SUCHE

23.07.2015

Der südostasiatische Staat hat sich in den letzten Jahrzehnten beachtlich entwickelt: Das Bruttoinlandsprodukt legt zu, die Konjunktur lebt und es gibt gut ausgebildete Arbeitskräfte. Wenngleich der Abstand zu China noch deutlich ist, holt Vietnam holt spürbar auf.

Vor allem die Textilindustrie, der größte Sektor im Exportgeschäft, lockt ausländische Unternehmen an. So auch den deutschen Textilhersteller Van Laack, der seine Hemden in Hanoi, Vietnam fertigen lässt. (Foto: picture alliance / dpa)

Die vietnamesische Volkswirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Entwicklung genommen: 40 Jahre sind seit dem Ende des Vietnamkrieges im Jahr 1975 verstrichen, der den kommunistischen Norden mit der von den USA unterstützten Republik Vietnam im Süden vereinigte. Bis Ende der 1980er Jahre (die Wirtschaftsleistung pro Kopf der Bevölkerung lag seinerzeit bei rund USD 100) war das Land durch eine streng kontrollierte Zentralverwaltungswirtschaft nach dem Vorbild der frühen Sowjetunion geprägt. Erst schwere Dürren und die folgenden Hungersnöte zwangen die Machthaber in Hanoi zum Umdenken. 1990 entschlossen sie sich zur marktwirtschaftlichen Liberalisierung, genannt Doi Moi („Erneuerung“).

Ähnlich wie zwölf Jahre zuvor in China begann die Regierung, Staatsbetriebe zu privatisieren und auf die Marktkräfte zu setzen. Das Wirtschaftswachstum beschleunigte sich auf jährliche Zuwachsraten von über 9 Prozent bis zur Asienkrise 1997/1998, die zu einem deutlichen Einbruch des dynamischen Wachstumspfades führte. Ab der Jahrtausendwende verlief der Wachstumspfad wieder steiler (bis zur globalen Finanzkrise) und erreichte jährliche Zunahmen der Wirtschaftsleistung von jenseits der sieben Prozent. Im Jahr 2006 wurde Vietnam in die Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen und damit vollends in die globale Wirtschaftsstruktur integriert.

Im vergangenen Jahrzehnt legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um durchschnittlich 6,4 Prozent zu. Im Jahr 2014 erhöhte sich das BIP um sechs Prozent; besonders im vierten Quartal 2014 war eine deutlich höhere Zunahme des Wachstums zu beobachten (Q4: +7 Prozent yoy) und die Arbeitslosenquote sank auf 3,2 Prozent. Für 2014 weist das 92,5 Millionen Einwohner zählende Land, der drittbevölkerungsreichste Staat Südostasiens hinter Indonesien und den Philippinen, ein Pro - Kopf-Einkommen von USD 2.000 auf. Rund zwei Fünftel der Bevölkerung sind heute jünger als 25 Jahre alt.

Steigende Auslandsinvestitionen und Exporte

Das globale Niedrigzinsumfeld und das relativ attraktive wirtschaftliche Umfeld haben in der jüngeren Vergangenheit die Auslandsinvestitionen deutlich ansteigen lassen. Lagen die Direktinvestitionen 2006 bei rund USD 2,4 Milliarden wurde im vergangenen Jahr ein neuer Rekordwert von USD 9,2 Milliarden. verzeichnet, der in den nächsten Jahren allerdings noch übertroffen werden dürfte. Die größten Auslandsinvestoren kommen dabei aus Südkorea, Japan, Taiwan und Singapur; vor allem die Textilindustrie, der größte Sektor im Exportgeschäft, lockt immer noch erhebliche Mittel an. Doch Vietnam, das neben einer jungen Bevölkerung über gut ausgebildete und im Vergleich mit China immer noch günstige Arbeitskräfte verfügt, versucht sich immer stärker auch als Standort für die Elektronik- und Nahrungsmittelindustrie zu positionieren.

Der Aufholprozess sowie das Bevölkerungswachstum (im Jahr 2014 1,1 Prozent) treiben die Konjunktur an und auch in 2015 dürfte sich daher das lebhafte Wachstum fortsetzen, das durch steigende Ausfuhren unterstützt wird. Vietnam kommt dabei nach wie vor das solide Wachstum in den USA zugute, die der Hauptabsatzmarkt des Landes (vor der Eurozone und Japan) sind. Die inländischen Investitionen leiden weiterhin unter den Folgen des expansiven Kredit- und Investitionsbooms nach der Jahrtausendwende, der 2012 ein abruptes Ende fand, nachdem die Inflation stark angestiegen war und die Zentralbank die Zinsen massiv erhöhte.

Lockere Geldpolitik belebt Kreditvergabe kaum

Insbesondere der hohe Anteil an notleidenden Krediten belastet das Bankensystem, den Motor der Investitionsfinanzierung. Obwohl die Geldpolitik inzwischen wieder gelockert und der Referenzzinssatz zuletzt im März 2014 um 50 Basispunkte auf 4,5 Prozent gesenkt wurde, kommt das Kreditwachstum nicht richtig in Gang. Die Inflation ist in 2014 weiter auf 4,1 Prozent gesunken (2013: 6,6 Prozent) und hält sich bisher auch in 2015 aufgrund des erwarteten nur moderaten Kreditwachstums und der schwachen Rohstoffpreise in Grenzen: Im Mai lag die Inflationsrate bei nur noch 1 Prozent yoy, wird aber wohl durch das leicht steigende Ölpreisniveau und die Abwertung der Landeswährung für das Gesamtjahr auf ein Niveau von 2,4 Prozent steigen.

Landeswährung unter Abwertungsdruck

Nachdem es in Vietnam als Folge der globalen Finanzkrise 2008 zu einem erheblichen Abzug von Kapital gekommen war, musste die Zentralbank den vietnamesischen Dong zwischen 2008 und 2011 sechsmal abwerten und der Außenwert gegenüber dem US-Dollar sank um rund 25 Prozent. Seitdem hat sich die hoch defizitäre Leistungsbilanz des Landes stabilisiert und verzeichnet seit 2012 deutliche Überschüsse. Allerdings sind in den letzten Jahren die Einnahmen aus dem Tourismus – im Zuge der geopolitischen Spannungen mit China – zurückgegangen. Der starke Importanstieg in 2015 (+19 Prozent in den ersten vier Monaten) hat in diesem Jahr Anfang Mai zu einer erneuten Abwertung (nach einem ersten Schritt im Januar 2015) um einen Prozent gegenüber dem US-Dollar geführt, denn der Wechselkurs des vietnamesischen Dong wird im „managed float“ durch die vietnamesische Zentralbank gesteuert und ist an den US-Dollar gebunden.

Die Devisenreserven haben in den letzten Jahren zwar zugelegt, decken aber trotzdem Ende 2014 nur 2,7 Monate an Importen, womit sie immer noch unter der vom IWF empfohlenen Mindestschwelle von drei bis vier Monaten liegen. Die Landeswährung wird daher weiterhin unter der schwankenden globalen Risikobereitschaft leiden, die vor allem im Zusammenhang mit der geldpolitischen Straffung in den USA steht. Die vergleichsweise schwachen Devisenreserven erscheinen nicht ausreichend, um für längere Zeit den Wechselkurs durch Devisenverkäufe zu verteidigen. Weitere Abwertungsschritte in 2015 sind daher nicht auszuschließen.

Business, Korruption, Marktwirtschaft – Auf welchem Rang steht Vietnam?

Während die vietnamesischen Wirtschaftsaussichten in Summe relativ gut sind und die Bevölkerungsstruktur vorteilhaft erscheint, behindern die politischen Rahmenbedingungen einen noch dynamischeren Entwicklungsprozess: Beim sogenannten Ease-of-Doing-Business-Index der Weltbank schneidet Vietnam 2014 zwar mit Rang 78 (von 189 untersuchten Staaten) deutlich besser ab als China, das nur auf Platz 100 landet, ansonsten werfen internationale Vergleichsstudien jedoch ein wenig schmeichelhaftes Licht auf das Land: Die wechselhafte Wirtschaftspolitik und die umfangreichen Regularien, die zu einer überbordenden Bürokratie führen, überfordern die Wirtschaft und leisten der Korruption Vorschub. Im Korruptionsindex von Transparency International erreicht Vietnam 2014 nur Rang 119 von 175 untersuchten Ländern (China liegt auf Rang 100).

Und auch im „Index of Economic Freedom“ landet Vietnam mit Rang 148 (von 178 analysierten Ländern) auf einem der hinteren Plätze (China: 139). Die Ein- Parteien-Herrschaft der kommunistischen Partei Vietnams (KPV) greift bei dem Versuch, eine „Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung“ zu schaffen, ohne das Machtmonopol der KPV zu gefährden, stark in die verschiedenen Wirtschaftsbereiche ein: Staatseigene Unternehmen werden tendenziell bevorzugt, Grund und Boden können nicht direkt, sondern nur als Landnutzungsrechte erworben werden.

Ein zusätzliche Quelle der Unsicherheit kann sich aus der politischen Gemengelage Anfang 2016 ergeben: Im nächsten Jahr tritt (wie alle fünf Jahre) der Nationalkongress zusammen und beschließt über eine neue Zusammensetzung des Politbüros – des höchsten politischen Führungsgremiums –, was zu Auseinandersetzungen zwischen dem reformorientierten und dem eher konservativen Flügel der KPV führen könnte. Außenpolitisch sorgt zudem der Streit mit China über Seegebiete im südchinesischen Meer für geopolitische Spannungen und belastet den Tourismus mit dem wichtigen Nachbarn.

Mittelprächtige Fiskaldaten

Das Haushaltsdefizit (-4,4 Prozent des BIP) und die Staatsverschuldung (53 Prozent des BIP) liegen immer noch auf einem (im Regionalvergleich) hohen Niveau, haben sich aber zumindest in 2014 auf diesem Niveau stabilisiert. Neben mangelnder Transparenz im Staatshaushalt spielt das Wechselkursrisiko eine große Rolle für die Staatsverschuldung, da rund die Hälfte der Verbindlichkeiten in Fremdwährung besteht. Darüber hinaus können Eventualverbindlichkeiten aus den öffentlichen Unternehmen oder dem Bankensektor die Tragfähigkeit der Staatsverschuldung gefährden. Insbesondere das starke Engagement öffentlicher Banken bei öffentlichen Unternehmen stellt einen zusätzlichen belastenden Faktor dar.­­­