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02.02.2015

Jenseits aktueller politischer Themen hat das Weltwirtschaftsforum in Davos auch 2015 wieder wichtige Wirtschaftstrends aufgezeigt. Die beiden zentralen Inhalte waren der niedrige Ölpreis und seine Folgen sowie die Sicherheit der digitalen Kommunikation in und zwischen Unternehmen.

Alibaba-Gründer Jack Ma.

Gewichtige Stimme für mehr Schutz im Cyberraum: Alibaba-Gründer Jack Ma will künftig zwei Milliarden Kunden erreichen – und plädierte in Davos für verbesserte Datensicherheit in internationalen Netzen. (Foto: picture alliance / dpa)

Auf dem Davoser Forum, zu dem sich jedes Jahr Wirtschaftsverantwortliche mit Staatenlenkern treffen, um in privater Atmosphäre den direkten Austausch zu pflegen, war es schon immer so: Über Politik wurde mehr und lauter gesprochen als über ökonomische Sachfragen. Auch 2015 drängten die politischen Diskussionen die wirtschaftlichen Themen in den Hintergrund. Das kann nicht verwundern angesichts ernster militärischer Krisen in Syrien, der Ukraine und Teilen Afrikas sowie den blutigen Terroranschlägen in Europa, dem Nahen Osten, Pakistan und Fernost. Auch der Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank in Multimilliardenhöhe und die Ebolaepidemie in Westafrika waren Themen in vielen Diskussionen.

Davos – „home of worldwide trends“

Trotz der alljährlichen Dominanz politischer Themen wurden in Davos oft Trends deutlich, die langfristige Wirkung entfalteten – auch für Firmenverantwortliche weit weg vom „Gedrängel im Schnee“. Das war auch 2015 wieder der Fall. Vor allem zwei Fragen beherrschten die Gespräche auf den Foren und bei den abendlichen Treffen auffallend häufig:

  • Wie lange bleibt der Ölpreis auf dem historischen Tiefstand der vergangenen Monate – und was bedeutet das für den weltweiten Handel, die Industrie und den Umgang mit Energie allgemein?
  • Wie bedroht sind in Zeiten von NSA-Skandalen, Hackerattacken und „Industrie 4.0“ die sensiblen Daten – nicht nur die von Privatleuten, sondern auch die der Unternehmen? Und wie soll die Wirtschaft auf diese Bedrohung reagieren?

Davos in Zahlen - 45. Jahrestreffen

Einwohner Davos: 11.200 
Gäste insgesamt: 10.000       
geladene Teilnehmer: 2.500

  • aus den USA: 27 Prozent
  • aus der Schweiz: 10 Prozent
  • aus Großbritannien: 10 Prozent
  • aus Deutschland: 4 Prozent
  • aus Frankreich: 3 Prozent

Staats- und Regierungschefs: 40      
Regierungsmitglieder: 300      
Chief Executives: 750      
Frauen: 425  
einfliegende Privatjets: 1.700      
TV-Journalisten: 280

Ölpreis im Keller – Industrie auf Sparkurs

In der Ölfrage wurde deutlich: Die echten Experten erwarten keinen raschen Preisanstieg beim immer noch wichtigsten Rohstoff der Welt. So machte Bob Dudley, der CEO des europäischen Ölgiganten BP, im BBC-Interview klar: Er stelle sein Unternehmen langfristig auf Weltmarktpreise ein, die weit unterhalb der 100-Dollar-Grenze pro Barrel lägen – auch wenn die aktuellen Tiefststände von 48 Dollar pro Barrel langfristig wohl nicht von Dauer sein würden. Aber vor Mitte des Jahres 2015 erwartet der BP-Boss keinen signifikanten Aufwärtstrend.

Einig ist er sich darin mit Fatih Birol, dem Chefökonomen der Internationalen Energieagentur IEA, und mit Claudio Descalzi, dem Vorstandschef des italienischen Staatskonzerns Eni. Descalzi jedenfalls verkündete, die weltweite Ölindustrie habe ihre Investitionspläne um zehn bis 15 Prozent gekappt, da niemand einen raschen Wiederanstieg der Preise erwarte.

Des einen Freud – des anderen Leid

Für Wirtschaftsverantwortliche in Deutschland ist das einerseits eine gute Nachricht: Die Ausgaben für Treibstoff und für energieintensive Produktionslinien dürften in diesem Jahr spürbar geringer ausfallen als in den Jahren zuvor – ebenso wie die Transport- und Reisekosten. Andererseits könnte der Öltiefpreis für Wirtschaftszweige wie die erneuerbaren Energien zu einem Bumerang werden. So warnte Zhou Xiaochuan, der Gouverneur der mächtigen Chinesischen Volksbank, in Davos: „Wir machen uns Sorgen, dass die niedrigen Ölpreise die weitere Entwicklung der neuen Energien stark beeinträchtigen. Wir werden die Investments in nicht fossile Energieträger wohl erheblich zurückfahren.“

Cybersicherheit – das Megathema

Gefragt wie kaum ein Zweiter in den Gängen und Sälen von Davos war Jewgeni Kaspersky. Der russische Unternehmer, der seit 25 Jahren zu den führenden Experten für Rechner- und Datensicherheit weltweit zählt, konstatierte einen Wandel: Computer- und Cybersicherheit seien auf dem Weltwirtschaftsforum zwar schon lange als Thema vertreten gewesen – hätten aber nie zuvor derart im Zentrum der Aufmerksamkeit gestanden wie 2015.

Was sich nach den Enthüllungen über die weltweiten Spähaktivitäten der NSA, dem aktuellen „Cyber War“ zwischen den USA und Nordkorea und den intensiven Hackerangriffen auf die Datenbestände von Weltkonzernen wie Sony Pictures, eBay, JP Morgan und andere mehr weltweit geändert hat, ist offenbar die Zuständigkeit für das Thema in den Unternehmen: „Wenn wir früher mit einem Konzern aus den Top 500 über Cybersicherheit gesprochen haben, hieß es regelmäßig: Reden Sie mit unseren IT-Leuten“, verriet Carlos Creus Moreira, der Chef des Schweizer Sicherheitsspezialisten Wisekey. „Heute reden wir über diese Themen regelmäßig mit der obersten Führungsriege.“

Besonders groß war das Interesse in Davos für ein Thema, das noch 2014 kaum einen Interessenten in ein Forum gelockt hatte – und von dem in den kommenden Monaten noch viel zu hören und zu lesen sein wird: die Einrichtung einer zentralen Organisation, die weltweite Standards für die Cybersicherheit entwickeln und deren Einhaltung überwachen soll. Geplant ist etwas Ähnliches, wie es die Gründung der International Air Transport Association für den internationalen Flugverkehr darstellte. „Die Bereitschaft zur Kooperation zwischen den Regierungen und den Unternehmen, um gemeinsam gegen die Bedrohungen vorzugehen, ist enorm gestiegen“, stellte Moreira fest.