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10.10.2014

Das Wichtigste für den Mittelstand zur Kreditversorgung in Europa und den Alternativen bei der Unternehmensfinanzierung.

Frisches Geld: EZB-Präsident Mario Draghi überreicht Vitas Vasiliauskas, dem Präsidenten der Zentralbank Litauens, den Euro-Star als Zeichen von Litauens Mitgliedschaft im Euroraum. (Foto: picture alliance / landov)

Bis zu eine Billion Euro will Mario Draghi ausgeben, um Banken Wertpapiere abzukaufen und ihnen Spielraum für die Vergabe neuer Darlehen zu geben. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) will so die Wirtschaft wieder in Schwung bringen, berichtet Spiegel Online. Zunächst soll die EZB Pfandbriefe kaufen, die zum Beispiel mit Immobilien besichert sind. Danach sollen verbriefte Unternehmens- und Verbraucherkredite, sogenannte Asset Backed Securities (ABS), folgen. Der Plan ist ein Akt der Verzweiflung, so Spiegel Online. Banken könnten künftig zu leichtfertig Darlehen vergeben, wenn sie wüssten, dass sie die Risiken am Ende gar nicht oder nur zu einem Teil selbst tragen müssen.

Kritik an der Geldpolitik

Der EZB-Präsident gilt bisher den meisten noch als Retter des Euros, so das Handelsblatt. Doch mit seinem Manöver ziehe er viel Kritik auf sich – auch bei Regierungen. So lehne die Bundesregierung Draghis Forderungen nach Staatsgarantien für ABS-Papiere mit niedriger Bonität rundweg ab. Auch Frankreich, Finnland und die Niederlande stemmten sich gegen die ABS-Pläne. Ökonomen seien skeptisch, ob ABS-Käufe die Kreditklemme in Südeuropa lösen. Das Handelsblatt zitiert dazu Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener ifo-Instituts: „Die Banken werden sich zunächst der problematischen alten Kreditforderungen entledigen. Dass sie viele neue Kredite an unsichere Kreditnehmer vergeben werden, wage ich zu bezweifeln.“

Ein kurzfristiger Effekt auf die Kreditvergabe sei nicht vorstellbar, wird Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, von der FAZ zitiert. Das jetzt von der EZB verkündete Kaufprogramm sei vielmehr nur ein Zwischenschritt zu einem umfassenden Staatsanleihekaufprogramm. Mit der Einschätzung ist de la Rubia nicht allein: Auch andere Ökonomen erwarten, dass die EZB nicht beim Ankauf der ABS und Pfandbriefe stehenbleiben werde, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).

Geld ist genug da – es mangelt an Unternehmensinvestitionen

„Ich sehe grundsätzlich keine angebotsseitigen Liquiditäts- oder Kreditengpässe“, sagt Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, im Interview mit der Börsen-Zeitung. Vielmehr seien viele Mittelständler zurzeit zurückhaltend, was die wirtschaftliche Perspektive in der Eurozone und darüber hinaus angeht. „Daher fahren sie bei Investitionen mit angezogener Handbremse“, so Fahrenschon. Sobald die wirtschaftlichen Perspektiven und Rahmenbedingungen es erlauben, werde auch die Risikobereitschaft wieder zunehmen. Für Unternehmer sei entscheidend, Planungssicherheit zu haben und langfristige, verlässliche Eckpunkte zu kennen – egal ob es um klassische Infrastrukturen wie Straßen gehe oder um neue Netzfinanzierungen im Zuge von Breitbandausbau oder Energiewende.

Auf fünf Punkte sollten Unternehmer beim Bankkredit achten (Quelle: Wiwo)

  1. Laufzeit: Sie bestimmt, in welchem Zeitraum ein Kredit zurückgezahlt werden muss. Hier sollten sich Unternehmen daran orientieren, wie hoch die Gewinne im operativen Geschäft sind – und was unterm Strich davon für die Rückzahlung übrig bleibt.
  2. Kapitaldienst: Neben der monatlichen und jährlichen Tilgung kann auch eine endfällige Tilgung vereinbart werden. Dabei sollten Unternehmen die Geschäftsentwicklung eher konservativ beurteilen. „Die Zeiträume für Laufzeit und Tilgung müssen realistisch bleiben, sonst sind sie nicht zu halten“, sagt Christian Ukens von Deloitte.
  3. Sicherheiten: Banken akzeptieren am liebsten Grundstücke und Gebäude als Sicherheiten. Dabei sollte sich das Unternehmen gut überlegen, welche Sicherheiten es gewähren will. Wird etwa eine Immobilie als Sicherheit verpfändet, kann sie ohne Zustimmung der Bank nicht verkauft werden.
  4. Corporate Governance: Kreditnehmer sollten vor Vertragsabschluss prüfen, ob Leitung und Kontrolle des Unternehmens gesichert sind. Häufig enthalten Kreditverträge Klauseln, nach denen die Bank ein Darlehen fällig stellen kann, wenn es im Kontrollgremium des Unternehmens einen Wechsel gibt. Auch wenn Familienunternehmen während der Laufzeit des Kredits Anteile verkaufen wollen, muss die Bank in der Regel zustimmen. Ist ein solcher Verkauf bereits bei Abschluss des Kreditvertrags absehbar, sollten Ausnahmeregelungen getroffen werden.
  5. Vertragsfreiheit: Auch Kreditverträge können bis zu einem gewissen Grad frei gestaltet werden – zum Beispiel die Aufnahme zusätzlicher Bank- und Leasingfinanzierungen, der Verkauf von Anlagevermögen oder Höchstbeträge für Dividendenausschüttungen. Auch die Aussetzung von Rückzahlungen für ein oder zwei Quartale kann vereinbart werden, vor allem bei Unternehmen mit saisonalem Geschäft ist das überlegenswert.

Wenn Unternehmen Investoren suchen

Welche Alternativen ein deutscher Mittelständler zum klassischen Bankkredit hat, erläutert die Süddeutsche Zeitung (SZ) in einem Bericht über das Familienunternehmen Hawe Hydraulik. Die Firma holte einen Finanzinvestor ins Boot, als die Hausbank nicht genügend Kapital für die Auslöse eines  Gesellschafters zur Verfügung stellen wollte. „Die Suche nach einem Investor war für uns eine völlig neue Situation“, sagt der Chef von Hawe Hydraulik, Karl Haeusgen. Nach vielen Verhandlungen stieg schließlich die Deutsche Beteiligungs AG (DBAG) im Jahr 1996 bei Hawe ein, übernahm ein Viertel des Unternehmens, verlangte eine zweistellige Rendite pro Jahr und ein Mitspracherecht bei strategischen Entscheidungen. Nach sieben Jahren solle die Familie Haeusgen die Anteile mit einem Aufschlag auf das Eigenkapital zurückkaufen. Ein teures, waghalsiges Geschäft, ordnet die SZ ein. Unternehmenschef Hawe habe einen Beirat gründen müssen, in dem zwei familienfremde Manager und ein Gesandter des DBAG saßen. Nach bereits sechs Jahren waren die vereinbarten Ziele erreicht und die Haeusgens konnten die Anteile früher als geplant zurückkaufen. Wäre die Firma in dieser Zeit nicht so schnell gewachsen, hätte das Management nicht die Renditeziele erreicht – Hawe wäre heute kein Familienunternehmen mehr, so die SZ. Denn im Vertrag habe eine Klausel gestanden, laut der die DBAG die Mehrheit am Unternehmen günstig bekommen hätte, wären die Ziele verfehlt worden. Er habe „hoch gepokert“, wird Haeusgen von der SZ zitiert.

Für viele Mittelständler komme ein fremder Geldgeber jedoch nicht in Frage, so ein Bericht des Magazins Wirtschaftswoche (Wiwo). Sie fürchteten sich davor, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein. „Ich will selbstbestimmt bleiben und mir von niemandem reinreden lassen“, zitiert die Wiwo Mario Ahlberg, Chef der Ahlberg Metalltechnik Gruppe. Zur Finanzierung einer Firmenübernahme habe Ahlberg einen Teil des Kaufpreises über eine stille Beteiligung aufgebracht, die nicht im Handelsregister auftaucht. Der Rest kam über einen Bankkredit. „Das kostet zwar ein paar Euro mehr, aber das ist mir meine Freiheit wert“, so Ahlberg. „Deshalb bin ich schließlich Unternehmer geworden.“ Eine nachvollziehbare Entscheidung, findet Christian Ukens, Partner Debt Advisory & Financial Restructuring Services bei Deloitte. „Im Moment profitieren Mittelständler von der durch die Wettbewerbssituation getriebenen Liquidität am Bankenmarkt“, sagt er. Dem Wiwo-Bericht zufolge empfiehlt der Berater Ukens Bankkredite aber auch, weil sie individuell ausgestaltet werden können. Das verschaffe Unternehmen Spielraum im operativen Geschäft.

Zur Methode

Für den Pressefokus „Unternehmensfinanzierung“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat September (beobachteter Zeitraum: 12. September bis 9. Oktober 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Börsen-Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel Online, Süddeutsche Zeitung, Wirtschaftswoche.