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Nutzen statt Besitzen
03.06.2015

Werkzeughersteller sehen sich bedroht: Menschen, die nur ein Loch in ihre Betonwand bohren wollen, kaufen sich keine Schlagbohrmaschine mehr, sondern leihen sich das Gerät via Internet. Doch bringt die Sharing Economy den Mittelstand wirklich in Gefahr – oder bietet sie eher Chancen für neue Geschäftsmodelle?

Zwei junge Frauen auf einem Tandemfahrrad.

Wenn zwei sich ein Gut teilen, profitieren drei: der Verleiher, der Ausleiher und der Vermittler. (Foto: picture alliance / dpa)

Eine Bohrmaschine konnte jeder schon immer im Baumarkt leihen, wenn der Nachbar keine hatte. Doch jetzt vermitteln Internetportale die Ausleihe von privat an privat für ein paar Stunden gegen einen Obolus. Hersteller wie Bosch bieten selbst keinen Leihservice an. Läuft das Unternehmen deshalb Gefahr, wegen sinkender Verkaufszahlen den Anschluss zu verlieren? Die Automobilproduzenten nehmen am Sharingmarkt teil und verleihen ihre Autos über eigene Dienste wie car2go. Das schafft Konkurrenz für Autovermieter, wenn diese nicht mit ihnen zusammenarbeiten – wie BMW mit Sixt unter dem Namen DriveNow. Das Teilen hat sich bereits zu einem neuen Markt entwickelt, der neue Geschäftsmodelle und Kooperationen möglich macht.

Wachstum auf geringem Niveau

Wie der Bundesverband Carsharing in seiner Jahresbilanz 2014 nachweist, hat sich der Markt für Carsharing vergrößert: Die Zahl der fahrberechtigten Carsharingnutzer, die bei rund 150 Anbietern angemeldet sind, ist um mehr als 37 Prozent auf über eine Million gestiegen. Doch sollte sich der Mittelstand von den Wachstumszahlen nicht täuschen lassen: 2014 nutzten nur 1,5 Prozent der führerscheinfähigen Gesamtbevölkerung ein Carsharingangebot. Die Branche prophezeit weiteres Wachstum, doch unklar ist, wie hoch es ausfallen wird. Nachdenklich stimmt auch das Beispiel des Fahrdienstvermittlers Uber. Er ist zwar rund 50 Milliarden Dollar wert und sein Geschäftsmodell findet in der Presse große Aufmerksamkeit, aber gesetzliche Regulierungen erschweren den Betrieb oder machen ihn ganz unmöglich. Es läuft mühsamer, als es sich die Unternehmen der Sharing Economy wünschen. So steht der Mittelstand nicht unter unmittelbarem Handlungsdruck, was auch ein Blick auf das Hotelgewerbe in Hamburg zeigt: Der Wohnungsvermittler Airbnb zählt in Hamburg 2.000 Anbieter und der Wohnungsvermittler 9flats weitere 1.500. Tatsächlich verfügbar sind jedoch nur rund 700 Wohnungen. Die 53.000 Touristenbetten, die dem gegenüberstehen, machen klar: Die Hotellerie ist also nicht akut bedroht. Gut beraten wären Hoteliers allerdings, sich zu überlegen, ob und wie sie von diesem Trend partizipieren oder ihm mit neuen Angeboten gegensteuern können.

Trend beobachten, Potenziale erkennen – Willen stärken

Obwohl die Sharing Economy nach wie vor nur ein Trend ist, ist ein Markt entstanden, der weiter wächst. Der Mittelstand sollte ihn beobachten und für sich nutzen, wenn er Chancen sieht. Unternehmen, die sich dem Teilen ganz verschließen, könnten irgendwann auf der Strecke bleiben. Warum es den deutschen Unternehmen häufig noch an Mut und Willen fehlt, sich auf den Gedanken des Teilens einzulassen, bringt Michael Bucher auf den Punkt, der Leiter des Teams Shared Systems’ Design am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. „Sie tun sich noch schwer, neue Geschäftsmodelle zuzulassen und aufzubauen“, sagt er der Wirtschaftswoche und ergänzt: „Es schwelt was, aber wir sind noch in einer sehr frühen Phase.“

Das Teilen ist allerdings mittlerweile auch in der Logistikbranche angekommen. Das Unternehmen Cargomatic vermittelt freien Platz in Lastwagen – ein Angebot, von dem alle Seiten profitieren: Der eine lastet seine Wagen aus, der andere kann seine Frachtraten optimieren und der Vermittler erhält eine Provision. Im Geschäftsbereich werden auch Ladenflächen und Büroräume zum Teilen angeboten. Die vermittelnden Unternehmen arbeiten dabei ähnlich wie Uber oder Airbnb: Sie bringen Angebot und Nachfrage über eine Webplattform zusammen. Der entsprechende Markt verschiebt sich und die Anteile werden womöglich anders verteilt.

Ideen für das Teilen gibt es viele: Lieferdienste könnten sich zusammenschließen und der Zeitungsbote könnte mit einer Tour gleich die Brötchen des Bäckers ausliefern. Potenziale gibt es auch: Kollaborative Netzwerke können Güter entwerfen, produzieren und vertreiben. Eine solche Kultur des Teilens praktizieren Linux, Wikipedia und Flickr bereits. Der Mittelstand kann beim Konsum ansetzen und wertvolle Güter oder Gegenstände, die Konsumenten eher selten nutzen, bereitstellen. Das Start-up Floow2 hat dieses Konzept schon aufgegriffen und bringt Unternehmen zusammen, die sich Bagger, medizinische Geräte oder Ausstellungsflächen teilen. Damit die Unternehmen zusammenkommen, ist aber vor allem eines wichtig: Vertrauen – mit die wichtigste Währung des Teilens. Vertrauen schaffen Webplattformen über die Bewertungsmöglichkeiten ihrer Nutzer. Denn wer schlechte Bewertungen hat, steht ganz unten in der Angebotsliste oder fliegt bei Verstößen gleich raus. Diverse Sharinganbieter sichern sich daher auch ab, indem jeder Nutzer sein Profil verifizieren muss.