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30.09.2014

Was Mittelständler über die Investitionsschwäche in Deutschland und die Unsicherheiten der Wirtschaft wegen der Energiewende wissen sollten.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD): Wenn Deutschland nicht aufpasst, verschläft es seine ökonomische Zukunft. (Foto picture alliance / dpa)

Von vier Gefahren für unseren Wohlstand warnt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel in der Bild am Sonntag: Verschleiß der Infrastruktur, Mangel an Fachkräften, zu hohe Energiepreise und langsame Digitalisierung. „In den vergangenen zehn Jahren hat der Staat zu wenig in die öffentliche Infrastruktur wie Verkehrswege, schnelles Internet und Schulen investiert“, so Gabriel. „Gleichzeitig gibt es einen Mangel an Investitionen bei Unternehmen.“ Die auf beiden Seiten vorherrschende Investitionsschwäche stelle das größte Risiko für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands dar. Seit Jahren lebe man von der Substanz.

Es ist nicht nur der Staat, der von der Substanz zehrt, erörtert das Wirtschaftsmagazin Capital. Auch viele Unternehmen gäben seit Langem nur noch das Nötigste aus, um hierzulande ihre Bauten und ihre Technik up-to-date zu halten. Wenn die Investitionen jetzt nicht in Gang kommen, drohe ein schmerzhafter Abstieg. Wohlstand und Arbeit ließen sich nur halten, wenn auch wieder richtig Geld in die Zukunft gesteckt wird. Und die Deutschen geizten schon gefährlich lang. Laut Capital-Artikel warnt Marcel Fratscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, in seinem neuen Buch „Die Deutschland-Illusion“ vor der „Achillesferse“ der erfolgsverwöhnten Republik. Weil die Investitionen fehlen, liege das Potenzialwachstum in den nächsten zehn Jahren nur noch bei einem bis 1,2 Prozent, so Fratscher. Dabei sei ein Gutteil der deutschen Zögerlichkeit sei selbstverschuldet, ordnen die Autoren des Capital-Artikels ein. Das Problem sei nicht, dass die Rahmenbedingungen in Deutschland per se schlecht seien – „sie sind vielen Unternehmen zu unsicher“.

Belastungen für Unternehmen steigen

Ein wichtiger Unsicherheitsfaktor für die deutsche Wirtschaft und speziell für Mittelständler ist die Energiewende: „Trotz der Reform des Erneuerbare Energien Gesetzes wird die Belastung für die Familienunternehmen weiter steigen“, schreibt Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. „Die Umlage für erneuerbare Energien ist ein ganz erheblicher Kostentreiber für die Wirtschaft“, so Hennerkes.

„Wir haben nach Italien heute schon die höchsten Energiekosten in ganz Europa“, sagt Karl-Ludwig Kley, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie und Merck-Chef, im Interview mit der Tageszeitung Die Welt. „Wenn man da noch mehr draufsattelt, sind wir irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig.“ Firmenchef Kley rechnet noch nicht mit einer Rezession. „Allerdings halte ich es auch für ausgeschlossen, dass sich unsere Prognose zum Jahresende hin noch einmal aufhellen wird“, sagt er. „Dazu ist die geopolitische Lage zu instabil und die europäische Konjunktur zu schwach.“

Ganz anderer Meinung ist Heinz Rosenbaum, Mitglied der Geschäftsführung von Eon Energie Deutschland. „Für Unternehmer kann die Energiewende gute und nachhaltige Perspektiven öffnen“, sagt er im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Seiner Meinung nach sollen sich gerade die deutschen Unternehmen durch den intelligenten Einsatz von Energie, innovativen Produkten und dezentraler Erzeugung auf dem Weltmarkt langfristig Vorteile sichern können. Für die kleinen und mittelständischen Unternehmen sei es wichtig, dass sie sich auf die Anforderungen der Energiewende einstellen. „Wenn hier die Umstellung der Energieversorgung auf regenerative Energien gelingt, könnten sich deutsche Unternehmen zu Technologietreibern auf dem Weltmarkt entwickeln“, so Rosenbaum.

Deutsche Energieexpertise ist gefragt

Schon heute erweckt die deutsche Energiewende weltweit Aufmerksamkeit, so die Welt. Viele Länder und Regionen nutzten das Know-how deutscher Firmen für eigene Vorhaben. Um den wachsenden Energiebedarf ihrer Wirtschaften umweltfreundlich zu decken, setzten asiatische Staaten immer stärker auf regenerative Quellen. Thailand beispielsweise lasse sich von deutschen Ingenieuren helfen, um von seinen teuren Ölimporten unabhängiger zu werden. Oder die Philippinen, wo bis 2017 etwa 90 Prozent aller Privathaushalte elektrifiziert werden sollen – dabei soll die Versorgung über dezentral einsetzbare Solarparks erfolgen. Davon profitieren auch mittelständische Unternehmen aus Deutschland, wie etwa die SMA Solar Technology AG, Weltmarktführer bei Photovoltaik-Wechselrichtern, die Produkte für diese Projekte liefern.

Zur Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat September (beobachteter Zeitraum: 28. August bis 25. September 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Bild am Sonntag, Capital, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt, Die Welt.