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06.06.2012

Nach diversen Negativschlagzeilen benötigt die Ukraine eine Imagekorrektur. Die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft könnte helfen, die Wirtschaft weiter zu beleben. Doch für Investoren gibt es eine Menge Hemmschwellen.

Neues Image: Die Ukraine hofft auf die positiven Auswirkungen der Fußball-Europameisterschaft (Foto: picture alliance / dpa)

Sogar von einem Boykott der Fußball-EM war die Rede. Das Politikum um die Haftbedingungen der ehemaligen Präsidentin Julija Timoschenko hat der Ukraine im Vorfeld des großen Sportereignisses mehr als nur einen Kratzer im Image zugefügt. Die bestehende Hemmschwelle westlicher Unternehmen, in dem Land mit seinen 45 Millionen Einwohnern zu investieren, dürfte in dieser Zeit nicht gesunken sein.

Richten soll es nun das sportliche Großereignis, das vom 8. Juni bis 1. Juli 2012 in Polen und der Ukraine stattfindet. „Die politischen Schlagzeilen waren in der Vergangenheit negativ“, sagt Prof. Dr. Henning Vöpel, Senior Economist am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). „Für die Ukraine wäre es daher bereits ein gutes Resultat, diese schlechten Eindrücke, die im Vorfeld der Europameisterschaft entstanden, nun wieder zu revidieren.“

Unsicherheit in Investitionsfragen

Doch selbst wenn eine Imagekorrektur durch einen reibungslosen Ablauf der Fußballspiele in den vier Austragungsorten Charkow, Donezk, Kiew und Lemberg gelingen sollte, sind die Aussichten zum Beispiel in Bezug auf deutsche Investoren alles andere als rosig: „Im Gegensatz zum zweiten Ausrichterland Polen ist die Ukraine nicht nur geografisch weiter von Deutschland entfernt – auch die ökonomischen und politischen Unterschiede sind gewaltig“, sagt Vöpel.

So gebe es in der Ukraine Faktoren, die potenzielle Investoren und auch Konsumenten abschrecken. „Neben der verbreiteten Korruption sind das vor allem die bestehenden Unsicherheiten in Eigentums- und Investitionsfragen“, berichtet Vöpel und verweist auf die schlechte Platzierung des Landes im Doing-Business-Index der Weltbank: Hier belegt die Ukraine Rang 152 unter 183 Nationen.

Ausbau der Infrastruktur

Doch immerhin: Die Ukraine hat etwa zehn Prozent ihres jährlichen Bruttoinlandsprodukts in den Ausbau der Infrastruktur investiert. Das dürfte einige Investoren anlocken – aber andere auch abschrecken: Denn viele Bauanträge wurden im Vorfeld der Europameisterschaft ohne Ausschreibungen vergeben. Mit dieser Maßnahme wollte Präsident Wiktor Janukowitsch angeblich für einen schnelleren Ablauf der Vorbereitungen auf das Großereignis sorgen.

Das im Jahr 1991 unabhängig gewordene Land ringt also weiterhin um westliche Standards. Deutschland gehört dabei zu den wichtigsten Handelspartnern. Nach Angaben der Botschaft in Kiew sind Maschinen, Fahrzeuge, Chemieprodukte und elektrotechnische Erzeugnisse wichtigste deutsche Importgüter aus Deutschland. Umgekehrt gehören vor allem Textilien, Metalle und Chemieprodukte zu den wichtigsten ukrainischen Exportschlagern.

Vier Prozent Wachstum 2013

Zahlreiche wichtige deutsche Unternehmen sind bereits in der Ukraine vertreten. Die Botschaft in Kiew zählt hier Dax-Konzerne wie Bayer, BASF und Siemens auf, zudem bekannte Namen wie den Optikspezialisten Carl Zeiss, das Heiz- und Klimatechnikunternehmen Vaillant und den Kosmetikkonzern Wella. Insgesamt gibt es demnach in der Ukraine mehr als 1.200 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung.

Auch die Wachstumsprognosen sind positiv: Laut Europäischer Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) soll das Bruttoinlandsprodukt 2012 um 2,5 Prozent steigen, für 2013 wird sogar ein Zuwachs von vier Prozent erwartet. Doch Voraussetzung dafür ist ein positiver und möglichst störungsfreier Verlauf der Europameisterschaft.

Finale in Kiew

Das Endspiel findet am 1. Juli in der ukrainischen Hauptstadt Kiew statt. Wenn dann Hunderte Millionen Fernsehzuschauer auf den osteuropäischen Staat schauen, könnte das gewiss für ein wenig Aufbruchsstimmung im Land sorgen. Für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg bedarf es in der Ukraine jedoch noch einiger Reformen.