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Wirtschaft

Mittelstand erhält Kredit, investiert aber nur kurzfristig

12.06.2012

Die Kassen deutscher Mittelständler sind wieder fast so gut gefüllt wie vor der Krise, berichtet impulse. Als Beispiel nennt das Magazin die Dillinger Fabrik gelochter Bleche GmbH, welche die Auftragseinbrüche der letzten Jahre überwunden hat. So geht es vielen Unternehmen – und dennoch scheut sich laut Medienberichten ein Großteil der Mittelständler vor langfristigen Investitionen.

Fassade aus Lochblech für Audi: Die Firma Dillinger legt überschüssige Liquidität direkt in Edelstahl an. Viele deutsche Mittelständler verfügen wieder über Kapitalpolster. Dennoch halten sie sich mit langfristigen Investitionen zurück. (Foto: alliance / ZB)

„Banken drängen Kunden Geld auf“, titelt die Financial Times Deutschland (FTD) und verweist auf das üppige Kapitalangebot für Unternehmen. Somit kehre sich die lange befürchtete Kreditklemme ins Gegenteil um: Die Banken blieben auf ihrem Geld sitzen. Man habe „hinreichend offene Kreditlinien zur Verfügung gestellt“, zitiert die Zeitung Jürgen Fitschen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank.

Auch das ifo Institut sieht laut Berichten des Handelsblatts keine Probleme bei der Kreditvergabe. Im Mai beklagten nur 19,6 Prozent der befragten Firmen eine zurückhaltende Kreditvergabepraxis der Banken. Die Kredithürde liege somit weiterhin „historisch sehr niedrig“, zitiert die Zeitung ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Im Handelsblatt warnt Jürgen Fitschen vor zu viel Sorglosigkeit bei der Kreditvergabe an den deutschen Mittelstand. Bei aller Euphorie solle man daran denken, die Kreditrisiken angemessen zu kalkulieren und auf ausreichende Margen zu achten. Damit schließe sich Fitschen einer Warnung der Bundesregierung an.

Gründer erhalten weniger leicht Kredite

Doch nicht alle Unternehmen erhielten problemlos Bankkredite, gibt das Handelsblatt KfW-Chef Ulrich Schröder wieder. Demnach sei die Finanzierung vor allem bei Unternehmen, die jung seien und Forschung betrieben, schwieriger geworden. Wer nicht auf ein bestimmtes Bonitätsniveau komme, gehe leer aus.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht diese Entwicklung mit Schrecken. Als rohstoffarmes Land könne Deutschland nur mit Innovationen im globalen Wettbewerb bestehen, betont der BDI-Vorsitzende Arndt Kirchhoff im Handelsblatt.

Mittelständler fahren auf Sicht

Trotz der oftmals komfortablen Lage stecke die Finanzkrise den deutschen Mittelständlern noch immer in den Knochen, berichtet die Börsen-Zeitung. Das Blatt beruft sich auf eine Umfrage der Commerzbank, wonach ein Großteil der 4.000 befragten Unternehmen derzeit nur kurzfristig plane.

„Soweit Neuinvestitionen für Wachstum getätigt werden, finden sie im Wesentlichen außerhalb der Eurozone statt“, sagt Markus Beumer, verantwortlich für das Mittelstandsgeschäft der Commerzbank, im Interview mit den VDI nachrichten. Um die Unsicherheiten bei den Unternehmen zu beseitigen, müsse die Eurokrise glaubhaft gelöst werden, wird HypoVereinsbank-Vorstand Lutz Diederichs zitiert.

Unternehmen finanzieren sich aus eigener Kraft

Mittelständler hätten in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben gemacht, sagt Britta Becker von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). „Die meisten kommen heute auf Eigenkapitalquoten von 25 Prozent und mehr, vor Jahren waren es noch rund 20 Prozent.“ Entsprechend spielten eigenkapitalnahe Finanzierungen wie Genussscheine oder Mezzanine-Programme heute eine eher geringe Rolle.

Bei der Fremdfinanzierung sei nach wie vor der Bankkredit die erste Wahl, schreibt die Börsen-Zeitung unter Bezugnahme auf die oben genannte Commerzbank-Umfrage. Unverändert schwer würden sich kleine und mittlere Unternehmen hingegen mit dem Kapitalmarkt tun.

Nach Ansicht von Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen dürften viele Unternehmen aber wohl nicht mehr lange darum herumkommen, sich dem Kapitalmarkt stärker zu öffnen, berichten die VDI nachrichten. Seit einigen Jahren finde bei den Unternehmen ein Umdenken statt – wenn auch langsam. So würden die Firmen etwa mehr Anleihen und Schuldscheine begeben. Externen Investoren gegenüber blieben viele mittelständische Unternehmen jedoch skeptisch, resümiert das Blatt.

Factoring führt Schattendasein

Ein Schattendasein führt laut FTD die Finanzierungsform Factoring und beruft sich dabei auf eine Studie des Finanzdienstleisters GE Capital. Dieser sieht im Vergleich zu Frankreich, Großbritannien und Italien großen Aufholbedarf bei deutschen Mittelständlern.

„Factoring ist ein Produkt, dessen Zeit jetzt erst richtig beginnt“, zitiert die FTD den GE-Capital-Geschäftsführer Joachim Secker. Auch Thomas Hartmann-Wendels, Direktor des Seminars für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Bankbetriebslehre an der Universität Köln, sieht in Deutschland großes Potenzial für Factoring. Anbieter würden vor allem auf auf Handel und Dienstleistung setzen. „Da kann Factoring viel bewirken“, ergänzt Secker.

Bundesumweltminister sorgt sich um steigende Strompreise

Bundesumweltminister Peter Altmaier will laut einem FAZ-Bericht seine Ziele nicht auf Kosten der Wirtschaft erreichen. „Umweltpolitik wird nur dann dauerhaft kein Nischenthema sein, wenn klar wird, dass ihr Erfolg nicht die Wettbewerbsfähigkeit und die wirtschaftliche Stellung des eigenen Landes gefährdet.“

So wolle Altmaier mit verschiedenen Verbänden über die Belastung kleiner und mittlerer Unternehmen durch steigende Strompreise sprechen. Dabei müsse der Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Energien besser aufeinander abgestimmt werden.

Zur Methode

Für den Pressefokus zum Thema Unternehmensfinanzierung wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund aus. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung der Unternehmensfinanzierung zulassen. Im Überblick besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen.

Der vorliegende Meinungsüberblick verschiedener Pressetitel beschreibt die Lage der Unternehmensfinanzierung für die Monate Mai und Juni (beobachteter Zeitraum: 10. Mai 2012 bis 6. Juni 2012). Insgesamt wurden 29 Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Handelsblatt, Börsen-Zeitung, FTD, FAZ, VDI nachrichten, impulse.

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