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Pressefokus

Warum Chefs die Nachfolge frühzeitig planen sollten

05.05.2015

Viele Mittelständler hadern zu lang, bevor sie die Leitung der Unternehmen an Jüngere abgeben. Das Zögern der Unternehmenslenker und widrige Steuerpläne gefährden den Erfolg eines ganzen Wirtschaftssektors.

Schriftzug "Fachgeschäft" mit fehlenden Buchstaben an einer Hauswand.

Ältere Firmenchefs schieben wichtige Investitionen hinaus. Das schwächt die Wirtschaft. (Foto: picture alliance / dpa)

Deutschland altert rasch – das ist bekannt. Aber noch schneller als die Gesamtbevölkerung vergreisen die Chefetagen im Mittelstand, zeigen Zahlen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), auf die sich die Börsen-Zeitung beruft.

Mit zunehmendem Alter scheuen Unternehmenslenker Investitionen in künftig wichtige Verfahren – etwa den Einstieg in digitalisierte Produktionsanlagen. Der alterstypische Pessimismus der „Silberbosse“ könnte sich bald als Gefahr für den gesamten Sektor herausstellen, schreibt die Börsen-Zeitung, die eine frühzeitige Regelung der Nachfolgeprozesse anmahnt und ein Senkung des Altersdurchschnitts empfiehlt, um die Innovationslücke bei den Mittelständlern abzuwenden.

„Ältere Unternehmer entwickeln zwar ihre Produkte weiter, aber eine Modernisierung der Produktion findet nicht mehr statt“, zitiert die Zeitung den KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. Laut der Auswertung sind die Inhaber von inzwischen 1,3 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen 55 Jahre oder älter. Seit 2002 ist ihr Anteil damit um 16 Prozentpunkte auf nun 36 Prozent gestiegen.

Den Unternehmen drohe dadurch ein breiter Substanzverlust, denn Investitionsscheu ziehe schwächere Ertrags- und Wettbewerbskraft nach sich. Das senke den Unternehmenswert und die Attraktivität bei einer Übernahme – was wiederum ein Problem auslösen könnte, wenn ein Nachfolger für die Chefetage gesucht würde.

Doch die Börsen-Zeitung befürchtet auch volkswirtschaftliche Nachteile. Denn das Zögern bei wichtigen Investitionen schwäche den Kern der deutschen Industrie, den Mittelstand. Das, schreibt die Zeitung, könne sich keine Gesellschaft leisten, auf jeden Fall keine, deren Durchschnittsalter immer höher werde.

Immerhin haben einige Mittelständler einen Plan. Nach Daten des KfW wollen die Chefs von 580.000 Unternehmen in zwei Jahren den Generationenwechsel an der Spitze schaffen – entweder durch Übertragung an Töchter und Söhne oder durch Verkauf. Insgesamt sind das allerdings nur 16 Prozent des Mittelstands.

Wenn Patriarchen scheitern

Angesichts der wachsenden Nachfolgeproblematik, nimmt auch das Handelsblatt die Psyche der älter werdenden Mittelstandschefs unter die Lupe. Der „Fall Piëch“ sei kein Einzelfall. Auch der Mittelstand sei geprägt von einsamen Unternehmenslenkern, die nicht von den Schalthebeln lassen könnten – und dann oft an sich selbst scheiterten.

Häufig sei das nachvollziehbar, da viele der heute älteren Firmenchefs in den Gründerjahren der Nachkriegszeit geprägt worden seien. Damals hätte das Gefühl von Verlust, Ohnmacht und Hilflosigkeit vorgeherrscht und in dieser Phase hätten in kurzer Zeit schnelle und harte Entscheidungen fallen müssen, um eine Firma voranzubringen. Mit einer solchen Erfahrung seien Firmenchefs heutzutage leicht überfordert, wenn flexible Übergänge organisiert werden müssten, denn der Aufbau einer effektiven Nachfolge sei ein völlig anderer Prozess.

„Die Patriarchen müssen den Punkt erwischen, an dem es richtig ist, zu gehen, das Baby ‚Unternehmen‘ loszulassen und einmal andere machen zu lassen“, sagt Arist von Schlippe, akademischer Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen dem Handelsblatt. Es gehe um einen notwendigen Kontrollverlust, für den sie aber kein Schema im Kopf hätten.

Norbert Wieselhuber von der Beratung Dr. Wieselhuber & Partner wendet sich in der Zeitung auch gegen die „Glorifizierung“ von Familienunternehmen, von denen viele seine Kunden sind. Schließlich hätten bekannte Patriarchen mit ihren Firmen auch spektakuläre Pleiten hingelegt – etwa Walter im Bausektor, Escada oder Strenesse in der Bekleidungsbranche oder Schlecker auf dem Drogeriemarkt.

Vererben schreckt ab

Doch wie soll ein Mittelständler so einfach loslassen, wenn seinen Erben künftig eine enorme Steuerrechnung droht? Im Handelsblatt fordert Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble auf, die Mittelständler bei der Erbschaftssteuer weniger hart anzufassen.

„Zurück auf Los!“, verlangt der DIHK-Chef und wendet sich gegen die Regelung, wonach Firmenvermögen in Zukunft bereits ab einem Wert von 20 Millionen Euro mit Erbschaftsteuer belegt werden soll. Die Firmen können dann nur noch durch eine Einzelfallprüfung davon ausgenommen werden. „Das mag nach viel klingen. Nach den aktuellen Bewertungsmethoden betrifft das aber bereits Betriebe, die einen Jahresgewinn von gut einer Million Euro erzielen“, argumentiert Schweitzer.

Die Pläne von Schäuble sehen zudem vor, dass Firmenerben die Steuern aus ihrem Privatvermögen bezahlen sollen. „Damit werden aber gerade diejenigen bestraft, die vorsorgen – etwa um in Krisenfällen den Betrieb durch Kapitalzufuhr aus dem Privatvermögen aufrechterhalten zu können“, so der DIHK-Präsident.

Im Interview mit dem Spiegel sekundiert die prominente Firmenerbin Nicola Leibinger-Kammüller, die von ihren Eltern den auf mehr als zwei Milliarden Euro taxierten mittelständischen Maschinenbauer Trumpf geerbt hat.
Familienunternehmen hätten während der jüngsten Wirtschaftskrise unter dem Strich wesentlich mehr Loyalität gegenüber ihren Mitarbeitern bewiesen als Großkonzerne, so die Unternehmerin. „Bei uns beispielsweise ist der Umsatz um 40 Prozent eingebrochen. Wir haben dennoch niemanden entlassen. Stattdessen hat die Familie 75 Millionen Euro ins Unternehmen gesteckt.“ Es sei nicht im Sinne der Menschen in Deutschland, diese Unternehmen entscheidend zu schwächen. Nicht nur im mittelständisch geprägten Südwesten, glaubt die Erbin.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat April (beobachteter Zeitraum: 17. April bis 01. Mai 2015) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Börsen-Zeitung, Handelsblatt und Der Spiegel.