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Pressefokus

Die sieben Leitsätze einer revolutionären Geschäftsidee

05.08.2014

Was Mittelständler über das Vermächtnis von Karl Albrecht und die Tugenden erfolgreicher Unternehmer wissen sollten.

Deutschlands größter Discounter eröffnet eine Filiale auf der Düsseldorfer Königsallee. Auch hier wird die Niedrigpreispolitik des Unternehmens die Kunden anziehen. (Foto: picture alliance / dpa)

Der verstorbene Karl Albrecht, Mitbegründer des größten deutschen Discounters Aldi, hinterlässt nicht nur ein Milliardenvermögen, sondern auch sieben Managementleitsätze. Sie bildeten das Fundament für den Aufstieg des Unternehmens, weiß die Wirtschaftswoche (Wiwo) und zählt auf:

1. Reduziere die Risiken
Karl und Theo Albrecht haben den Discountsupermarkt erfunden. Statt weitere Formate ins Rennen zu schicken, um den Erfolg zu wiederholen, verfeinern sie das erprobte Modell stetig. Aldi gehört fortan nur noch selten zu den Händlern, die sich als Erste mit Innovationen auf den Markt wagen. „Ideen werden gesichtet, getestet und perfektioniert und erst dann flächendeckend ausgerollt“, erklärt die Wiwo das Vorgehen bei Aldi.

2. Verteidige den Markenkern
Gleich zu Beginn ihrer unternehmerischen Tätigkeit setzten die Gebrüder Albrecht auf den Preis als entscheidendes Einkaufskriterium. Sie legten damit eine Markenstrategie fest, bevor es diesen Fachbegriff überhaupt gab, so die Wiwo. Über die Jahre haben sich zwar die Ladengestaltung und das Warenangebot verändert: Artikel wie Computer, Reisen und Champagner sind dazugekommen. Doch die konsequente Niedrigpreispolitik hat das Unternehmen beibehalten.

3. Verringere die Komplexität
Das Discountgeschäft gilt als die Kunst des Weglassens „und Aldi hat es darin zu wahrer Meisterschaft gebracht“, schwärmt die Wiwo. Der Vorteil: Der Absatz konzentriert sich auf einzelne Artikel, deren Verkaufsvolumen steigt, was die Einkaufskonditionen verbessert. Auch die Logistik ist mit weniger Waren weniger aufwendig.

4. Halte das Geld zusammen
Zu den zentralen Erfolgsfaktoren des Unternehmens zählt seit jeher eine Kostendisziplin, die manchmal skurrile Züge annimmt. So sucht man laut Wiwo unternehmerische Hybris, gewagte Expansionen, teure Übernahmen von Wettbewerbern oder prunkvolle Zentralen bei Aldi vergebens. Der Gewinn werde dauerhaft in das Kerngeschäft investiert oder für schwere Zeiten gebunkert. Das Unternehmen leiste sich nur, was es bezahlen könne. Üppige Kredite seien tabu.

5. Schaffe klare Strukturen
Der Aldi-Äquator, mit dem die Brüder Karl und Theo Albrecht ihren Heimatmarkt untereinander und später auch ihre Claims weltweit absteckten, tat dem Geschäftserfolg keinen Abbruch. Im Gegenteil, wie die Wiwo zeigt: Aldi Nord und Aldi Süd vermieden Streitigkeiten, Kompetenzgerangel oder wachsweiche Kompromisse, stachelten dafür den Wettbewerb untereinander an.

6. Sichere die Handlungsfähigkeit des Unternehmens ab
Aldi versucht stets, mehrere Lieferanten für ein Produkt unter Vertrag zu haben, um den Nachschub zu sichern. Dieses Streben nach Unabhängigkeit ziehe sich durch alle Bereiche und gilt auch für das Personal, erklärt die Wiwo. Im Mittelpunkt des Geschäftsmodells stehe nicht die Einzelleistung eines oder mehrerer Topmanager. Mitarbeiter würden stets auch für die nächsthöhere Führungsebene ausgebildet. Der Vorteil: Jeder Mitarbeiter ist im System Aldi ersetzbar.

7. Regele rechtzeitig das Erbe
Mit Akribie und Weitblick habe Karl Albrecht zu Lebzeiten geregelt, was zu regeln war, so die Wiwo. Schon vor Jahrzehnten habe er die Eigentums- und Führungsstruktur von Aldi Süd so ausbalanciert, dass der Fortbestand und die Unabhängigkeit des Unternehmens auch nach seinem Tod gesichert seien. Zudem brachte Albrecht in den 70er-Jahren den Großteil seines Vermögens in eine Familienstiftung ein: Die Siepmann-Stiftung – benannt nach dem Mädchennamen seiner Mutter – hält die Anteile an Aldi Süd. An ihrer Spitze steht Peter Max Heister, der über die Doppelfunktion in Stiftung und Beirat in Zukunft zum zentralen Aldi-Akteur werden könnte.

Tugenden, die aus der Not geboren wurden – so überschreibt das Handelsblatt einen Artikel über den beispiellosen Aufstieg von Aldi. Weil niemand mehr im Tante-Emma-Laden ihrer Mutter einkaufen wollte, ersannen Karl und Theo Albrecht ein neues Konzept – und schufen dabei den Discounter-Markt, erklärt das Handelsblatt. Ende der 50er-Jahre war das Familienunternehmen in eine Krise geraten, weil es den Wandel im Handel verschlafen hatte. Während Kaiser’s und Deutscher Supermarkt die Republik mit den neuen Selbstbedienungssupermärkten überzogen, blieben in den 300 Tante-Emma-Läden der Albrechts die Kunden aus, so das Handelsblatt. Doch bis zum ersten Discounter sollte noch ein Jahrzehnt vergehen: Die Revolution begann laut Handelsblatt Anfang der 60er-Jahre mit einem Laden in Dinslaken – unter dem Namen „Albrecht Diskont“, was die Gründer später in „Aldi“ abkürzten. Auch „Billi“ war den Albrechts eingefallen, kam letztlich aber nicht zum Zug.

Einzelhandel braucht dringend neue Strategien

Wo kaufen wir in Zukunft ein? Die Frage stellt die Wiwo unter anderem Mirko Warschun, Handelsexperte und Partner bei der Unternehmensberatung A. T. Kearney. „Der Einfluss des Onlinehandels war zunächst schleichend, erfährt aber eine unbändige Beschleunigung – besonders in den Bereichen Consumer Electronics und Textil.“ Aktuell liege der Anteil des Onlinehandels am Gesamtumsatz des Einzelhandels in Deutschland bei rund acht Prozent. Dass der Onlinehandel weiter steigen werde, bezweifle niemand, so die Wiwo. Die Frage sei lediglich, in welchem Umfang. Eine Zukunftsprognose der Deutschen Post komme auf 40 Prozent am gesamten Handelsumsatz im Jahr 2025 – was das Wirtschaftsmagazin als leicht überzogen einordnet. Nach einer gemäßigteren Einschätzung des Instituts für Handelsforschung werde der Onlineanteil am Einzelhandel bis 2020 zwischen zehn und 22 Prozent liegen. Ob 40 oder 20 Prozent: Jeder zusätzliche Prozentpunkt koste dem stationären Handel Millionen Euro. Laut dem Handelsverband Deutschland kämpften zuletzt drei Viertel aller Geschäfte mit sinkenden Kundenzahlen.

Nicht nur Einzelhändler, auch die Hersteller von Konsumprodukten müssen sich einem Bericht des Handelsblatts zufolge etwas einfallen lassen, um ihre Kunden zu erreichen. Beispiel Carl Kühne KG: Deren Chef, Stefan Leitz, steht laut der Tageszeitung vor einem Problem, das viele Mittelständler kennen – ihre Produkte altern mit den Kunden. „Gurken, Rote Beete und Sauerkraut aus dem Glas sind einfach nicht mehr modern“, bringt es das Handelsblatt auf den Punkt. Gerade die Hersteller von traditionsreichen Produkten täten sich oft schwer, ihre Ware wieder ins Blickfeld der Kunden zu rücken. Neuheiten müssten bei schnelllebigen Konsumgütern Tagesgeschäft sein. Als Vorbild gelte das Bielefelder Familienunternehmen Dr. Wolff, das sein Haarwasser Alpecin neu positioniert habe. Das Erfolgsrezept: aggressive Werbung vor allem in „Bild“, strikte Ausrichtung auf einen bestimmten Männertyp – etwa durch Shampoopackungen, die an Motorölflaschen erinnern. Einen anderen Weg gehe der Kekshersteller Lambertz. Dessen Inhaber, Hermann Bühlbecker, veranstaltet regelmäßig eine Party in Köln mit zahlreichen Prominenten, die der Marke Glamour verleihen sollen. Dazu kommen neue Keksmischungen in edlerer Aufmachung und Hafergebäck, das jüngere Kunden ansprechen soll. Konkurrent Bahlsen lockt laut Handelsblatt mit seinem „Pick up“-Riegel jüngere Leute und platziert das Produkt sogar im Kinoerfolg „Fack ju Göhte“.

Ein Marktführer in der Bekleidungsbranche der anderen Art

Traditionell, aber nie altmodisch, so beschreibt der Focus die Herforder Bekleidungsfirma Brax. Das mittelständische Unternehmen sei wegen seiner westfälischen Tugenden Marktführer in Deutschlands Modeläden und wolle jetzt die Welt erobern. Im Heimatmarkt scheint die Luft auch dünn zu werden: Die deutsche Textilindustrie verlor nach Angaben des Focus in den vergangenen Jahren mehr als 20 Prozent ihres Umsatzes. Brax hingegen konnte gegen diesen Trend wachsen, im vergangenen Jahr um 8,3 Prozent, so das Magazin. Der Mittelständler verfolge eine für die zuweilen hysterische Branche unübliche Strategie: Pünktlichkeit, Tradition und Geduld bis zur Dickköpfigkeit.

Zur Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Juli (beobachteter Zeitraum: 1. bis 31. Juli 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Focus, Handelsblatt, Wirtschaftswoche.