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09.08.2012

Nicht nur der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung in Deutschland steigt rasant, sondern auch das durchschnittliche Lebensalter der Senioren. Das Thema Pflege nimmt bundesweit mit jedem Tag an Bedeutung zu, dennoch scheint die Republik für den Ansturm der Alten nicht gerüstet zu sein.

Hilfe für alten Menschen: Auf Hamburg rollt ein demografisches Problem zu. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Hamburg zählt zu den reichsten Städten Deutschlands. Das verfügbare durchschnittliche Jahreseinkommen des Hamburgers liegt bei 24.000 Euro und damit um mehr als ein Viertel höher als der Bundesdurchschnitt, heißt es in einer aktuellen Studie des Instituts für Weltwirtschaft, Kiel Economics und der Christian-Albrechts-Universität für das Magazin WirtschaftsWoche.

Nicht viel bis nicht genug von diesen Vermögen, beziehungsweise den daran hängenden Steuereinnahmen landet allerdings im medizinischen Versorgungs- und Pflegebereich. „Norddeutschland droht Abrutschen in die Unterversorgung“, überschreibt die  Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) ihre jüngste Analyse des Gesundheitswesens und der Pflegewirtschaft in Deutschland.

Personalmangel bei Ärzten und Pflegern

PwC, deren düstere Prognose bis ins Jahr 2030 reicht, begründet die alarmierende Schlagzeile im Kern damit, dass der Personalmangel in den kommenden Jahren „fortlaufend wächst“. Ergebnis: Bei den Allgemeinmedizinern wird 2030 ein Mangel von 1.200 Beschäftigten – und damit ein nicht gedeckter Bedarf von zehn Prozent entstehen. Bei den Fachärzten könnten bis dahin 1.000 Stellen (16 Prozent) nicht besetzt werden. In der Pflegewirtschaft fehlten 19 Prozent (5.100 Beschäftigte) und im Gesundheitswesen gar 36 Prozent (14.000 Beschäftigte). Alten- und Krankenpfleger werden die in diesem Sektor am schmerzlichsten vermissten Berufsgruppen sein, wobei das Unterangebot bei Letztgenannten sich in Hamburg zu einem deutlich größeren Problem auswachsen dürfte, so die Branchenexperten.

Im Gegensatz zu Prognosen über den Ölpreis oder Facebook-Mitgliedszahlen sind die Grundannahmen, unter den PwC 2,5 Millionen Arbeitsplätze untersucht und 40 Millionen Datensätze ausgewertet hat, simpel, aber bestechend: Ab 2020 kommt die erste Nachkriegsgeneration in eine Altersphase, die bei vielen von Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität) gekennzeichnet sein wird. Zehn Jahre später werden es die Babyboomer aus den 60er-Jahren sein, die in Form einer Welle in Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegeheime fluten. Ob die Institutionen dem Ansturm standhalten werden, beantwortet PwC nicht explizit, spricht aber von einer „bedrohlichen Situation“.

Abgesehen von kosteneffizienteren Gesundheitssystemen wäre eine geeignete Gegenmaßnahme, die Berufsbilder für Pfleger und Ärzte attraktiver zu gestalten. „Dies hat viel mit Ansehen, Anerkennung und Motivation“, zu tun, erläutert Michael Burkhart, Partner und Bereichsleiter Healthcare/Pharma bei PwC.

Auch steigende Gehälter könnten insbesondere im Pflegebereich zu steigenden Interessentenzahlen führen. Stattdessen sind aber die Reallöhne hier in den vergangenen Jahren gesunken während die Arbeitsbelastung in den meisten Fällen gestiegen ist. Zudem sind in Deutschland derzeit etwa 16.500 sogenannte Leiharbeiter in Gesundheits- und Pflegeberufen tätig, 13.300 mehr als noch im Jahr 2005. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit lag der Durchschnittsverdienst für diese Leiharbeiter 2010 bei 1.600 Euro brutto im Monat, und damit um etwa ein Drittel unter dem Durchschnittsverdienst ihrer festangestellten Kollegen.

„Nicht nur die Bewohner pflegen – auch das Personal“

Ein Ergebnis des Pflegekräfte-Dilemmas: In jedem zweiten Pflegeheim in Hamburg betragen die Wartezeiten bereits bei zwei Monaten, jedes fünfte Heim kann Plätze nur noch mit einem Vorlauf von einem Jahr und länger anbieten. Die Auslastungsquote liegt bei 95 Prozent. Das ergab die Erhebung „Stationäre Pflege – Status Quo in Hamburg 2012“, die der Pflegeheim-Betreiber KerVita kürzlich veröffentlichte. Etwa 150 Pflegeheime mit rund 17.900 Bewohnern zählt die Hansestadt, hinzu kommen 28 Tagespflegeeinrichtungen. Ähnlich wie PwC-Experte Burkhart sieht auch KerVita-Geschäftsführer Torsten Rieckmann die Rolle des Pflegepersonals als entscheidend an: „Wir müssen nicht nur die Bewohner pflegen, sondern auch das Personal, damit es uns nicht davonläuft.“

Rieckmann hält das Image von Pflegeberufen für dringend verbesserungsbedürftig und nennt weitere Faktoren, die das Problem Altenpflege noch verschärfen:

  • Speziell in Hamburg kann die Nachfrage nach Einzelzimmern vielerorts nicht gedeckt werden.
  • 58 Prozent der Heimbewohner – Tendenz: steigend – sind demenzkrank oder benötigen wegen anderer Einschränkungen eine Spezialpflege. 
  • Angehörige in häuslicher Pflege zu betreuen kommt laut der KerVita-Studie für immer mehr Menschen nicht in Betracht. Dabei gebe es eine wachsende Gruppe Betroffener, die dies schlicht nicht wollten, anderen fehle die Möglichkeit dazu.
  • Knapp jedes dritte Hamburger Pflegeheim wurde vor dem Jahr 1970 erbaut. Raumaufteilung und Ausstattung seien in vielen Immobilien verbesserungsbedürftig.

Wünschenswertes – und die Praxis

Eine wichtige Rolle zur Unterstützung pflegender Angehöriger und zur Lösung des anschwellenden Problems sind die ambulanten Pflegedienste. Ansehen und Motivation, die für diesen Berufsstand wie erwähnt verbessert werden sollten, erhielten Anfang Juli einen Dämpfer: Die AOK hatte in Mecklenburg-Vorpommern neue Pflegesätze durchgesetzt, die nach Darstellung von Pflegedienst- und Sozialverbänden bis zu 18 Prozent unter den bisherigen Sätzen liegen. In Mecklenburg-Vorpommern versammelten sich darauf etwa 1.000 Mitarbeiter von allen 60 Pflegediensten an der Mecklenburgischen Seenplatte vor dem Gebäude der AOK, um gegen diese Entscheidung zu demonstrieren.

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