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FAQs zum Mindestlohn

8,50 Euro pro Stunde – Das Horrorszenario bleibt aus

15.07.2015

Seit einem halben Jahr gilt der Mindestlohn in Deutschland. Erste Auswirkungen sind bereits erkennbar. Unternehmer Positionen Nord stellt die Fakten zusammen.

Der Mindestlohn hat in Deutschland bereits Auswirkungen. (Foto: picture alliance / dpa)

Für Unternehmer war die Einführung des Mindestlohns ein Schritt ins Ungewisse. Sollte man als Reaktion die Preise erhöhen? Muss Personal abgebaut werden? Wie viel Bürokratie ist damit verbunden? Viel wurde über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen orakelt: Bis zu 900.000 Arbeitsplätze würde der Mindestlohn vernichten und Firmen würden Pleite gehen, sagten die einen. Die Bürger würden mehr Geld in der Tasche haben und die Konjunktur stärken, argumentierten die anderen. Hier unsere Kurzbilanz nach gut sechs Monaten:

Hat der Mindestlohn zu Beschäftigungsverlusten geführt?

Abschließend ist das noch nicht zu beurteilen. Zwei Dinge fallen jedoch auf, seitdem der Mindestlohn eingeführt wurde: Zum einen geht der Aufbau von Arbeitsplätzen ungebremst weiter. Zum anderen nimmt die Zahl der Minijobs plötzlich dramatisch ab. Wurden in den letzten zwölf Monaten 100.000 neue Vollarbeitsplätze geschaffen, was in den längerfristigen Trend passt und die Beschäftigung auf ein 24-Jahreshoch hebt, so brach die Zahl der Minijobber ein. Etwa 150.000 Minijobs, also geringfügige Beschäftigungen, die häufig mit weniger als 8,50 Euro pro Stunde vergolten wurden, sind seit Start der Lohnuntergrenze weggefallen. Ökonomen rätseln, in was sich die Ministellen verwandelt haben. Sind sie Vollarbeitsplätze geworden, einfach nur weggefallen oder haben sie sich gar in Schwarzarbeit verwandelt? Zahlen, welche die Frage klären können, existieren derzeit nicht, heißt es bei der Minijobzentrale. Insgesamt dürfte erst die nächste Konjunkturdelle zeigen, wie der durch den Mindestlohn unflexibler gewordene Arbeitsmarkt insgesamt reagiert. Und fest steht auch: Die Zahl der Menschen, die ihr Einkommen durch Hartz IV ergänzen müssen, ist um 55.000 Personen gesunken. Hier wirkt der Mindestlohn also.

Wie sieht es auf Ebene von mittelständischen Unternehmen und Regionen aus?

Mittelständler in ganz Deutschland spüren die Auswirkungen des Mindestlohns. Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen jedoch, dass im Westen nur neun Prozent der Betriebe von der neuen Lohnuntergrenze betroffen sind, während es im Osten, wo die Löhne häufiger darunter lagen, 24 Prozent der Firmen sind. Dazu passend zeigen Befragungen der Beratungsgesellschaft Creditreform, dass etwa der Mittelstand der Region Bremen/Oldenburg im Jahr der Einführung der Lohnuntergrenze seinen Personalstand halten oder sogar noch aufstocken will. Im starken Kontrast dazu geben 11,5 Prozent der Unternehmen in Sachsen-Anhalt an, dass der Mindestlohn bei ihnen bereits zu Jobkürzungen geführt hat. Nach einem halben Jahr Gültigkeit lässt sich aber wohl sagen, dass der Mindestlohn keineswegs, wie vielfach vorhergesagt, zu einer Pleitewelle geführt hat.

Wie hat sich der bürokratische Aufwand wegen des Mindestlohns entwickelt?

Klar ist: Der Mindestlohn ist für die Firmen mit erheblich größerem administrativem Aufwand verbunden. Der Verband der Familienunternehmer geht davon aus, dass die für die Lohnuntergrenze nötige Bürokratie – von Erfassungspflichten bis hin zu Änderungen in der Gehaltsbuchhaltung – die Firmen alles in allem bis zu neun  Milliarden Euro mehr pro Jahr kosten wird. Arbeitsministerin Andrea Nahles hat bereits reagiert und die Regeln abgeschwächt. Beginn, Ende und Dauer der Arbeitszeit müssen nun nicht mehr erfasst werden, wenn der Arbeitnehmer im letzten Jahr monatlich wenigstens 2.000 Euro brutto in der Tasche hatte. Bei Saisonarbeitern und in insgesamt neun für Schwarzarbeit bekannten Branchen müssen allerdings weiterhin bis zu einem Monatseinkommen von 2.958 Euro die Arbeitszeiten genau erfasst werden.

Gleichen Unternehmen höhere Arbeitskosten mit höheren Absatzpreisen aus?

Ja, das Ausmaß hält sich jedoch in Grenzen. Die Unternehmer wollen nicht auf den durch den Mindestlohn gestiegenen Kosten sitzen bleiben. Laut Creditreform und Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) gleichen rund die Hälfte der Firmen etwa in Sachsen-Anhalt die höheren Kosten durch höhere Preise für Produkte und Dienstleistungen aus. Der Effekt ist auch bundesweit zu belegen. Spürbar sind die Preisanhebungen in Niedriglohnbranchen, wie der Gastronomie, Hotellerie oder auch im Taxigewerbe. Friseure haben ihre Preise bislang nur moderat heraufgesetzt.

Schließt der Mindestlohn die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern?

Allenfalls geringfügig. In der Praxis sind hier noch keine Zahlen verfügbar. Allerdings sehen Ökonomen zumindest theoretisch einen Angleichungseffekt. Nach einer Simulationsrechnung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts soll sich die durchschnittliche Lohnlücke von 19,6 Prozent (die Frauen weniger bekommen als Männer) durch den Mindestlohn auf 17,1 Prozent verengen.

Bleibt der Mindestlohn immer der Mindestlohn?

Alle Gesetze werden in Zeitabständen immer wieder angepasst. Es sieht aber ganz danach aus, dass es grundsätzliche Änderungen beim Mindestlohn sobald nicht geben wird. Die Lohnuntergrenze dürfte jedoch in regelmäßigen Abständen an das durchschnittliche Lohnniveau angepasst werden.

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