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29.08.2014

Was Mittelständler über die Gefahren einer Rezession in Deutschland, wirtschaftliche Stärken und Effizienzprogramme wissen sollten.

Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Martin Winterkorn, will schmerzhaft sparen, obwohl die Gewinne des Autokonzerns fließen wie selten zuvor. (Foto: picture alliance/dpa)

Deutschland steckt womöglich schon mitten in einer kleinen Rezession. Grund dafür ist laut Bericht des Handelsblatts die Ukrainekrise, weswegen sich auch im deutschen Mittelstand Skepsis breitmache. Nur noch 31 Prozent der mittelständischen Unternehmen rechneten mit besseren Geschäften, so die Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Zu Jahresbeginn hätten noch 42 Prozent der befragten Unternehmer einen Aufschwung der Wirtschaft erwartet. „Die Lage im Mittelstand ist noch immer gut, die Stimmung aber längst nicht mehr“, kommentiert Peter Englisch, Partner bei EY, die Entwicklung. Es herrsche große Unsicherheit, vor allem in Bezug auf die Entwicklung des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland, ergänzt Englisch auf Wirtschaftswoche Online. „Das kostet Vertrauen und bremst Investitionen. Der Gegenwind nimmt eindeutig zu.“

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) berichtete laut der deutschen Ausgabe des Wall Street Journal bereits von deutlichen Auswirkungen auf die deutsche Außenwirtschaft: Mitte August senkte die Kammerorganisation ihre Prognose für die Exporte im laufenden Jahr auf „bestenfalls 3,5 Prozent“. Volker Treier, DIHK-Außenwirtschaftschef, sagte dazu: „Das Jahr 2014 entpuppt sich als geopolitisches Sorgenjahr.“

Nicht die geopolitischen Krisen sind schuld

„Die abwartende Haltung der Unternehmen wird gerne mit Unsicherheit begründet“, erwidert Lars Feld, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen der Bundesregierung, in der Tageszeitung Die Welt. „Jetzt führt man die Krisenherde im Nahen Osten oder in Osteuropa an. Doch in den USA und in den Schwellenländern hält man sich trotz der Krisen nicht mit Investitionen zurück.“ Feld zufolge müsse es vielmehr an den allgemeinen Rahmenbedingungen in Deutschland liegen – wie an der Energiewende, an der Regulierung von Gentechnik oder an der Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik.

Risse in Deutschlands Fassade

„Die Bundesrepublik Deutschland ist zum starken Mann Europas aufgestiegen“, titelt die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Unter der Oberfläche lägen aber strukturelle Schwächen verborgen. In den vergangenen Monaten hätten sich immer mehr Risse in Deutschlands schöner Fassade aufgetan. Oberflächlicher Ausdruck davon sei die Politik der seit Herbst 2013 regierenden Großen Koalition. Diese fehlgeleitete Politik werde von zahlreichen Wirtschaftsvertretern und Ökonomen scharf kritisiert. Dass die Regierung dennoch an ihren Plänen festhalte, gehöre wohl zur Normalität des politischen Betriebs.

Wenn es um die wirtschaftliche Stärke der Bundesrepublik geht, sind einem Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) zufolge, Unternehmensgründer besonders wichtig. „Die Masse im Mittelstand macht’s“, so die SZ. Die Größe ihrer Betriebe stehe für die mittelständischen Unternehmer dabei nicht im Mittelpunkt der Geschäftsstrategie: „Nur ein geringer Teil der kleinen und mittelständischen Unternehmen verfolgt ausdrücklich Wachstumsziele“, sagt Jana Gebauer vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. „Die Firmen fürchten den aggressiven Verdrängungswettbewerb, die ständige Entwertung von Produkten und Vorleistungen sowie den Verlust von Ressourcen, Umwelt- und Lebensqualität.“ Größe sei beispielsweise für den Unternehmer Nils Holger Moormann nicht das Ziel: „Ich muss meinen Gewinn nicht maximieren“, sagt der Möbelhersteller. Laut SZ fühlt er sich wohl in seiner Nische. Maßgebend für den Erfolg eines Unternehmens sei auch nicht die absolute Position in den Ranglisten der größten Unternehmen, sondern die Stellung im relevanten Markt, so die SZ. Spitzenplätze nach Umsatz oder Börsenwert seien immer relativ.

Konzerne sparen sich gesund

Damit Umsatz und Gewinn in Zukunft in einem günstigeren Verhältnis zueinander stehen, fahren einige große deutsche Konzerne und auch erste große Mittelständler Effizienzprogramme, wie der Focus berichtet. Man müsse Maßnahmen ergreifen, die „deutlich, wirksam und auch schmerzhaft“ seien, zitiert das Wochenmagazin den Volkswagen-Chef Martin Winterkorn und fragt: Renditegier oder kluge Vorsorge? „Die Firmen feilen an den Kosten, um sich Spielraum für die Zukunft zu verschaffen“, so der Focus. Noch vor zehn Jahren hätten Unternehmen erst mit Verzögerung auf einen mäßigeren Geschäftsverlauf reagiert, erklärt Sascha Haghani, Vizechef Deutschland der Unternehmensberatung Roland Berger. „Jetzt ist das anders – die Krise 2008/2009 hat viele Manager nachhaltig geprägt“, sagt er. Neben der langfristigen Strategieplanung führten Vorstände deshalb heute die Geschäfte lieber auf Sicht.

Das Ausmaß der Sparprogramme deutet eher auf Abräumarbeiten nach einer Krise hin als auf das Abtrainieren von Wohlstandsspeck, so das Manager Magazin. „Sparen, kürzen, streichen“ – dieser Dreiklang habe Deutschlands Konzernelite bislang nach jedem Durchhänger zurück nach vorn befördert. Meist folgte den Sparwellen ein Investitionsschub – der allerdings sei bislang ausgeblieben.

Zur Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat August (beobachteter Zeitraum: 27. Juli bis 27. August 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Handelsblatt, Manager Magazin, Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Wall Street Journal Online, Wirtschaftswoche Online.