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Wirtschaft
22.06.2012

Deutschlands Mittelstand investiert wieder und braucht dazu frisches Kapital. Neben dem klassischen Bankkredit können Unternehmen aus einer Reihe alternativer Finanzierungsarten wählen. Wie Mittelständler zum Beispiel eigene Anleihen emittieren können, erklärt Dr. Thomas Ledermann, Vorstand der Börsen AG Hamburg und Hannover, im Interview.

Im Bild die Börse Hamburg: Ein neues Handelssegment für Anleihen richtet sich speziell an mittelständische Unternehmen.

Die Börse Hamburg: Ein neues Handelssegment für Anleihen richtet sich speziell an mittelständische Unternehmen, die eine Alternative zur klassischen Kreditfinanzierung suchen. (Foto: Börsen AG Hamburg und Hannover)

„Liquidität ist mittelständischen Unternehmen enorm wichtig – aber dafür Kredite aufzunehmen, das kommt immer weniger infrage“, berichtet die Financial Times Deutschland aufgrund einer Umfrage der Agentur TNS Infratest unter 4.000 Führungskräften im Auftrag der Commerzbank. Lieber greifen Unternehmer auf Gewinne und Rücklagen zurück, so die Zeitung. Doch was tun, wenn ein Mittelständler seinen Kapitalbedarf nicht vollständig aus Eigenmitteln bestreiten kann?

Neben dem klassischen Bankkredit bietet der Kapitalmarkt eine Vielzahl von Alternativen: So können Unternehmen zum Beispiel Mezzanine-Kapital über Genussrechte, stille Beteiligungen, Nachrangdarlehen oder Wandelanleihen aufnehmen. Eine weitere Möglichkeit zur Darlehensaufnahme ist der Schuldschein – eine Art standardisierter, privat platzierter Kredit, den Banken, Versicherungen oder Pensionskassen gewähren.

Immer mehr Mittelständler zapfen mittlerweile auch den Anleihemarkt an. Sie emittieren eigene Anleihen an einer deutschen Börse. Die Stuttgarter Börse bietet dazu seit Mai 2010 das Mittelstandssegment Bondm an. Mittlerweile haben auch die Börsen in Düsseldorf, Frankfurt und München sowie die Börsen AG Hamburg und Hannover eigene Segmente aufgelegt.

Im Interview erklärt Dr. Thomas Ledermann, Vorstand der Börsen AG Hamburg und Hannover, wie sich Unternehmen über Mittelstandsanleihen Kapital beschaffen können.

Dr. Thomas Ledermann, Börsenvorstand der Börse Hamburg und Hannover, im Porträt.

„Vom Erstgespräch bis zur Notierungsaufnahme muss man gut fünf Monate einplanen“, sagt Börsenvorstand Dr. Thomas Ledermann. (Foto: Börsen AG Hamburg und Hannover)

Herr Dr. Ledermann, welche Mindestanforderungen gelten für Unternehmen, die Anleihen platzieren wollen?

Die Börse Hamburg und die Börse Hannover haben unter der Bezeichnung „Mittelstandsbörse Deutschland“ ein speziell auf mittelständische Unternehmen zugeschnittenes Handelssegment etabliert. Um in das Handelssegment aufgenommen zu werden, muss das Unternehmen folgende Unterlagen einreichen: Satzung und Handelsregisterauszug in aktueller Fassung, den Jahresabschluss des letzten Geschäftsjahres, einen von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gebilligten Wertpapierverkaufsprospekt sowie ein Factsheet zur Veröffentlichung auf der Internetseite. Außerdem ist eine Verpflichtungserklärung des Emittenten zur Anerkennung des Regelwerks sowie der Folgepflichten erforderlich. Ein Anspruch auf Einbeziehung besteht nicht.

Wir haben unser Regelwerk bewusst flexibel gestaltet. So gibt es keine Anforderungen, die das Mindestvolumen der Anleihe betreffen. Vor dem Hintergrund der Kosten einer Emission allein für Prospekt und Rating – beides kostet je nach Komplexität mindestens rund 30.000 Euro – sollten Emissionen in der Regel über ein Volumen von mindestens zehn Millionen Euro verfügen.

Zur Stückelung gibt es keine Vorgaben. Für die Platzierung der Anleihe kann eine spezielle Zeichnungsfunktionalität der Börse genutzt werden. Möchte man als Unternehmen hierüber gezielt Privatanleger ansprechen, bietet sich eine Stückelung von 1.000 Euro an.

Branchenausschlüsse gibt es bei uns nicht.

Und welche Rolle spielen Ratings bei der Anleiheplatzierung?

An der Mittelstandsbörse Deutschland ist ein Rating zwar nach Regelwerk nicht erforderlich, doch empfiehlt sich ein Rating für die Platzierung. Gerade für am Markt eher unbekannte Unternehmen erscheint ein Rating in der Regel unerlässlich. Die Investoren fordern die unabhängige Bewertung des Papiers beziehungsweise des Emittenten. Der Wille zur Transparenz ist beim Gang an den Kapitalmarkt deshalb unerlässlich.

Die großen internationalen Agenturen spielen dabei übrigens eine eher untergeordnete Rolle. Bei den Mittelstandsanleihen kommen die Ratings ganz überwiegend von Creditreform und Euler Hermes.

Welche Faktoren spielen bei der Ermittlung eines sinnvollen Anleihezinses eine Rolle?

Hier kommen verschiedene Aspekte zum Tragen: Je größer das Ausfallrisiko, desto höher muss der Zinssatz ausfallen. Gibt es ein Rating, wie fällt dieses aus? Bei der Begebung einer Anleihe muss man bei der Wahl der Höhe des Zinscoupons auch das jeweilige aktuelle Marktumfeld beachten: Wie ist das allgemeine Zinsniveau? Einen großen Einfluss hat auch die Ausgestaltung der Anleihebedingungen. Gibt es spezielle anlegerschützende Klauseln oder auch eine Besicherung der Anleihe? In diesen zum Zweck der Vertrauensbildung aufgenommenen Klauseln finden sich häufig Erklärungen der Emittentin – auch Covenants genannt –, während der Laufzeit der Anleihe keine Sicherungsrechte für andere Kapitalmarktverbindlichkeiten zu bestellen, oder es werden Kündigungsmöglichkeiten festgeschrieben, etwa für den Fall, dass das Unternehmen den Eigentümer wechselt.Eine Beratung betreffend der Strukturierung der Anleihe und der richtigen Höhe des Zinscoupons macht die Börse nicht selbst, sondern ein Kapitalmarktpartner. Dieser führt eine intensive Analyse des Unternehmens durch und fühlt bei institutionellen Anlegern vor, ob es für das Papier zum angedachten Zinssatz auch eine entsprechende Zeichnungsbereitschaft gibt.

Wie lange dauert es denn vom ersten Kontakt zur Börse Hamburg beziehungsweise Börse Hannover bis zum ersten Handelstag der Anleihen?

Vom Erstgespräch bis zur Notierungsaufnahme muss man gut fünf Monate einplanen. Hat der Emittent schon Vorarbeiten geleistet, kann es etwas schneller gehen. Es gilt, insbesondere auch externe Dritte in die Abläufe einzuplanen, also Anwälte, die bei der Erstellung des Prospekts beraten, oder die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, da der fertige Prospekt noch deren Billigung bedarf. An der Mittelstandsbörse Deutschland entscheidet der Freiverkehrsausschuss über die Aufnahme einer Anleihe in den Handel. In diesem Gremium sind versierte Fachleute mit Kapitalmarktexpertise vertreten. Der Antrag auf Einbeziehung selbst ist von einem an der Börse zugelassenen Handelsteilnehmer zu stellen.Von großer Bedeutung für eine erfolgreiche Platzierung ist die kommunikative Begleitung. Wir unterstützen die Unternehmen, etwa durch Bannerschaltungen auf der Startseite der Börse und Hinweise in einem wöchentlich erscheinenden Newsletter. Mit der Presse sollten Hintergrundgespräche eingeplant werden. Auch sollte sich das Unternehmen vor Investoren präsentieren. Sowohl in der Börse Hamburg als auch in der Börse Hannover stehen hier attraktive Räumlichkeiten zur Verfügung.