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Pressefokus

„Die neuen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank sind blanker Aktionismus“

12.09.2014

Das Wichtigste für den Mittelstand zur Gefahr einer Deflation in Europa, der Geldpolitik Mario Draghis und den Folgen für die Unternehmensfinanzierung.

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main pumpt immer mehr Geld in das Finanzsystem. (Foto: picture alliance / dpa)

Die Definition von Wahnsinn sei, immer das Gleiche zu tun, aber ständig andere Ergebnisse zu erwarten – schreibt die Allgemeine Zeitung aus Mainz und beruft sich dabei auf Albert Einstein. Nach dessen Definition müsse die Europäische Zentralbank (EZB) wahnsinnig sein oder mit ihrem Latein am Ende. Mit einer Zinssenkung nach der anderen wollten die Währungshüter das Geschäft mit Unternehmenskrediten ankurbeln, ohne ihrem Ziel auch nur einen Millimeter näherzukommen.

Eine heftige Überraschung soll die jüngste Leitzinssenkung der EZB dennoch gewesen sein. Die meisten Experten an den Börsen jedenfalls hatten nicht damit gerechnet. Das berichtet Spiegel Online und umschreibt die Strategie von EZB-Chef Mario Draghi: „Er wagt umstrittene Eingriffe in den Geldmarkt – und betont die Grenzen seiner Macht.“ Draghi allein könne die gefürchtete Deflation in Europa nicht bannen, aber seinen Teil dazu beitragen. Nach Spiegel Online kommt es nur dann zu Deflation, wenn Unternehmen und Verbraucher erwarten, dass die Preise bald sinken. In der Konsequenz würden sie Investitionen hinauszögern und dadurch die Konjunktur komplett abwürgen. Daher gebe es nur einen Weg aus der Abwärtsspirale: Die Verbraucher sollten glauben, sinkende Preise seien völlig ausgeschlossen.

Mehr Liquidität als nötig

Dass Mario Draghi die Geldschleusen der EZB weiter öffnet, geschieht nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung im Interesse der internationalen Finanzindustrie und der überschuldeten Eurosüdstaaten. Erneut übersehen, so die Tageszeitung, werde jedoch etwas ganz Entscheidendes: Die geplanten „unkonventionellen Maßnahmen“ verletzten das Recht der Europäischen Union ebenso wie deutsches Verfassungsrecht. Mit dem Aufkauf verbriefter Unternehmens- und Immobilienkredite steige die EZB direkt in die Unternehmensfinanzierung ein. Außerdem gälten die Kreditverbriefungen oder Asset-backed Securities als Hauptgrund für die US-Finanzkrise, denn sie verschleierten Risiken.

Vorbild USA?

Barry Eichengreen, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Berkeley im US-Bundesstaat Kalifornien, hält das ABS-Programm der EZB hingegen für wohl durchdacht. Damit folge die EZB dem Vorbild anderer Zentralbanken wie etwa der amerikanischen Federal Reserve, die Zuflucht in Anleihekäufe nahm, als das Gespenst der Deflation umging. „In den USA und in anderen Ländern hat sich gezeigt, dass das Gespenst durch solch ungewöhnliches Vorgehen vertrieben werden konnte“, kommentiert Eichengreen im Handelsblatt. Durch den Aufkauf der neu verpackten Kreditpapiere aus dem Privatsektor ermutige die EZB die Banken, dort neue Kredite an die Wirtschaft zu vergeben, wo sie dringend gebraucht würden. De facto aber übten Banken in Sachen Unternehmenskredite große Zurückhaltung, sodass deren Wert seit 2008 um mehr als 500 Milliarden Euro gesunken sei.

Das Risiko trägt die Gemeinschaft

„Das ist nur Aktionismus zur Beruhigung des Publikums“, meint der Volkswirt und Professor der Universität Bonn, Manfred Neumann. Die Frage ist, sagt er im Interview mit der Tageszeitung: „Wer trägt das Risiko, wenn diese Darlehen ausfallen und nicht zurückgezahlt werden?“ Die Banken würden doch nur Kredite verkaufen, wenn sie sich zusätzlichen Gewinn versprächen. Aktuell befinde sich die Eurozone in einer Art Liquiditätsfalle. „Die Banken schwimmen im Geld, aber sie vergeben kaum noch Kredite, weil sie Angst vor dem Risiko haben. Gleichzeitig wollen viele Firmen und Privatleute keine neuen Darlehen, weil die Wirtschaft stagniert.“

Vielfach suchen Unternehmen nach Alternativen zum Bankkredit – und werden unter anderem bei Mittelstandsanleihen fündig, so die Börsen-Zeitung. Auch für mittelgroße Unternehmen komme die Emission eigener Anleihen infrage. So stelle sich Ralf Brühöfner, Vorstand beim Getränkehersteller Berentzen, die Frage: „Warum brauchen wir überhaupt eine Bank?“ Längst gebe es im Mittelstandssegment eine Verlagerung hin zum Kapitalmarkt, wenngleich der deutsche Mittelstand dabei noch weitaus seltener von der Möglichkeit Gebrauch mache als etwa Firmen in den USA.

Eine Aussage Anshu Jains, Kovorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank, fasst die Börsen-Zeitung so zusammen: „Während in Europa 70 Prozent der Unternehmensfinanzierung über den Bankkredit erfolge und nur elf Prozent über den Kapitalmarkt, geschehe sie in den USA, wo die Verbriefungsmärkte stärker entwickelt sind, zu 70 Prozent über den Kapitalmarkt.“

Zur Methode

Für den Pressefokus „Unternehmensfinanzierung“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat September (beobachteter Zeitraum: 16. August bis 11. September 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Allgemeine Zeitung, Börsen-Zeitung, Handelsblatt, Spiegel Online, Süddeutsche Zeitung, Die Tageszeitung.

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