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22.07.2014

Was Mittelständler über Start-ups, Mikrokredite und die Gefahr einer erneuten Finanzkrise in Europa wissen sollten.

Mitarbeiter bei Rocket Space, einer Bürogemeinschaft für Start-ups in San Francisco, USA (Foto: picture alliance / Ole Spata)

100 Tage von der Idee bis zur Firmengründung: Mehr Zeit braucht Alexander Kudlich nicht. Der Chief Executive Officer (CEO) von Rocket Internet geht ständig mit neuen Start-ups an den Markt, wie er dem Wirtschaftsmagazin Capital in einem Interview berichtet: „Wir bauen nur Unternehmen mit klaren Geschäftsmodellen in großen Märkten, die ein Umsatzpotenzial von 100 Millionen Euro und mehr haben.“ Das Onlinegeschäft bedeute aber mehr, als nur eine Website zu programmieren – dahinter stünden viele operative Fragen. Deswegen hätten die Start-ups von Rocket Internet derzeit auch weltweit rund 15.000 Beschäftigte. Auf die Frage, ob Rocket Internet gerade dabei sei, den Mittelstand von morgen zu erschaffen oder am Ende doch nur schnell wieder verkaufen wolle, erwidert Kudlich: „Wichtig ist uns zuallererst, dass wir eine Gruppe von sehr erfolgreichen Unternehmen aufbauen.“ Die Frage, ob er ein Unternehmen verkaufe oder lieber auf Dauer halte, stelle er sich erst danach.

Eine besondere Mentalität

Aktuell befinde sich der deutsche Mittelstand in einer „investiven Phase“, schreibt der Privatbanker Marcus Lingel in einem Gastbeitrag des Magazins Euro am Sonntag. Der Vorsitzende der Geschäftsleitung und persönlich haftende Gesellschafter der Merkur Bank empfiehlt jedem Unternehmer, sich bei der Finanzierung seiner Vorhaben „breiter aufzustellen und deshalb die Bankpartner zu wählen, die zu ihm am besten passen – und die er versteht“. Im Mittelstand herrsche eine besondere Mentalität: Inhabergeführte Unternehmen befürchteten die Einflussnahme von Investoren. Lingel selbst hat Vorbehalte gegenüber der Finanzierungsalternative Mittelstandsanleihe: „Sie ist in der Regel signifikant teurer als eine klassische Kreditfinanzierung.“ Letztere sei für den langfristig denkenden Mittelstand „eine der tragenden Finanzierungssäulen“.

Die Politik geht auf den Mittelstand zu

Die Unternehmensfinanzierung steht nicht nur bei Banken und deren Kunden, sondern auch bei Politikern ganz oben auf der Tagesordnung. Im Juni lud die SPD-Bundestagsfraktion Abgeordnete, Mitarbeiter der Bundesministerien und Lobbyisten zu einem „mittelstandspolitischen Frühstück“ ein. Wie die WirtschaftsWoche berichtet, kamen von den 100 angemeldeten Gästen immerhin die Hälfte, was kein schlechter Wert für Berlin sei, wo notorisch zugesagt und routiniert geschwänzt werde. Alexander Barthel vom Zentralverband des Deutschen Handwerks war unter den Anwesenden und sprach über den Finanzierungsbedarf in seiner Branche. Seiner Einschätzung nach gibt es „in der Summe keine Kreditklemme“, aber es gebe natürlich gleichwohl Bedarf. Oft sei das Eigenkapital zu knapp und bisweilen fehlten Sicherheiten für frische Bankdarlehen. Für Unternehmensgründer seien deshalb Mikrokredite geeignet, die allerdings ihres Erfolgs wegen schon aufgebraucht seien. Was auch ein Grund für die staatliche Förderbank KfW sein könnte, die dem Bericht der WirtschaftsWoche zufolge künftig mehr Programme für Existenzgründer vermarkten will.

Der Konjunkturmotor läuft

Kleine und mittlere Unternehmen hat die KfW über ihr Mittelstandsbarometer im Blick. Der Indikator ist, wie das Handelsblatt berichtet, im Juni 2014 zum zweiten Mal in Folge gefallen – um 1,8 Zähler auf 17,7 Punkte. Dennoch sei die Stimmung unter den Mittelständlern noch immer gut. „Wir erleben eine Normalisierung der Drehzahl, aber kein Abwürgen des Konjunkturmotors“, kommentiert Jörg Zeuner, der KfW-Chefvolkswirt, die Umfrage. Die exportstarken Unternehmen in Deutschland befürchteten, dass die begonnene Erholung der Weltwirtschaft von geopolitischen Spannungen ernsthaft beschädigt werden könnte, wie sie zurzeit in der Ukraine und nun verstärkt auch im Irak zu beobachten seien. Zudem habe sich die Wirtschaft in Europa noch keineswegs stabilisiert.

Zur Gefahr einer neuen Finanzkrise in Europa gab Bundesbank-Präsident Jens Weidmann der Welt am Sonntag ein Interview. „Die Krise hat gezeigt, wohin es führt, wenn sich Staaten nicht an Verabredungen halten und Vertrauen verlieren“, sagt Weidmann. Die Geldpolitik habe den Regierungen Zeit gekauft, um Strukturreformen umzusetzen und die Haushalte zu konsolidieren. „Wenn diese Zeit nicht genutzt wird, kann die Schuldenkrise jederzeit wieder aufflammen.“

Zur Methode

Für den Pressefokus „Unternehmensfinanzierung“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Juli (beobachteter Zeitraum: 11. Juni bis 17. Juli 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Capital, Euro am Sonntag, Handelsblatt, Welt am Sonntag, WirtschaftsWoche.