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10.03.2015

Die Einführung der abschlagsfreien Rente mit 63 droht zum Desaster zu werden: Sie wird nicht nur um viele Milliarden teurer als von der Bundesregierung berechnet. Auch die Wirtschaft trifft der Aderlass zu einem Zeitpunkt, an dem Fachkräfte ohnehin immer knapper werden.

Andrea Nahles im Bundestag.

Andrea Nahles hat die Arbeitsmoral der Deutschen offenbar überschätzt. Das wird die Rentenkasse und die Unternehmen viele Milliarden Euro kosten. (Foto: picture alliance / dpa)

Deutschlands Arbeitnehmer drängen in den vorzeitigen Ruhestand: Seit dem 1. Juli 2014, an dem die Bundesregierung die „abschlagfreie Rente mit 63“ für Arbeitnehmer mit 45 oder mehr Beitragsjahren eingeführt hat, sind bei der Deutschen Rentenversicherung 255.000 Anträge eingegangen – im Durchschnitt 32.000 pro Monat. Gerechnet hatte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) bei der Einführung ihres Lieblingsprojekts mit 240.000 – für das gesamte erste Jahr bis Juni 2015. Gut 60 Prozent aller Deutschen, so hat eine neue Statista-Umfrage ergeben, wollen ihr Arbeitsleben früher als zum gesetzlich vorgesehenen Rentenbeginn beenden. Länger bleiben wollen dagegen nur sechs Prozent.

Mehrkosten für 2015 werden sich fast verdoppeln

Die Mehrkosten für die Rentenkasse hatte die Regierung auf 900 Millionen Euro für 2014 und 1,5 Milliarden Euro für 2015 veranschlagt. Auch diese Werte sind längst Makulatur: Auf 1,5 Milliarden Euro für 2014 und 2,8 Milliarden Euro für 2015 haben Nahles´ Ministerialen inzwischen ihre eigenen Erwartungen aufgestockt. „Die ersten Zahlen zum Jahresanfang zeigen: Die Rente mit 63 wird mehr genutzt, als die Politik angenommen hat“, sagte kürzlich Achim Dercks, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Beitragszahler, aber auch die Unternehmen werden dafür auf Jahre hinaus Milliardenbeiträge aufbringen müssen – bis zum Jahr 2030 insgesamt fast 50 Milliarden Euro.“

Grafik zur Folgen der Rente mir 63.

Schmerzhafte Folgen der Rente mit 63: Einen Verlust an Know-how, erhöhten Weiterbildungsbedarf in der Belegschaft und verschärften Wettbewerb um Personal fürchten einer Umfrage der Adecco Group Germany zufolge zwei Drittel der befragten Unternehmer. Quelle: Ardecco Germany Group, Juli 2014

Massive Schwierigkeiten bei Nachbesetzungen

Doch für die deutsche Wirtschaft sind die Kostensteigerungen nur die eine Seite der Medaille – und nicht einmal die schlimmste. Noch härter treffen besonders mittelständische Unternehmen weitere Auswirkungen der „wieder eingeführten Frührente“. In einer Umfrage unter 4.000 Unternehmen hat die Bayerische Industrie- und Handelskammer (BIHK) im Februar festgestellt: Drei Viertel der befragten Unternehmen klagen schon jetzt über den schleichenden Verlust von Fachwissen, 47 Prozent berichten über ernsthafte Probleme beim Nachbesetzen von Stellen, die durch das frühzeitige Ausscheiden qualifizierter Fachkräfte vakant werden.
Besonders stark betroffen sind nach der Studie mittelgroße Industriebetriebe und Bauunternehmen. „Der Ansturm auf die Rente mit 63 verschärft den Fachkräftemangel zur Unzeit und durchkreuzt in vielen Firmen die Personalplanungen“, kritisiert BIHK-Präsident Eberhard Sasse die Entwicklung.

Dreifacheffekt verschärft den Fachkräftemangel

Damit bestätigen sich Befürchtungen, die Experten schon vor langer Zeit äußerten. „Mit Maßnahmen wie der Rente mit 63 gibt die Politik das Signal, dass ein früher Ausstieg aus dem Beruf möglich ist – das ist fatal!“ So warnte Thomas Straubhaar, der damalige Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, Anfang 2014 in der Studie „Demografie. Strategie 2030“ eindringlich vor den „unsinnigen Rentenplänen“. Auch aus einer DIHK-Umfrage vom Juni 2014 war deutlich geworden: Vier von zehn Unternehmen befürchteten eine Beeinträchtigung ihrer Geschäfte durch den Mangel an qualifiziertem Personal.
Drei Effekte, die die Personalsituation verschärfen, hat zuletzt auch die IHK Lübeck beklagt. In den nächsten Jahren käme eine zunehmende Zahl Angehöriger geburtenstarker Jahrgänge ins Rentenalter – und viele von ihnen gingen nun auch noch vor der Zeit. „Auf der einen Seite“, sagt IHK-Präses Friederike Kühn, „gehen den Unternehmen so wertvolle Fachkräfte früher verloren. Auf der anderen Seite werden durch den Mindestlohn neue Einstiegshürden für Geringqualifizierte geschaffen.“

Die Gegenmaßnahmen der Firmenchefs

Doch Unternehmer wären keine Unternehmer, wenn sie angesichts eines misslichen Zustands in Schockstarre fallen würden. In einer Umfrage unter mehr als 250 mittelgroßen und großen Unternehmen hat der Schweizer Personaldienstleister Adecco Group schon im Sommer 2014 herausgefunden, wie sich deutsche Firmenlenker gegen den drohenden Know-how-Verlust zur Wehr setzen wollen. 70 Prozent gaben an, künftig noch mehr Zeit und Geld in die Qualifizierung ihres Personals investieren zu wollen. 66 Prozent wollen versuchen, mithilfe von Teilzeitmodellen, die der Lebenssituation ihrer (älteren) Mitarbeiter entgegenkommen, erfahrene Fachkräfte an sich zu binden. Und immerhin 58 Prozent ziehen ernsthaft in Erwägung, auch Mitarbeiter, die sich schon im Ruhestand befinden, bei Bedarf wieder zu reaktivieren.