SUCHE

Soziale Verantwortung
01.07.2015

Lieferketten transparent zu machen ist in Zeiten des grenzüberschreitenden Handelns ein hoher Aufwand für Unternehmen des Mittelstands. Doch Verbraucher pochen auf ethische Richtlinien und der Gesetzgeber bereitet entsprechende Gesetze vor. Wie stark sind mittelständische Unternehmen betroffen und was ist zu tun?

Arbeiterin in einer chinesischen Textilfabrik.

Chinesische Textilfabrik in Huaibai: Durch eine transparente Lieferkette kann jedes Unternehmen Signale setzen und sich als fairen Partner positionieren. Werden Missstände aufgedeckt, hat das meist Folgen auf den Absatz. (Foto: picture alliance / dpa)

Ein frischgebackenes Ehepaar fördert mit dem Kauf von Goldringen ungewollt Rebellengruppen im Kongo. Das günstige T-Shirt treibt eine Schneiderin in Bangladesch in den Selbstmord: Sie hat zwar einen Job, muss aber sehr viele Überstunden machen und kann vom Lohn trotzdem nicht leben. Deutsche Konsumenten wollen beim Kauf ein gutes Gewissen haben und sind stolz darauf, bei der Nachhaltigkeit hohe Standards erreicht zu haben.

Das wissen auch die multinationalen Konzerne und handeln: In Afrika produzieren sie am gleichen Standort unter nachhaltigeren Bedingungen, wenn die Ware in entwickelte Länder geht, etwa nach Europa oder in die USA. Heißt das Zielland jedoch China spielt Nachhaltigkeit eher eine untergeordnete Rolle. Das hat das Institut für Weltwirtschaft (IfW) mit einer Studie offengelegt. „Unternehmen können die Produktionsbedingungen ihrer Zulieferer mitbestimmen, wenn der Anreiz vorhanden ist“, konstatiert Prof. Holger Görg, Forschungsleiter für den Bereich Internationale Arbeitsteilung am IfW.

Gesetzgeber reagieren

Die USA hat bereits 2010 mit dem Dodd-Frank Act ein Gesetz erlassen, das den Handel mit Rohstoffen aus dem Kongo transparent machen soll. Betroffen sind zum Beispiel Gold, Wolfram, Zinn oder Tantal. Das Ziel des Dodd-Frank Acts ist, den Rebellen die wirtschaftliche Verfügungsgewalt über Rohstoffe, die potenziell zu Konflikten führen, zu entziehen. Die Europäische Union (EU) und Deutschland ziehen gerade nach. Dabei fragt die deutsche Regierung auch nach der Verantwortung der Unternehmen: Sollten sie sich freiwillig verpflichten? Auf dieser Basis gibt es bereits einige Initiativen und Vorschläge: So hat die Bundesregierung begonnen, einen nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte zu erstellen, der auf den entsprechenden Leitlinien der Vereinten Nationen beruht. Bundesminister Gerd Müller hat im Oktober 2014 das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen, dem die großen Akteure bisher noch nicht beigetreten sind. Bundesministerin Andrea Nahles schlug im Rahmen des G-7-Gipfels in Deutschland vor, in den Produktionsländern Beschwerdestellen und einen Fonds einzurichten, mit dem Sicherheitsstandards und Versicherungen finanziert werden. Doch trotz vieler Initiativen werden immer wieder Fälle von menschenunwürdigen, gesundheits- oder gar lebensbedrohlichen Arbeitsbedingungen, von Kinderarbeit oder massiven Umweltschädigungen bekannt. Mangels eines international gültigen Rechtsrahmens können sich die Betroffenen nicht zur Wehr setzen.

Zertifizierung – ein Weg zu mehr Transparenz und Qualität

Vor allem Unternehmen mit Produktionsstätten in den Entwicklungs- und Schwellenländern werden zunehmend ins Blickfeld der Aufmerksamkeit rücken und könnten gesetzlich zum ethischen Handeln verpflichtet werden. Lediglich Gütesiegel zu vergeben wird nach Holger Görgs Meinung allerdings nicht ausreichen, um bessere Arbeits- und Produktionsbedingungen zu etablieren, denn sie garantieren nicht die Einhaltung der geforderten Standards. „Die Unternehmen müssen mehr in die Verantwortung genommen werden“, sagt Holger Görg und führt aus: „Viele Unternehmen verstecken sich hinter der Komplexität von Lieferketten und agieren nach dem Motto, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“

Transparenz ist der Schlüssel, um Produktionsbedingungen nachhaltig zu verbessern. Eine wirkungsvolle Methode für mehr Transparenz, könnte die für Unternehmen verpflichtende Zertifizierung von Zulieferern sein. „Die neue Transparenz würde die Unternehmen zwingen, sich mit ihren Lieferketten auseinanderzusetzen und die Verantwortung nicht mehr allein an die Zulieferer abzugeben“, meint Holger Görg.

Diese Transparenz durch Zertifizierung wird vermutlich nicht ohne erheblichen finanziellen Aufwand der Unternehmen zu verwirklichen sein. Aber die aktive Steuerung der Produktionsbedingungen vor Ort hat laut einer Studie des IfW auch wirtschaftlich Vorteile: Unternehmen können durch den direkten Kontakt zu ihren Zulieferern die Qualität der Produkte positiv beeinflussen. „Wer Arbeitsbedingungen verbessert, kann mit höherer Produktivität und weniger Lieferausfällen rechnen“, stellt Holger Görg fest.

Es gibt keine Patentlösung

Auch die Organisation für Faire Kleidung (Fair Wear Foundation, FWF) ist der Meinung, dass Transparenz der zentrale Erfolgsfaktor ist, wenn man menschenwürdige Arbeitsbedingungen schaffen will: „Wir haben auch keine Patentlösung, wichtig ist die Zusammenarbeit von allen Beteiligten: den Unternehmen, dem Fabrikmanagement, den Arbeitern und lokalen Gewerkschaften“, erklärt Saskia Krämer, Repräsentantin der FWF in Deutschland. Dabei ist völlige Transparenz schwer zu schaffen, wenn man die Vielzahl der Zulieferer und Zwischenhändler bedenkt. Trotzdem berichtet Katrin Bauer, Verantwortlich für Corporate Responsibility beim Outdoor-Ausrüster Deuter Sport GmbH: „Mit unserem Eintritt bei der FWF haben wir mehr Transparenz über Arbeitsbedingungen bei unseren bereits langjährigen Partnern bekommen. Durch die Fabrikaudits erhalten wir regelmäßig Einblicke und Lageberichte aus den Produktionsstandorten wie Vietnam, beispielsweise in Bezug auf Arbeitszeiten, Brandschutz und gesetzliche Vorgaben wie die Einhaltung von Mutterschutz oder die Zahlung von Sozialabgaben.“

Folgen für den Mittelstand

Strengere gesetzliche Regulierungen, die Unternehmen in die Pflicht nehmen, haben zwangsläufig Konsequenzen. Neben Imageschäden droht auch deutschen Unternehmen vermutlich schon bald ein rechtliches und wirtschaftliches Haftungsrisiko, wenn sie mit Lieferanten zusammenarbeiten, die gegen die gesetzliche Auflagen der Umwelt- und Sozialverträglichkeit verstoßen. Die Lieferketten von Konzernen sind dank ihrer Selbstverpflichtungen und Initiativen für eine unternehmerische Sozialverantwortung (Corporate Social Responsibility) bereits transparenter als die vieler mittelständischer Unternehmen. Auch der Mittelstand ist gut beraten, vorauszudenken und bei der Zahl sowie der Qualität seiner Lieferanten schon jetzt ein Auge auf die Details zu haben. Je besser Unternehmen in diesem Bereich heute aufgestellt sind, desto weniger müssen sie bei künftigen Gesetzen nachbessern. Betroffen werden im Übrigen sehr viele Branchen sein. Der Arm des Gesetzgebers reicht über Textilien und Konfliktmineralien hinaus und erreicht auch Lebensmittel und Konsumgüter.

Eines ist klar: Wenn die Gesetze für alle gleich gelten, sind die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) stärker betroffen als Konzerne. Für sie ist es ungleich schwerer, Lieferanten zu zertifizieren. Deshalb denkt die EU bereits heute darüber nach, KMU in diesem Bereich technisch und finanziell zu unterstützen. Bis die Gesetze auf dem Tisch liegen und umgesetzt worden sind, wird noch einige Zeit vergehen. Keineswegs sicher ist, dass es überhaupt dazu kommt. Jenseits aller gesetzlichen Vorgaben stärkt Transparenz das gute Image eines Unternehmens und seiner Produkte. Alle deutschen KMU sollten deshalb in eigenem Interesse alles daransetzen, die Zeit zu nutzen, und sich rasch auf die neuen Anforderungen der Verbraucher einstellen.

Nach oben