SUCHE

23.06.2014

Was Mittelständler über den Fachkräftemangel, die Ausbildung im Ausland und die Produktion im Heimatmarkt wissen müssen.

Nicht nur am Nordseestrand, auch bei der Ausbildung von Fachkräften, setzen sich deutsche Standards durch. (Foto: picture alliance / Arco Images)

Deutsche Firmen unterschätzen den Faktor Demografie. Das stellte einem Bericht der Welt zufolge das Institut zur Zukunft der Arbeit fest. Der Grund: In spätestens acht Jahren sollen die ersten Arbeitnehmer der Geburtsjahrgänge 1955 bis 1965 (die Generation der Babyboomer) in Rente gehen. „Bereits im Jahr 2025 werden im Vergleich zu heute rund sieben Millionen Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen“, sagt der Direktor des Bonner Instituts, Prof. Dr. Klaus F. Zimmermann. So würde der demografische Wandel den Fachkräftemangel unabhängig von Konjunktur und Arbeitsmarktlage verschärfen. „Künftig wird Deutschland rund alle drei Jahre etwa eine Million Personen im erwerbsfähigen Alter verlieren“, schätzt Zimmermann.

Duale Ausbildung in Schwellenländern

Den bereits bestehenden Facharbeitermangel an Auslandsstandorten lösen einzelne deutsche Betriebe auf eigene Faust, berichtet das Handelsblatt. Die Unternehmen setzten auf die duale Ausbildung nach deutschem Modell mit ihrer engen Verbindung von Theorie und Praxis. „Wir wollen überall auf der Welt die gleiche Qualität wie in Deutschland haben, deshalb setzen wir auch überall auf die entsprechenden Strukturen“, sagt Bernhard Schwab, Ausbildungsleiter bei Schaeffler. Wie der Automobilzulieferer gehe eine ganze Reihe von deutschen Unternehmen besonders in Schwellenländern vor, so das Handelsblatt. Eine wichtige Rolle beim Bildungsexport sollten auch die Industrie- und Handelskammern an den heimischen Standorten spielen. Aus Nürnberg etwa würden jedes Jahr die deutschen Prüfungsaufgaben für Mechatroniker nach Südindien verschickt – wo sie übersetzt und den dortigen Auszubildenden als Examen vorgelegt würden. Problematisch für viele Firmen bleibe, dass Jobhopping in einigen Schwellenländern sehr beliebt sei. „Heimische Unternehmen wollen nicht in Ausbildung investieren, sondern locken ausgebildete Kräfte mit einer geringfügigen Gehaltserhöhung“, erläutert Volker Ihle, Professor und Auslandsbeauftragter der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Welche Hürden bei der Rekrutierung ausländischer Fachkräfte bestehen, erläutert Reinhold Festge, Präsident des Maschinenbauverbands VDMA: „Was mich stört, ist die deutsche Politik der Arbeitsgenehmigung“, sagt Festge dem Handelsblatt. „Wenn ich meine brasilianischen Mitarbeiter für drei oder sechs Monate für Schulungen oder die Ausbildung nach Deutschland holen will, kriege ich keine oder nur schwer eine Genehmigung.“

Zu teure Praktikanten

Das Betriebspraktikum in Deutschland soll in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) vor dem Aus stehen. Das berichtet Spiegel Online unter Berufung auf Wirtschaftsverbände. In Zukunft wollten KMU keine oder deutlich weniger Praktikanten beschäftigen. Der Gesetzentwurf zum Mindestlohn, der derzeit in der Großen Koalition für Streit sorge, sehe vor, dass auch Praktika, die länger als sechs Wochen dauerten und nicht zum Studium oder zur Ausbildung gehörten, ab 2015 mit 8,50 Euro pro Stunde bezahlt werden müssten. Mittelständische Unternehmen könnten sich das kaum leisten und drohten deshalb damit, solche Stellen ganz zu streichen. Das verschlechtere die Chancen von Schulabgängern, Studenten und Hochschulabsolventen, Praxiserfahrung zu sammeln. Spiegel Online zufolge dürften längere und freiwillige Praktika künftig seltener werden.

Best Practice: Strandkörbe aus deutscher Produktion

Komplett in Deutschland hergestellt werden die Strandkörbe des Familienunternehmens Eggers in Mölln. „Wir sind der einzige große Hersteller, der vom Sägen des ersten Bretts über das Flechten bis zur Endmontage alles in Deutschland macht“, zitiert das Hamburger Abendblatt Firmenchef Lars Eggers. Hierzulande gebe es eine gute Handvoll Hersteller von Strandkörben, alle anderen aber würden zum Beispiel Flechtteile oder Polster in Billiglohnländern produzieren lassen und importieren oder stellten deutlich geringere Stückzahlen her. Das Herzstück der Strandkorbherstellung sei die Flechterei. Vom Tempo der Flechter hänge letztlich die im Jahr gefertigte Stückzahl ab. Ein guter Arbeiter schafft nach Eggers pro Tag zwei Strandkörbe. Pro Korb verflechte er rund 500 Meter der 15 Millimeter breiten und 1,5 Millimeter starken Faser. Dabei komme das Naturprodukt Rohrbast oder Peddigrohr allerdings nicht mehr zum Einsatz, denn die Pflanzen müssten eingeweicht werden, seien scharfkantig und verursachten leicht Schnittverletzungen, so das Hamburger Abendblatt. Bei Eggers würden ausschließlich die Kunststoffe Polyvinylchlorid und Polyethylen verwendet. Wer heute einen Strandkorb bestelle, müsse trotz Fünfeinhalb-Tage-Woche bei Eggers bis September auf die Lieferung warten. „Unsere Auftragsbücher sind prall gefüllt“, so der Firmenchef. Der Jahresumsatz gehe kontinuierlich nach oben – 2014 werde er bei rund zwei Millionen Euro liegen. In Zukunft will das Unternehmen nur noch moderat wachsen. In den vergangenen fünf Jahren hatte Eggers fünf neue Mitarbeiter eingestellt, aktuell sind 29 Personen in Lohn und Brot.

Zur Methode

Für den Pressefokus „Mittelstand“ wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund sowie norddeutsche Regionalzeitungen aus. Auf einen Blick erhalten Sie damit eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen in der aktuellen Berichterstattung. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung im deutschen Mittelstand zulassen. Besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Im vorliegenden Pressefokus für den Monat Juni (beobachteter Zeitraum: 19. Mai bis 18. Juni 2014) wurden Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Handelsblatt, Hamburger Abendblatt, Spiegel Online, Die Welt.

Nach oben