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Ölpreis

Kapazitätsausweitung trifft auf stotternde Konjunktur

05.11.2014

Anfang November 2014 fiel die Nordsee-Ölsorte Brent Crude auf ein Vier-Jahres-Tief. Die Gründe für die zuletzt starken Schwankungen an den internationalen Ölmärkten sind vielfältig – erklärt werden sie von Daniel Pax, Rohstoffexperte der HSH Nordbank.

Bergwerk, Sonnenuntergang

Ölförderung in den USA: Unter anderem der starke Wechselkurs des US-Dollars lässt die Ölpreise weltweit fallen. (Foto: picture alliance / landov)

Herr Pax, weshalb der starke Preisverfall seit diesem Sommer?

Daniel Pax: Es stimmt, der Preis für die Rohölsorte Brent hat seit Anfang Juli rund ein Viertel seines Wertes eingebüßt. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Zum einen bleibt das globale Konjunkturwachstum hinter den Erwartungen zurück, was einen unmittelbaren Einfluss auf die Nachfrage hat. Darüber hinaus war aber auch dieses Mal wieder folgender Zusammenhang an den Märkten zu erkennen: Ein starker US-Dollar bedeutet fallende Öl- und Rohstoffpreise. Viel entscheidender im Moment ist aber die kontinuierliche Ausweitung der Angebotsseite.

Daniel Pax

Daniel Pax, Rohstoffexperte der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Weshalb ist das Angebot so groß?

Daniel Pax: Ein wichtiger Grund ist, dass die USA so viel Öl fördern wie seit den achtziger Jahren nicht mehr. Durch die Ausbeutung von Schieferölbeständen haben die USA ihre Produktion in den vergangenen vier Jahren um mehr als 60 Prozent auf etwa neun Millionen Barrel pro Tag gesteigert. Mit diesem Anstieg - der noch nicht am Ende zu sein scheint - werden die USA kurzfristig auch Saudi Arabien als wichtigstes Öl-Förderland der Welt den Rang ablaufen. Hinzu kommen politisch instabile Länder wie Libyen, Iran und Irak, die einen Teil ihrer verlorenen Produktion in den letzten Wochen zurückgewinnen konnten.

In den vergangenen Jahren hat es die OPEC, die „Organization of the Petroleum Exporting Countries“, meist verstanden, das Angebot so zu verknappen und damit die Preise zu stabilisieren.  

Daniel Pax: Ja und nein. Eine wichtige Aufgabe der OPEC liegt sicherlich in der Wahrung der wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitgliedsländer und dies ist zweifelsohne ein hoher Erlös aus den Rohölverkäufen. Allerdings stellen wir auch immer wieder fest, dass unter den zwölf Mitgliedern Uneinigkeit darüber herrscht, wo der faire Preis für eine funktionierende Weltkonjunktur liegt. Dies ist insofern ein Problem, als dass die OPEC-Länder selbst einen hohen Ölpreis benötigen, um ihre üppigen Staatshaushalte finanzieren zu können. Jeder versucht, so viel Öl wie möglich aus der Erde zu holen und dies dann zu hohen Preisen zu verkaufen. Dass diese Gleichung auf Dauer nicht aufgeht, ist spätestens jetzt durch die neue Öl-Supermacht USA offengelegt worden, welche nicht zur OPEC gehört und ein anderes Ziel – nämlich Energieautarkie – verfolgt.

Welche Rolle spielt Russland?    

Daniel Pax: Russland ist der dritte wichtige Spieler am Ölmarkt. Auch dieses Land hat sich an die beträchtlichen Einnahmen aus dem Energiesektor der vergangenen Jahre gewöhnt. Schätzungen zufolge benötigt Russland einen Preis von ca. 100 US-Dollar pro Barrel, um seinen finanziellen Verpflichtungen mittelfristig nachkommen zu können. In diesem Zusammenhang sollte auch niemand die politische Dimension, die in einer Beeinflussung der Preise steckt, übersehen.

Preisentwicklung von Rohöl (Sorte Brent) in US-Dollar/Barrel

Quelle: Reuters

Wie schätzen Sie, werden sich die Ölpreise mittelfristig entwickeln?

Daniel Pax: Wir rechnen inzwischen wieder mit mehr Volatilität in den Ölmärkten. Das natürliche Gleichgewicht scheint verloren gegangen zu sein. Inwiefern der amerikanische Schieferölboom von Dauer sein wird, hängt neben dem kontinuierlichen Erschließen neuer Gebiete sowie einer Kostendegression durch technologischen Fortschritt vor allem von den zukünftigen Verkaufserlösen ab. Sollte das aktuelle Niveau von 85 US-Dollar pro Barrel länger anhalten oder sogar sinken, stehen viele neue Schieferölprojekte auf der Kippe, weil die Produktionskosten zu hoch sind. Generell müssen wir weiterhin geopolitische Krisen einkalkulieren, die preistreibend auf den Ölpreis wirken. Hiermit meine ich vor allem den nicht zur Ruhe kommenden Nahen Osten, wo immerhin ein Großteil der OPEC-Länder beheimatet ist.

Würden Sie Unternehmen raten, den Ölpreis auf dem aktuellen Niveau abzusichern?

Daniel Pax: Wir sehen, dass unsere Kunden den Preisrutsch in den letzten Wochen genutzt haben, um teilweise länger als bisher in die Zukunft ihre Treibstoffkosten zu sichern. Man sollte aber nicht alles auf eine Karte setzen und eine Absicherung zeitlich gestaffelt vornehmen. Man wird damit vielleicht nicht immer den günstigsten Preis erwischen, aber letztendlich steht das Risikomanagement von Rohstoffpreisen im Vordergrund. Ich persönlich rate in der aktuellen Situation zu einer Bandbreitensicherung (Collar). Damit ist der Kunde ab einem gewissen Niveau vor weiteren Preissteigerungen geschützt, partizipiert aber innerhalb der Bandbreite von fallenden Notierungen.

Was im Übrigen viele vergessen: Das Absicherungsgeschäft beinhaltet, wenn gewünscht, parallel eine Absicherung des Währungsrisikos. Da Öl an den Weltmärkten in US-Dollar gehandelt wird, existiert hier nämlich ein zweites Preisrisiko.