang. Man werde deutsches Niveau wohl niemals erreichen, denn „dafür sind wir viel zu chaotisch“, vermutet sogar der Unternehmer Zhenghua Chen. Für seinen Kollegen Jeffrey Zhao beruht der Erfolg des Konzepts „Made in Germany“ auf der Strenge und dem Verantwortungsgefühl der Unternehmer hierzulande. „In China denkt jeder Arbeiter: Das geht mich nichts an. Wir sagen immer ,Chabuduo‘, das passt schon. Aber es passt eben oft nicht. Bei euch Deutschen passt es immer“, sagt er.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat August (beobachteter Zeitraum: 10. bis 23. August 2015) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Capital und Wirtschaftswoche.

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