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04.07.2014

Was Mittelständler über Standortvorteile außerhalb des Heimatmarkts und die Folgen der Erbschaftsteuer wissen sollten.

Mähdrescher der Firma Class aus Ostwestfalen kommen weltweit zum Einsatz. (Foto: picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)

Die deutsche Wirtschaft investiert immer weniger in ihren Heimatmarkt. Das berichtet die Welt am Sonntag (WamS) und beruft sich damit auf eine Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). „Der Trend geht dahin, dass kleine und mittlere Unternehmen ihre Investitionen abschmelzen und große Unternehmen netto gar nicht mehr in Deutschland investieren“, erläutert der KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner das Ergebnis der Studie. Beim Mittelstand überträfen zwar die Nettoinvestitionen noch die Abschreibungen um 350 Milliarden Euro. Doch seit 2006 weist der Trend nach unten, so die WamS.

Hohe Kosten treiben Firmen weg aus Deutschland

Der Trend, dass Unternehmen Produktion, Forschung und Entwicklung ins Ausland verlagern, wird einem Bericht der WirtschaftsWoche zufolge durch die Politik noch forciert – etwas durch die jüngsten Beschlüsse der Großen Koalition zur Einführung flächendeckender Mindestlöhne. „Wenn der Mindestlohn zu schnell steigt, werden Unternehmen, denen schon kleinere Kostensteigerungen die Marge wegnehmen, neue Standorte suchen“, warnt Jacques van den Broek, Chef des Zeitarbeitsvermittlers Randstad. Bei der Energiepolitik seien die Aussichten ähnlich: „Für Unternehmer mit einem hohen Energiekostenanteil könnte die Energiewende einen größeren Einfluss auf künftige Standortentscheidungen haben als bei anderen Branchen“, sagt Oliver Knapp, Partner der Beratungsgesellschaft Roland Berger.
Die Frage, warum Unternehmen weniger im Inland investieren, beantwortet das Manager Magazin: „Gute Unternehmen, die expandieren wollen, erkennen, dass ihr Heimatmarkt – die Europäische Union – längst nicht mehr auf solidem Fundament steht“, schreibt Henrik Müller, Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Die nötigen Schritte hin zu einem föderalistischen Euroland seien ausgeblieben, ein systematischer Schuldenabbau in Europa finde nicht statt und die vereinbarte Bankenunion sei unvollständig geblieben. „Fragil, wie der europäische Heimatmarkt ist, richten sich die Augen der Firmenlenker auf demografisch attraktive Schwellenländer und die USA“, so Müller. Ob diese Märkte aber künftig von Deutschland beliefert würden, sei wegen der derzeit protektionistischen Tendenzen fraglich. Umso wichtiger werde die Produktion vor Ort, in Amerika und in Asien.

So geht Globalisierung in Familienunternehmen

Dass die Konzentration auf den Heimatmarkt eine unternehmerische Schwäche sein kann, beschreibt das Handelsblatt in einer Reportage über den Elmshorner Haferflockenhersteller Kölln: „Das Familienunternehmen ist fast komplett auf Deutschland ausgerichtet – trotz jahrelanger Versuche in Spanien, Italien und den USA.“ Der Focus berichtet hingegen über die Erfolgsstory eines Familienunternehmens aus der westfälischen Provinz. Claas Landmaschinen gehört heute zu den fünf größten Mähdrescherherstellern der Welt und investiert verstärkt in Schwellenländer. „Seit 2005 produziert Claas im russischen Krasnodar“, so Focus. „Anfang dieses Jahres übernahmen die Westfalen den chinesischen Kleintraktorenhersteller Jinyee.“ Die Historie der Firma sei eine Geschichte von Beharrlichkeit, Durchsetzungswillen und Erfindergeist. „Unsere Grundwerte haben sich in 100 Jahren Firmengeschichte nicht verändert“, sagt Cathrina Claas-Mühlhausen, Urenkelin des Firmengründers und Hauptgesellschafterin des Unternehmens: „Stets nach dem Besseren streben, immer in Bewegung bleiben und dabei nie die Bodenhaftung verlieren.“ Vom kleinen Handwerksbetrieb entwickelte Manfred Roth sein Unternehmen zum internationalen Marktführer für Heizöltanks. Im Interview mit dem Magazin Impulse gibt er darüber Auskunft, was er für den Schlüssel seines Erfolgs hält: „Als Mittelständler müssen Sie alles wissen wollen“, so Roth. „Und wenn Sie überzeugt sind […], sollten Sie sich nicht durch Bedenken anderer davon abbringen lassen.“

Steuerpläne beunruhigen Unternehmer

Um Familienunternehmen im internationalen Wettbewerb zu stärken, will sich Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) für die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung von Wirtschaftsgütern einsetzen. Das schreibt das Handelsblatt in einem Bericht vom Tag des Familienunternehmens in Berlin Ende Juni. „Das ist mal ein Wort“, freuten sich die Gastgeber der Stiftung Familienunternehmen. Doch der für Steuerpolitik zuständige Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) unterstützt Gabriels Position laut Handelsblatt nicht. Stattdessen verspricht Schäuble, die Steuern nicht zu erhöhen – auch nicht die Erbschaftsteuer, wie das Handelsblatt berichtet. Nur wenn das Bundesverfassungsgericht Änderungen verlange, werde die Koalition dem nachkommen. Am 8. Juli 2014 wird über die Erbschaftsteuer verhandelt.

Erbschaftsteuer bedroht Unternehmensnachfolge

Fällt die derzeit gültige Steuerregel für Betriebsvermögen, könnte die nachfolgende Generation von Unternehmern in Zahlungsschwierigkeiten kommen. „Die Unruhe ist schon groß“, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). „Bisher müssen die Nachfolger eines Unternehmens kaum oder keine Schenkungs- oder Erbschaftsteuer zahlen, wenn sie den Betrieb fünf oder sieben Jahre weiterführen und damit die Beschäftigung sichern“, so die FAZ. Dass diese Regel fällt, befürchtet beispielsweise Christoph Beumer. „Mein Vermögen steckt zu 98 Prozent in Backsteinen und Maschinen“, sagt der Maschinenbauunternehmer und rechnet vor: Bei einem Jahresgewinn von etwa 20 Millionen Euro und einem Faktor von 14, mit dem das Finanzamt den Unternehmenswert berechne, kommt Beumer auf 280 Millionen Euro, auf die seine Kinder 30 Prozent Erbschaftsteuer zahlen müssten. Fahre er morgen gegen einen Baum, müssten seine Kinder verkaufen, so Beumer.

Zur Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Juni (beobachteter Zeitraum: 1. Juni bis 1. Juli 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Focus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt, Impulse, Manager Magazin, Welt am Sonntag und WirtschaftsWoche.