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Wochenkommentar
27.11.2014

Der Ölpreisverfall kann noch weiter gehen, meint Sintje Boie.

Der Ölpreis sinkt und sinkt. Seit Ende Juni ist der Preis für Brent um mehr als 30% zurückgegangen, so dass aktuell nur noch rund 76 US-Dollar pro Fass bezahlt werden müssen. Was ist der Grund für diesen starken Preisverfall? Da ist zum einen zu nennen, dass die Weltwirtschaft nicht so dynamisch wächst wie einmal angenommen, was die Ölnachfrage spürbar dämpft. So stagniert beispielsweise die Eurozone weitestgehend, und Asien expandiert langsamer als erwartet. Auf der anderen Seite weitet sich das Ölangebot immer mehr aus. Die USA erleben derzeit einen Schieferöl-Boom und auch von anderer Seite, wie zum Beispiel aus Libyen oder zukünftig dem Iran, wenn der Wegfall der Sanktionen es erlaubt, drängt immer mehr Öl auf den Markt.

Der rückläufige Ölpreis wird zunehmend zum Problem für die Ölförderländer – insbesondere für die Länder, die stark auf die Einnahmen aus dem Ölgeschäft angewiesen sind und ihren Staatshaushalt mit einem relativ hohen Ölpreisniveau kalkuliert haben. Das erhöht den Druck auf die Organisation Erdöl fördernder Länder (OPEC), tätig zu werden und auf den Preisverfall mit einer Fördermengenreduzierung zu reagieren. Gelegenheit dazu hätte die OPEC auf ihrem Treffen am 27. November. Allem Anschein nach ist man sich dafür innerhalb der OPEC aber nicht einig genug: Während die kleinen Förderländer durch den niedrigen Ölpreis Schwierigkeiten mit ihrem Haushalt bekommen, haben die großen Ölproduzenten wie Saudi-Arabien umfangreiche Reserven. Entsprechend dürfte es auf dem OPEC-Treffen wohl zu keiner Senkung der Fördermenge kommen.

Des einen Freud ist des anderen Leid. Während die ölfördernden Länder den Preisverfall mit Sorge sehen, ist er eine gute Nachricht für den Konsumenten. Denn der geringere Ölpreis bedeutet für ihn über sinkende Benzinpreise ein höheres verfügbares Einkommen und damit einen Kaufkraftgewinn. Auch insgesamt sollte sich der Preisauftrieb reduzieren, was positiv für den Konsumenten zu bewerten ist. Diese Entlastung dürfte den Privaten Konsum und damit das Wachstum weltweit ankurbeln. Damit könnte der niedrige Ölpreis wie ein großes Konjunkturpaket wirken. Dieser Effekt würde sich noch verstärken, wenn der Preis in den kommenden Wochen und Monaten weiter sinkt, was unseres Erachtens angesichts des reichlichen Ölangebots nicht ausgeschlossen werden kann. Auf längere Sicht sollte die Notierung aber wieder ansteigen, da insbesondere die unkonventionellen Ölprojekte – Ölschiefervorhaben in den USA, Erschließung von Tiefseevorkommen – bei einem Ölpreis von unter 80 US-Dollar nicht mehr rentabel sind. Das würde das Angebot begrenzen und damit wieder leichte Preissteigerungstendenzen hervorrufen. So könnte das Pendel wieder zugunsten der Ölproduzenten ausschlagen. In einem besseren konjunkturellen Umfeld als heute wäre dies aber auch leichter zu verkraften.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank