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05.12.2014

Was mittelständische Unternehmer über neue Börsensegmente, Venture Capital und Kapitalquellen chinesischer Unternehmen wissen müssen.

Immer mehr Geld fließt dank einer Direktverbindung (Through Train) nach China – über die Börsen in Hongkong und Shanghai. (Foto: picture alliance / dpa)

Ein Artikel des Handelsblatts wirft neues Licht auf den deutschen Mittelstand: Rund 135.000 Familienunternehmen mit insgesamt zwei Millionen Beschäftigten müssen sich nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung in diesem und den kommenden vier Jahren nach einem neuen Chef oder einem Käufer umsehen. In manchen Branchen übersteigt die Zahl der amtierenden Chefs die der potenziellen Nachrücker um ein Vielfaches, so das Blatt unter Berufung auf den Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Am drängendsten seien die Probleme in der Industrie, wo auf fünf Alteigentümer ein potenzieller Nachfolger käme. Das könne am hohen Kapital- und Investitionsbedarf liegen: Tritt der alte Chef ab, müssten häufig Maschinenparks modernisiert, Produktsortimente umgestellt und Geschäftsmodelle überarbeitet werden. Zusätzliche Herausforderungen brächten die Industrie 4.0 mit ihren vernetzten Produktionsprozessen und ganz neue Kundenbeziehungen. Die Zeitung nennt außerdem einen schwachen Gründergeist und den demografischen Wandel als Ursachen für den Missstand.

Kapitalaufnahme im deutschen Mittelstand

Tatsächlich fällt dem deutschen Mittelstand, zu dem auch viele Familienbetriebe gehören, die Kapitalaufnahme derzeit nicht leicht. Das jedenfalls analysiert René Parmantier, Vorstandsvorsitzender der Bank Close Brothers Seydler, in einem Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung. Galt der deutsche Mittelstand lange Jahre als unterkapitalisiert, habe er seine Eigenkapitalquote von 23,9 Prozent im Jahr 2006 auf 27,4 im Jahr 2012 steigern können. Parmantier ist das aber noch nicht genug: Meist erfolge die Stärkung der Eigenkapitalbasis aus einbehaltenen Gewinnen und oft zulasten des Wachstums. Eine dynamische Wachstumsstrategie und die Internationalisierung eines Unternehmens aber sei mit einbehaltenen Gewinnen nur im Ausnahmefall zu stemmen. Oft genug müsse im Mittelstand eine Reorganisation mit zusätzlichem Eigenkapital unterlegt werden. Gerade bei Familienunternehmen mit weitverzweigten Familienstämmen sei das eine Herausforderung. Trotzdem, konstatiert der Finanzexperte weiter, habe der deutsche Mittelstand die Börse als Finanzierungsquelle nicht neu entdeckt. Seit den Turbulenzen am Neuen Markt, die bis 2003 andauerten, und der seit 2008 anhaltenden Finanzkrise würden viele Unternehmer den Kapitalmarkt meiden. In seinem Gastbeitrag plädiert er daher für mehr unternehmerischen Mut. Die Emissionsbanken ruft er auf, sich wieder auf die Nachhaltigkeit ihres Geschäftsmodells zu besinnen sowie auf den großen Nutzen, den die Börse für Unternehmen bringe.

Momentan müssen offenbar viele Mittelständler gar kein Fremdkapital aufnehmen. Das geht aus einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hervor, die auf Zahlen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und des Instituts für Mittelstandsforschung in Mannheim hinweist. Die Top 500 unter den deutschen Familienunternehmen würden inzwischen die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften, so die Zeitung. Von 2006 bis 2012 sei deren Umsatz um 4,6 Prozent gestiegen, jener der Dax-27-Unternehmen – den dreißig größten Dax-Unternehmen ohne die drei großen Konzerne Beiersdorf, Henkel und Merck – hingegen nur um 1,9 Prozent. Auch seien die Familienunternehmen in ihrer Bilanzstruktur stabiler, denn die durchschnittlichen Eigenkapitalquoten von Familienunternehmen seien in den Jahren 2009 bis 2012 jeweils höher gewesen als jene von Nichtfamilienunternehmen, berichtet die Zeitung.

Die Venture-Capital-Klemme

Junge deutsche Firmen hingegen würden die Börse als Kapitalquelle liebend gern in Anspruch nehmen. Doch den Vorschlag von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, einen neuen „Neuen Markt“ zu schaffen, lehnt die Deutsche Börse AG prompt ab, wie die „Hannoversche Allgemeine berichtet. Man wolle auf absehbare Zeit kein eigenes Segment für Start-ups ins Leben rufen. Gabriel bedauere die Entscheidung und halte sie für falsch. Sie werde dazu beitragen, dass sich junge Unternehmen noch stärker in die USA orientieren würden. In diesem Zusammenhang berichtet das Blatt allerdings von anderen Plänen der Deutschen Börse: Deren Vizechef Andreas Preuß habe den Aufbau einer Internetplattform angekündigt, auf der sich junge Wachstumsfirmen und Geldgeber beschnuppern könnten. Fände ein Unternehmen auf der Plattform genügend Investoren, könne es anschließend an die Börse gehen.

Auf diese Weise ließe sich Deutschlands Problem bei der Gründung von Unternehmen zukünftig lösen, meint die Wirtschaftswoche. Die Investitionen in Start-ups sind in Deutschland traditionell extrem niedrig, so das Magazin. Zum ersten Halbjahr 2014 seien lediglich 285 Millionen Euro an Venture Capital geflossen, so die Zeitschrift unter Hinweis auf Zahlen des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften in Berlin. Im Vergleich zu den USA sei das geradezu lachhaft: Bis zum 30. September hätten Wagniskapitalgeber den US-Start-ups binnen drei Monaten umgerechnet rund 15 Milliarden Euro in die Bilanz geschaufelt.

Das Geld der Investoren fließt unterdessen auch nach China. Seit dem 17. November 2014 sogar verstärkt, diagnostiziert die Wirtschaftswoche. Seitdem verbände das Projekt „Through Train“ die Börsen Hongkong und Shanghai. Alle ausländischen Anleger könnten seitdem Aktien in China kaufen. Bisher sei dies nur großen Profiinvestoren möglich gewesen. Allerdings, so die Zeitschrift, begrenzen Quoten den Kapitalzufluss: 13 Milliarden Yuan, umgerechnet 1,7 Milliarden Euro, solle das Maximalvolumen pro Tag betragen; am ersten Handelstag sei das schon deutlich vor Börsenschluss ausgeschöpft gewesen. Das Magazin zitiert Jack Lin, einen Analysten des Investmentfonds Pioneer: Er nennt „Through Train“ einen „Riss in der Mauer“.

Zur Methode

Für den Pressefokus „Unternehmensfinanzierung“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat November (beobachteter Zeitraum: 7. November bis 2. Dezember 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Börsen-Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt, Hannoversche Allgemeine und Wirtschaftswoche.