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Experten-Workshop

Welches Konzept den Einzelhandel erfolgreich macht

30.07.2014

Dem deutschen Einzelhandel könnte ein Filialsterben bevorstehen. Grund dafür ist der weltweit wachsende Onlinehandel. Ein neues hybrides Handelskonzept könnte die Lösung für stationäre Filialisten sein.

Statt in der Fußgängerzone, wie hier in Lüneburg, kaufen die Deutschen immer mehr im Internet ein. (Foto: picture alliance / Klaus Rose)

Der zunehmende Verkauf von Waren über das Internet wird die Handelslandschaft in Deutschland stark verändern. Darüber waren sich die Teilnehmer des zweiten Experten-Workshops „HSH Nordbank Immobilien Fokus‘“ einig. Eingeladen hatte die Bank hochkarätige Entscheider der Immobilienwirtschaft, um gemeinsam über die Entwicklungen im Retailgeschäft zu diskutieren.

Umsatzplus kommt aus dem Online- und Versandhandel

Laut dem Handelsverband Deutschland stieg der Online-Anteil beim Einkauf von 14,5 Milliarden Euro im Jahr 2005 um mehr als 100 Prozent auf 33,2 Milliarden Euro im Jahr 2013. Für 2014 wird eine Steigerung um weitere 17 Prozent erwartet. Das Marktforschungsunternehmen GfK rechnet für das laufende Jahr im Onlinehandel sogar mit einem Gesamtvolumen von 47,5 Milliarden Euro. „Wir erwarten, dass das Umsatzplus im Einzelhandel in diesem Jahr ausschließlich vom Online- und Versandhandel getragen werden wird. Der stationäre Einzelhandel wird sogar Einbußen hinnehmen müssen“, prognostizierte Manuel Jahn, Leiter des Bereichs Real Estate Consulting bei der GfK.

Eine Folge der steigenden Umsatzzahlen im Internethandel werde nach Ansicht der Diskutanten eine Optimierung und Verkleinerung des Filialnetzes der klassischen Einzelhändler sein. Eine komplette Verdrängung des stationären Einzelhandels werde es jedoch nicht geben, da beide Konzepte unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen. Zum einen gäbe es bei Kunden den Wunsch, ein gesuchtes Produkt zu einem bestimmten Preis und exakten Zeitpunkt zu erhalten. Zum anderen schätzten viele Kaufwillige moderne Einkaufszentren als attraktiven Treffpunkt. Shoppen werde hier zum Freizeiterlebnis mit zusätzlichen Angeboten wie beispielsweise Gastronomiebetrieben oder frei zugänglichem drahtlosen Internetzugang.

Uneinigkeit herrschte darüber, wie der Einzelhandel auf die bereits begonnenen Verschiebungen bei den Kaufgewohnheiten der Kunden reagieren solle. Oliver Herrmann, Geschäftsführer der REDOS Real Estate GmbH, sagte: „Wir sehen derzeit den stärksten Handlungsbedarf in der Modernisierung bereits bestehender Filialen. Bei vielen Objekten gibt es aus unserer Sicht noch Möglichkeiten, die Attraktivität zu steigern.“

Neuer Vertriebsweg über ein Hybrid-Modell

Eine höhere Aufenthaltsqualität in den Shopping-Centern und ein besserer Service allein genügen jedoch nicht, befanden die Experten. Neue Ideen und Konzepte seien gefragt! Große Chancen sehen die Experten in einem Hybrid-Modell aus stationären Filialen in Kundennähe, die zum Anschauen und Ausprobieren der Ware notwendig sind, und dem Handel über das Internet, der eine bequeme Auswahl der Ware von zuhause aus ermöglicht. Erste Handelskonzepte dieser Art bestehen bereits. Im Internet bestellte Ware kann der Kunde beispielsweise persönlich in einer Filiale oder im Kaufhaus abholen und sich dort von weiteren Angeboten inspirieren lassen. „Gewinner sind Händler, die erfolgreich Online-Angebot mit stationärem Verkauf verbinden“, bestätigte Christine Hager von JLL den Trend. Insbesondere große Einzelhandelsketten nehmen eine Vorreiterrolle für die neuen ‚Multi-Channel‘-Vertriebswege ein, aber auch für mittelständische Unternehmen ist diese Alternative eine interessante Option.

Die Auswirkungen der Entwicklungen in der Handelslandschaft spüren Immobilien-Investoren und Projektentwickler deutlich. Vertragsverhandlungen mit Einzelhändlern gestalten sich nach Aussagen vieler Teilnehmer schon heute oft schwieriger als noch vor wenigen Jahren. Man gehe gegenwärtig eher Kompromisse ein, mache häufiger Zugeständnisse bei Verträgen, beispielsweise bei Laufzeiten oder baulichen Anforderungen. Die Ausgestaltung der Mietverträge, ob beispielsweise Umsatz- oder Laufzeitmietverträge vereinbart wurden, werde sich nach Einschätzung der Immobilienexperten auch auf die Finanzierung auswirken. Zudem sei es wahrscheinlich, dass die Banken künftig einen höheren Eigenkapital-Anteil aufrufen würden.

Individuelle Finanzierung möglich

Nach Ansicht von Oliver Waldeck, Leiter Region Nord des Bereichs Immobilienkunden bei der HSH Nordbank, ist es gerade in der sich im Umbruch befindlichen Einzelhandelslandschaft von immenser Bedeutung, Vorhaben individuell und mit umfänglichen Know-how zu betrachten. Es gäbe bei der HSH Nordbank keine standardisierte Kreditvergabe, sondern maßgeschneiderte Finanzierungslösungen für die Kunden und ihre jeweiligen Projekte: „Für uns kommt es darauf an, unsere Kunden und ihr Anliegen zu verstehen und partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Ein frühzeitiges Einbinden in das geplante Investmentprojekt ist von großer Bedeutung bei der Finanzierungsentscheidung“.