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Auf einen Espresso mit …
12.03.2015

Die Geldpolitik der EZB drückt die Zinsen. Gleichzeitig geht der Eurokurs auf Talfahrt und notiert so tief wie seit 12 Jahren nicht. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, über Ursachen und Folgen des Euroabsturzes.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, bei einem Espresso.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Planen Sie in diesem Jahr eine Reise in die USA?
Cyrus de la Rubia: Nein, ich war mit meiner Familie 2010 in den Staaten, damals
stand der US-Dollar zwischen 1,30 und 1,40 zum Euro.

Und heute kostet ein Euro zeitweise nur noch 1,05 US-Dollar. Man
konnte in den vergangenen Tagen einen regelrechten Absturz unserer
Währung beobachten. Was ist da los, Herr de la Rubia?

Cyrus de la Rubia: Da sind zwei mächtige Zentralbanken am Werk, die europäische und die amerikanische. Die Europäische Zentralbank (EZB) drückt gerade die Zinsen mit ihrer Geldpolitik nach unten. D.h. für Anleger wird es noch
unattraktiver, Geld in der Eurozone anzulegen, sie verkaufen Euro. Auf der anderen Seite des Atlantiks bereitet die Notenbank die Investoren jedoch auf höhere Zinsen vor. Deswegen kaufen viele Anleger jetzt US-Dollar.
 
O.k., aber warum geht es jetzt auf einmal so schnell?
Cyrus de la Rubia: Das ist in der Tat ungewöhnlich. Zwei Faktoren kamen jetzt zusammen: Die EZB hat Anfang März tatsächlich begonnen, Staatsanleihen zu kaufen und hat dadurch das Renditeniveau nochmals erheblich gesenkt. Wenn sie eine Bundesanleihe mit einer Laufzeit von zehn Jahren für 100 Euro heute kaufen, erhalten sie als Verzinsung ganze 20 Cent pro Jahr...

... und der andere Faktor?

Cyrus de la Rubia: Der andere Faktor waren die überraschend guten Konjunkturdaten aus den USA. Die Arbeitslosenrate ist dort auf 5,5 Prozent gefallen. Damit herrscht schon fast Vollbeschäftigung. Viele Anleger gehen seit der Veröffentlichung dieser Zahl davon aus, dass die US-Notenbank schon im
Juni den Leitzins anheben wird.

Einige Banken sehen den Euro über die nächsten Jahre bis auf 0,85
US-Dollar abrutschen. Ist das realistisch?

Cyrus de la Rubia: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die verrücktesten Dinge auf einmal realistisch sind. Ich hätte es vor einiger Zeit auch nicht für möglich gehalten, dass unser Finanzminister Schulden
aufnehmen kann und dafür nicht Zinsen zahlt, sondern stattdessen Zinsen erhält.

O.k., dann frage ich anders: Wo sehen Sie den Euro am Ende des Jahres?
Cyrus de la Rubia: Aus rein technischer Sicht ist die jüngste Bewegung vermutlich etwas zu rasch vonstattengegangen. Da kann es ohne Weiteres
kurzfristig noch zu einer Gegenbewegung kommen. Ein anderer Punkt, der
den Euro etwas stützen könnte, ist, dass die US-Notenbank vermutlich doch nicht ganz so rasch ihre Zinsen anhebt. Wir rechnen eher im September mit einem Zinsschritt, nicht schon im Juni. Und dann muss man auch bedenken, dass die Eurozone wirtschaftlich vielleicht doch rascher auf die Beine kommt, als viele sich das derzeit vorstellen. Hierbei hilft auch der niedrige Ölpreis.

Also rechnen Sie mit einem stärkeren Euro?
Cyrus de la Rubia: Nein, die anderen Kräfte, die ich anfangs beschrieben habe, sind ja auch am Werk. Aber die weitere Abwertung sollte nicht mehr so stark
ausfallen und ich rechne nicht mit einem dauerhaften Unterschreiten eines Wechselkurses von 1 US-Dollar pro Euro. Im kommenden Jahr sollte der Euro dann tatsächlich auch wieder aufwerten und in Richtung 1,10 bis 1,15 US-Dollar marschieren.