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23.02.2015

Deutsche Mittelständler drohen bei Industrie 4.0 den Anschluss zu verlieren. Dabei würde digitale Modernisierung signifikante Vorteile einbringen.

Produktionslinie in einer Automobilfabrik.

In der deutschen Automobilbranche ist Industrie 4.0 bereits angekommen. Viele Unternehmen profitieren von computergesteuerten Arbeitsprozessen. (Foto: picture alliance / dpa)

Sich digital auszurichten, ist bares Geld wert. Die datengestützte Abstimmung von Mitarbeitern, Maschinen, Buch- und  Lagerhaltung sowie der Absatz- und Zulieferlogistik über Software, Sensoren und intelligente Netzwerke erzeugt etwa bis zu 30 Prozent mehr Produktivität, rechnen Experten vor. Grund dafür sind Energieeinsparungen und optimierte Maschinenauslastung. Ein Potential, dass der Mittelstand bisher über weite Strecken brachliegen lässt.

Denn die meisten deutschen Firmenchefs bleiben gegenüber Industrie 4.0-Konzepten skeptisch. Eine druckfrische Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zeigt etwa, dass nur 27 Prozent von knapp 2000 befragten Unternehmern der Ansicht sind, dass ihr Betrieb „vollständig“ oder „nahezu vollständig“ digital auf der Höhe ist. Das gilt quer durch die untersuchten Branchen, darunter Industrie, Handel, Gastronomie, Bau und Verkehr. Rund 66 Prozent der befragten Firmenchefs sehen bei ihren Fertigungshallen, Büros und Fahrzeugflotten jedoch noch deutliche Defizite, was datengesteuerte Prozesse und Kommunikation angeht.

Sorge um Datensicherheit

Die größte Sorge der Unternehmer ist die Datensicherheit. Offenbar steht bei vielen Unternehmern mögliche Spionage oder gar Sabotage durch digitale Schadsoftware hinter der Zurückhaltung gegenüber voll digitalisierten Fabriken. So wird laut Befragung die Digitalisierung überwiegend als Risiko anstatt als Chance gesehen.

„Über kurz oder lang wird die Digitalisierung jedoch in nahezu jeder Branche auftreten. Alle dort beschäftigten Fachkräfte müssen über digitale Kompetenzen verfügen, um in ihrer Domäne künftig handlungsfähig zu sein“, heißt es in der Studie des DIHK, die als ersten Schritt hin zu mehr digitaler Vernetzung des Mittelstands die gründliche Fortbildung von Mitarbeitern beim Thema Industrie 4.0 propagiert.

Fehlender Blick nach außen

In eine ähnliche Richtung äußert sich auch der Digital- und Managementexperte Arnold Picot, der den Münchner Kreis leitet, eine unabhängige Plattform für die Analyse von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, die gleichfalls kürzlich eine eingehende Studie zum Thema Industrie 4.0 vorgelegt hat.

Viele Unternehmer „schleppen ihre Fachsicht mit sich herum und kommen nicht raus. Die Digitalisierung erfordert aber ein Neudenken und ein Neugestalten angestammter Prozesse und Wertschöpfung“, sagt Picot. Für den Experten wird das Thema Digitalisierung bisher vor allem bei Unternehmen von Konzerngröße wirklich ernst genommen. Ein Beispiel sei etwa die deutsche Automobilindustrie, wo die wachsende Bedeutung von Computersteuerung, digitaler Kommunikation, Elektromobilität und ganz neuen Nutzungsmodellen, wie etwa dem Carsharing, längst als zukunftsweisendes Experimentierfeld erkannt worden sei. Der eher kleinteilige Mittelstand sei jedoch deutlich schwieriger zu vernetzen als Großunternehmen, gesteht Picot zu.

Zu einer gut funktionierenden Industrie 4.0-Landschaft in Deutschland würden jedoch auch leistungsfähige Datenleitungen gehören, um Firmen und Maschinen engmaschig vernetzen zu können. Auch hier hinkt Deutschland bislang hinterher. Die DIHK Studie zum Thema zeigt etwa, dass über alle Branchen hinweg immerhin 32 Prozent aller Unternehmer den Zugang zu schnellen Internetverbindungen vermissen. 41 Prozent geben sogar an, dass der Mangel an schnellen Datenleitungen den Einstieg in eine weitreichende Digitalisierung bislang verhindert habe.

Mit einer Sprache sprechen

Und auch einheitliche digitale Standards fehlen dem potentiellen Industrie 4.0-Aufbruch in deutschen Unternehmen noch. Auch diese Entwicklung treiben derzeit vor allem Großunternehmen voran. In den USA arbeitet etwa bereits das Industrial Internet Consortium an der Entwicklung einheitlicher IT-Sprachen und Standards für die Revolution der Industrie 4.0. Es vereint US-Konzerne wie Cisco Systems und GE mit ausländischen Elektronikunternehmen wie Huawei oder Hitachi unter einem Dach. Von deutscher Seite gehören bislang nur Siemens und Bosch der Initiative an.

Daher ist es fraglich, ob etwa der stark mittelständisch geprägte deutsche Maschinenbau bei diesen Weichenstellungen überhaupt Gewicht und Stimme haben wird. In Deutschland hat sich daher die Plattform Industrie 4.0 gegründet, der außer Großunternehmen wie SAP und Deutsche Telekom auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau angehört.