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Pressefokus
20.05.2015

Familienunternehmen genießen zu viele Privilegien, behaupten Kritiker. Die Angesprochenen wehren sich – zumal dieses Firmenmodell auch außerhalb Deutschlands seine Vorzüge beweist.

Alfred Krupp in einer Fabrik.

Familiengesteuerte Firmen sind erfolgreich und dem Gemeinwohl verpflichtet. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der Alleininhaber der damaligen Friedrich Krupp AG, gründete eigens die „Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, in die nach seinem Tod sein gesamtes Vermögen floss. (Foto: picture alliance / dpa)

Unter den größten Familienunternehmen der Welt, ist fast jedes fünfte ein deutsches. Mächtige Eigentümerfamilien wie die von Piëchs, die Quandts, die Ottos und Oetkers, aber auch die Inhaberclans großer Mittelständler werden derzeit mit Oligarchen verglichen, wie es sie etwa in Russland oder der Ukraine gibt.

Man sollte „ unternehmerische Familienstrukturen nicht mehr so stark begünstigen“, fordert etwa der renommierte Wirtschaftskommentator Wolfgang Münchau auf Spiegel Online. Ohnehin schon von vielen Seiten gehätschelt, forderten Familienunternehmen nun auch noch bei der Erbschaftsbesteuerung eine geldsparende Vorzugsbehandlung ein, heißt es da.

Sind die Quandt-Geschwister, die den BMW-Konzern kontrollieren, tatsächlich mit einem russischen Großindustriellen wie Oleg Deripaska vergleichbar? Im Handelsblatt wehrt sich Lutz Goebel, Präsident des Verbands Die Familienunternehmer: „Oligarchen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ehemalige staatliche Unternehmen in ihr Eigentum verwandelt haben und persönlich Einfluss auf die Politik nehmen“, argumentiert Goebel und fährt fort: „Bei Platon bedeutet Oligarchie die Herrschaft weniger aus alleinigem Eigennutz heraus.“

Verwurzelt und gemeinwohlgebunden

Nach beiden Kriterien könne man deutsche Familienunternehmen, große Konzerne wie auch kleinere Mittelständler, kaum als Oligarchen ansehen, so Goebel. „Familienunternehmer gründen und entwickeln ihre Betriebe weiter für den Zweck, sie der nächsten Generation zu übergeben. Eigennützig ist das nicht. Familienunternehmen sichern langfristig Arbeitsplätze, bleiben, wenn andere gehen, weil sie tief in der Region, die sie umgibt, verwurzelt sind. Familienunternehmen sind gemeinwohlgebundene Unternehmen.“

Auch rein arithmetisch hinke der Vergleich, findet Goebel. Wo in Ländern wie Russland, der Türkei oder Indien jeweils eine Handvoll Familien einzelne Wirtschaftszweige steuerten, würden 90 Prozent der deutschen Wirtschaft von einer vielfach größeren Zahl von Unternehmerfamilien abgedeckt, die 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze im Land böten. Zudem seien Familienfirmen hierzulande auf breiter Front gesellschaftlich akzeptiert. 96 Prozent der Deutschen sprechen sich laut einer aktuellen Forsa-Umfrage für den Erhalt der Familiendominanz in der deutschen Wirtschaft aus.

Kümmern statt verkümmern

„Familienunternehmen haben einen Kümmerer, der ein besonderes Interesse hat, dass es dem Unternehmen gut geht“, erläutert Christian Andres, Wirtschaftsprofessor an der Otto Beisheim School of Management in der Süddeutschen Zeitung (SZ). Da meistens große Teile des Familienvermögens in den Firmen gebunden sind, achteten Clans besser auf den wirtschaftlichen Erfolg als etwa eingestellte Manager und Geschäftsführer.

Und tatsächlich zeigt eine von der SZ angeführte Studie des Instituts für Mittelstandsforschung, dass zwischen 2008 und 2012 „große Familienunternehmen sowohl in dem gesamten Zeitraum als auch in jedem einzelnen Jahr eine höhere Gesamt- wie auch eine höhere Eigenkapitalrendite erzielt haben als Nichtfamilienunternehmen.“

Vier Generationen und länger

Auch global sind die Leistungen von Familienunternehmen beeindruckend, wie eine Untersuchung der Wirtschaftsuniversität St. Gallen und der Beratung Ernst & Young (EY) zeigt, aus der das Handelsblatt zitiert. Die 500 größten unter ihnen würden jährlich 6.523 Milliarden Dollar erwirtschaften. „Dies entspricht dem drittgrößten Bruttoinlandsprodukt hinter den USA und China“, erläutert Studienautorin Miriam Bird. In etwa die Bevölkerung Australiens, etwa 21 Millionen Menschen, fänden weltweit Lohn und Brot bei den familiengesteuerten Wirtschaftsriesen.

„Friede ernährt, Unfriede verzehrt“, zitiert die Zeitung das Motto, dass sich Carl Miele an die Bürowand hängte, der Gründer der Familiendynastie aus Gütersloh, die vor vier Generationen ins Hausgerätegeschäft einstieg und heute von gleich zwei Familienclans gesteuert wird.

Eine weitverzweigte Familie wird in der Praxis oft durch die Gründung einer gemeinnützigen Firmenstiftung und die damit festgelegten Werte auf eine erfolgreiche kulturelle Basis gestellt. „Stimmen Werte und Kultur, können Loyalität und Motivation der Mitarbeiter sehr hoch sein“, sagt Peter Englisch, Studienautor von EY. Dafür müsse bei erfolgreichen Familienunternehmen jedoch das „magische Dreieck aus Macht, Liebe und Geld im Gleichgewicht sein“.

Mit dieser altmodischen Formel erweisen sich Familienunternehmen als erstaunlich widerstandsfähig. 44 Prozent der größten von Großfamilien geführten Firmen befinden sich laut der Studie bereits in der vierten Generation oder reichen noch weiter zurück – wie etwa der älteste Familienkonzern der Erde, der bereits 1610 aus einer Möbelschreinerei gegründete japanische Baukonzern Takenaka, in dessen Chefsessel auch heute noch ein Mann dieses Namens sitzt.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Mai (beobachteter Zeitraum: 3. Mai bis 18. Mai 2015) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Handelsblatt, Spiegel Online und Süddeutsche Zeitung.