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27.01.2015

Mittelstandsfirmen profitieren vom geplanten, unbeschränkten Güteraustausch zwischen Europa und den USA – hadern aber noch immer mit Industrie 4.0.

LKW-Schranken am Hamburger Hafen

Hoch mit den Schranken am Hamburger Hafen. Die mittelständische Wirtschaft ist ein TTIP-Gewinner des Transatlantischen Freihandelsabkommens. (Foto: picture alliance / dpa)

Fränkischer Bocksbeutel aus dem Napa Valley, Spreewaldgurken aus Florida und Schwarzwaldschinken aus Kentucky: Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP), die Zölle und andere Handelsschranken zwischen der EU und den USA abschaffen soll, ist für viele Hersteller regionaler deutscher Spezialitäten ein rotes Tuch. Unter dem Strich aber „nutzt das Abkommen dem Mittelstand“, zitiert die Börsenzeitung die Kernaussage einer umfassenden Untersuchung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Das Hauptargument: Aufgrund einheitlicher Rechtsstandards bei Produktzulassungen und technischen Normen auf beiden Seiten des Atlantiks haben es Mittelständler, die keine eigenen Juristenteams beschäftigen können, bei Investitionen deutlich leichter. Die wettbewerbsstarken Unternehmen kommen dadurch einfacher auf den US-Markt.

Die in der Studie genannten Vorteile von TTIP für seine Heimatstadt betont das Hamburger Abendblatt: „Hamburg dürfte zu den Gewinnern gehören, weil die Stadt nicht nur eine Handelsdrehscheibe ist, sondern auch zahlreiche mittelständische, international orientierte Firmen in der Metropolregion ihren Sitz haben“, zitiert die Zeitung Henning Völpel, Direktor und Mitglied der Geschäftsführung des HWWI. Die USA sind mit einem Handelsvolumen von 6,2 Milliarden Euro Hamburgs fünftwichtigster Außenhandelspartner. Allerdings, gibt das Blatt zu bedenken, werde TTIP das Wachstum nur moderat ankurbeln. Schätzungen zufolge werde es die Wirtschaftsleistung der EU bis 2027 um lediglich 0,5 Prozent steigern. Das Münchner Ifo-Institut dämpft laut Abendblatt ebenfalls die Erwartungen an TTIP. Aus seiner Sicht werden durch das Abkommen langfristig nur 25.000 Arbeitsplätze in Deutschland entstehen.

Anlagenbauer sehen Kostenvorteile

Deutsche Maschinenbauer – viele von ihnen sind Mittelständler – sehen das Abkommen unter Exportgesichtspunkten positiv. „Wenn es einheitliche Standards gäbe, könnten unsere Mitgliedsunternehmen bei ihren Maschinen und Anlagen durchschnittlich 18 Prozent Kosten einsparen und ihre Produkte zu anderen Preisen anbieten“, sagt Thilo Brodtmann, der künftige Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VDMA, dem Handelsblatt. Der Vertreter von immerhin 3.200 Unternehmen des Maschinenbaus beklagt jedoch, die EU weiche bei ihren Verhandlungen mit den USA die bislang harten Standards beim Investitionsschutz auf und sei unter anderem dazu bereit, erprobte Schiedsverfahren „zu beerdigen“.

Das Internet der Dinge erklären

Man hätte TTIP den deutschen Verbrauchern von Beginn an besser erklären sollen, heißt es hingegen in der Elektroindustrie. Klaus Mittelbach, der den gleichfalls stark mittelständisch geprägten Branchenverband ZVEI leitet, zieht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) daraus das Fazit: Man kann auch beim Thema Industrie 4.0, also bei der Steuerung von immer mehr Fahrzeugen, Geräten, Maschinen und Fertigungsanlagen durch intelligente Computersoftware, den Menschen die Skepsis durch frühzeitigen Dialog nehmen. So werde die deutsche Elektronikindustrie nun gemeinsam mit Gesellschaft und Politik einen „Code zur Nutzung von Daten im Internet der Dinge und Services“ erarbeiten, der die breite Zustimmung der Bevölkerung finden soll.

Die Zeit dränge allerdings, denn die bisher schleppende digitale Vernetzung der Industrielandschaft sei zu einem Handicap für die deutsche Wirtschaft geworden, mahnt Managementprofessor Arnold Picot in der Wirtschaftswoche. „Viele schleppen ihre Fachsicht mit sich herum und kommen nicht heraus. Die Digitalisierung erfordert aber ein Neudenken und ein Neugestalten angestammter Prozesse und der Wertschöpfung“, so der Experte. Wie man neues digitales Denken lerne, habe etwa die Autoindustrie bewiesen, so Picot. Sie habe sich flexibel der wachsenden Bedeutung von Software, Datensteuerung und Elektromobilität, aber auch neuen Nutzungsmodellen, wie etwa dem Carsharing, geöffnet. Dass sich der Mittelstand im Vergleich zu großen Fahrzeugkonzernen schwerer mit der Vernetzung tut, ist dem Experten bewusst: „Die kleinteilige Wirtschaft in Deutschland lässt sich nur schwer koordiniert zur Digitalisierung bringen.“ Das sei ein Nachteil, der jedoch überwunden werden müsse.

China kauft systematisch Technologie ein

Die meisten deutschen Elektronikprodukte gehen mittlerweile nach Asien. Denn als wichtigster Auslandsmarkt hat sich China kürzlich vor die USA geschoben. Das Schwellenland kauft allerdings nicht nur deutsche Produkte ein, sondern auch kleinere und mittelgroße Unternehmen in großem Stil. Chinas Wirtschaft braucht Zugang zu Wissen und Technologien. Wurden vor fünf Jahren nur zwei deutsche Firmen von chinesischen Investoren erworben, waren es 2014 schon 36, rechnet das Beratungsunternehmen Ernst & Young in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor. Autozulieferer sind besonders begehrte Ziele. Der chinesische Industriekonzern Avic übernahm 2014 etwa den fränkischen Motoren- und Getriebeteilefabrikanten Hilite, griff aber auch beim Wilhelmshavener Herrenmodespezialisten Peine und rheinland-pfälzischen Kranhersteller Wilbert zu. Nummer eins auf der Liste der Einkäufer sind allerdings nach wie die USA: Im vergangenen Jahr kauften sie 159 deutsche Unternehmen. Hier scheint der Strom transatlantischer Investitionen bereits recht unbeschränkt zu fließen.

Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Januar (beobachteter Zeitraum: 8. Januar bis 22. Januar 2015) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Börsenzeitung, Hamburger Abendblatt, Handelsblatt, Wirtschaftswoche und Frankfurter Allgemeine Zeitung.