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15.07.2015

Frauen kommen im Mittelstand bislang selten in wirtschaftlich entscheidende Positionen. Bei Firmenübergaben und Berufungen ins Management haben sie oft das Nachsehen. Erst allmählich ändert sich das Geschlechterverhältnis.

Erst knapp jedes fünfte deutsche Familienunternehmen wird von Frauen geführt. (Foto: picture alliance / dpa)

Seit Mai 2015 gilt für 108 börsennotierte und mitbestimmungspflichtige Unternehmen die Frauenquote per Gesetz: 30 Prozent der Aufsichtsratsposten müssen demnach ab kommendem Jahr mit Frauen besetzt werden. Mit dem Gesetz soll ihnen vor allem in Großkonzernen der Weg in Führungsrollen geebnet werden. Dabei gibt es auch bei Mittelständlern und kleineren Familienunternehmen bislang nur langsame Fortschritte, was Unternehmer-, Management- und Gründerrollen von Frauen angeht.

Stephanie Bschorr, Präsidentin des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU), stellt in einem Beitrag für die Onlineausgabe des Wirtschaftsmagazins Capital fest, dass Pionierinnen wie Therese Krupp, Käthe Kruse oder Margarete Steiff bereits vor mehr als einhundert Jahren dafür gesorgt haben, dass „die Gewerbestatistik zu Zeiten des Deutschen Kaiserreiches Ende des neunzehnten Jahrhunderts einen Frauenanteil von fast einem Viertel unter allen unternehmerisch Tätigen auswies“. Heute sei immerhin schon ein Drittel der Selbstständigen in Deutschland weiblich. Auch werden laut Bundesstatistikamt inzwischen 43 von 100 Unternehmen von Frauen gegründet.

Frauen wirtschaften nachhaltig

Den langsamen, aber dennoch steten Aufstieg führt die Verbandschefin auf den Erfolg des weiblichen, nachhaltigen Managementstils zurück. „Bei Firmengründungen tendieren sie in der Regel zu kleineren Unternehmen. Frauen sind meist risikoaverser als ihre männlichen Kollegen und bevorzugen einen langsamen Unternehmensausbau anstelle einer raschen Erweiterung“, analysiert Bschorr, die selbst Teilhaberin und Geschäftsführerin einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft mit 80 Beschäftigten ist.

Frauen würden zudem anders führen als Männer, argumentiert die Verbandschefin. Der Akzent liege deutlich stärker auf Mitarbeiterbindung und Teilzeitlösungen. Ihr Fazit: „Diese Akzente, die Frauen in die Wirtschaftswelt einbringen, korrespondieren mit den entscheidenden Zukunftsanforderungen für die deutsche Wirtschaft: Flexibilität, Variabilität und Nachhaltigkeit sind in Zeiten des demografischen Wandels die zentralen Herausforderungen.“

Firmenübergabe ist Männersache

Dass außerhalb gesetzlicher Gleichstellungsregeln der Vormarsch von Frauen in Führungspositionen bislang eher in Zeitlupe verläuft, zeigt sich auch beim Thema Firmenübergabe.

So zitiert das Flensburger Tageblatt aus einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, wonach nur bei jeder vierten Betriebsübergabe von einer Generation an die nächste eine Frau zum Zuge kommt. „Wir haben immer noch das klassische Rollenbild in der Gesellschaft. Die Nachfolge geht immer noch eher an einen männlichen Erben“, so Kristina Tröger, VdU-Landesverbandsvorsitzende für Hamburg und Schleswig-Holstein gegenüber der Zeitung. Für diese Situation sei auch die unzureichende Versorgung mit Kinderbetreuung in Deutschland verantwortlich, führt der Artikel aus. Frauen würden deshalb häufig die Flexibilität einer eigenen Unternehmensgründung der Übernahme einer bereits ausgewachsenen Firma bevorzugen.

Familienunternehmen hecheln hinterher

Je größer Unternehmen werden, desto schwerfälliger werden sie offenbar beim Thema Geschlechtergleichstellung. Das gilt auch für die größeren Familienunternehmen des Landes. Von ihnen müssen immerhin 14 Firmen ab nächstem Jahr die Quote von einem knappen Drittel Frauen in Aufsichtsräten erfüllen, so wie es das neue Gesetz vorschreibt.

Das Handelsblatt stellt dazu eine Studie der Beratungsgesellschaft KPMG vor. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass bei Familienkonzernen, die unter das neue Gesetz fallen, noch insgesamt 24 Frauen in den Aufsichtsgremien fehlen, um die Quote zu erfüllen. Dazu zählen bekannte Firmennamen wie etwa der Anlagenbauer Dürr, das Chemieunternehmen Wacker, der Medizingeräteproduzent Dräger oder auch die Baumarktkette Hornbach.

„Die Vorlaufzeit bei der Besetzung von Mandaten kann schnell mal bis zu einem halben oder dreiviertel Jahr dauern, da müssten die Unternehmen, die 2016 ihren Aufsichtsrat turnusgemäß neu besetzen, bald anfangen", wird die Aufsichtsrätin beim Schließanlagenhersteller Dorma, Astrid Hamker, in diesem Zusammenhang zitiert.

Firmen noch ohne eigene Quotenziele

Bis Ende September – so sieht es das Gesetz vor – müssen außerdem rund 4000 weitere Unternehmen unterhalb der Topkonzerne ihre eigenen Ziele vorstellen, auf welchen Prozentsatz und auf welche Weise sie den Frauenanteil in ihren Aufsichtsgremien aktiv erhöhen wollen.

Doch hier zeigt sich ein Haken der neuen Regelung. Denn das Gesetz sieht keine wirklichen Sanktionen oder Strafen vor. In einer Bewertung des Bundesjustizministeriums heißt es dazu, dass „scharfe gesetzliche Sanktionen“ sich kontraproduktiv auswirken würden. Und weiter: „In Fällen der Nichterreichung hat der Vorstand allerdings nachvollziehbar darzulegen, was er unternommen hat und weshalb er keinen Erfolg hatte.“

Daher wird die neue Regelung bislang über weite Strecken noch ignoriert, wie die Deutsche Presseagentur berichtet, die sich auf eine Umfrage des Vereins Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar) beruft. Trotz der nur noch kurzen Frist, haben demnach 54 Prozent der betreffenden Unternehmen noch keine Zielgröße festgelegt und planen das bislang auch nicht.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Juli (beobachteter Zeitraum: 1. bis 12. Juli 2015) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: capital.de, Flensburger Tageblatt, Handelsblatt.