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Wirtschaft

Der Mittelstand geht kreativ mit der Eurokrise um

25.05.2012

Reinhard Kardinal Marx: "Mich beeindruckt die Kreativität im Mittelstand." (Foto: picture alliance / dpa)

Deutsche Unternehmen liegen vorne, titelt das Handelsblatt Anfang Mai. Grund sei die effektive Produktion und das strikte Kostenmanagement sowie die Expansion hiesiger Firmen in Boommärkten des Auslands. Die konjunkturelle Entwicklung außerhalb Deutschlands scheint für den Großteil des Mittelstands an Bedeutung zu gewinnen – das geht aus vielen aktuellen Medienberichten hervor.  

„Mich beeindruckt vor allem die Kreativität im Mittelstand und Handwerk“, sagt Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, außerdem Bestsellerautor und Gesellschaftswissenschaftler, in einem Interview mit dem Handelsblatt. Marx plädiert darin für eine Erneuerung der Marktwirtschaft. Unter anderem fordert er Manager auf, Unternehmensziele zu überdenken: „Wenn Sie sich den Mittelstand anschauen, Handwerksbetriebe, auch große Private, […] da merkt man, dass der Blick auf Aktienkurse eine zu enge Sicht ist.“

Mittelständler agieren auf Sicht

Derzeit sehe der Mittelstand die Risiken, nicht die Chancen, überschreibt die Börsen-Zeitung kritisch einen Bericht zu einer Führungskräfteumfrage von Commerzbank und TNS Infratest. Gerade in Europa bevorzugten Mittelständler kurzfristige Planungen, sie agierten auf Sicht. Eine zu kritische Haltung gegenüber Schulden und Fremdfinanzierung aber könne gerade in einer wirtschaftlich unsicheren Phase zu Investitionsstau führen, so die Börsen-Zeitung. 77 Prozent der Befragten gaben an, dass die Eurokrise die Planungssicherheit nicht nur verringere, sondern sich negativ auswirken würde (oder bereits auswirke), berichtet die Bild-Zeitung Hamburg zur selben Umfrage. Laut Bericht des Stormarner Tageblatts zu dem Thema verunsichert die Eurokrise auch den Mittelstand in Schleswig-Holstein: Zwei von drei Unternehmen im nördlichsten Bundesland klagen über Planungsunsicherheit infolge der Währungskrise. Die Unternehmen in Norddeutschland blicken laut Regionalzeitung aber optimistischer in die Zukunft: 62 Prozent der Firmen wollen investieren. Im Bundesdurchschnitt sind es laut TNS Infratest 69 Prozent.

Südeuropas Wirtschaften brauchen Wachstum

„In Europa herrscht wirtschaftliche Divergenz“, steht über einem Gastbeitrag von Burkhard Allgeier von der Bank Hauck & Aufhäuser für das Magazin WirtschaftsWoche. Während Deutschland massiv an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewonnen habe, zogen zum Beispiel die Lohnstückkosten in der südeuropäischen Peripherie kräftig an. „Europa braucht mehr Wachstum“, schreibt Hermann Otto Solms, Bundestagsmitglied und FDP-Finanzexperte, in einem Gastbeitrag für DIE WELT. Die wichtigste Aufgabe für die Politik bestehe jetzt darin, die Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu stärken. Potenzial für mehr Wachstum in Europa könnte laut Bericht der WirtschaftsWoche „Horizon 2020“ bergen. Nach dem Plan der EU-Kommission werden von 2014 bis 2020 insgesamt rund 87 Milliarden Euro in Forschung und Innovation fließen. So soll laut WirtschaftsWoche mehr Hightech-Wachstum entstehen. „Der Sprung von der Grundlagenforschung in Labors hin zu marktreifen Produkten soll endlich besser gelingen, die Unterstützung für den Mittelstand nicht zerstreut, sondern gebündelt werden.“    

Die Unsicherheit über die Folgen der Krise im Euroraum bestimmt nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „eindeutig das Handeln in den Vorstandsetagen“. Allerdings, so ein Kommentar der FAZ zum Thema Mittelstand, „wenn Mittelständler Typen wären, die auf Sicherheit setzen, hätte es wohl keiner von ihnen je zum erfolgreichen Unternehmer geschafft.“ Es sei geradezu die Kernkompetenz des Mittelstands, sich nicht verunsichern zu lassen.

USA feiern ökonomisches Comeback

Wie gemacht für die deutsche Industrie sei der Aufbruch in den Schwellenländern, so die Süddeutsche Zeitung. Der Sektor profitiere seit Jahren davon, dass bevölkerungsreiche Länder wie China, Brasilien und Indien ihre Wirtschaft industrialisieren und modernisieren. Die Financial Times Deutschland berichtet hingegen: „Während Europa weiter in der Krise steckt und auch Chinas Konjunktur schwächelt, kann sich die Weltwirtschaft zumindest auf die USA verlassen.“ Die größte Volkswirtschaft der Welt feiere derzeit ein kleines Comeback. So rechne der Internationale Währungsfonds damit, dass die USA 2012 das kräftigste Wachstum der größeren Industrieländer verbuchen könnten. Hintergrund ist laut Christoph Balz, Volkswirt der Commerzbank: „Die Unternehmensgewinne legen kräftig zu, sodass sich Investitionen wieder mehr lohnen, wodurch die Einkommen steigen.“

Das Auslandsgeschäft spielt in vielen deutschen Unternehmen eine immer wichtigere Rolle. So erzielten laut Handelsblatt die Firmen aus dem MDAX, SDAX und TecDAX aktuell zwei Drittel ihrer Umsätze im Ausland. Die Tageszeitung berichtet, was die Unternehmensberatung Munich Strategy Group in ihrem „Top 100 Ranking“ des deutschen Mittelstands ermittelte: Im Durchschnitt erzielen Mittelständler 58 Prozent ihrer Umsätze im Ausland. Basis für die Untersuchung waren 1.600 mittelständische Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 15 und 350 Millionen Euro.

Neue Wachstumsstrategien

„Mit Taktik zu neuem Wachstum – Siegerstrategien für den deutschen Mittelstand 2012“, lautet der Titel einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young und des FAZ-Instituts. Analysiert wurden die Kennzahlen von 65 Unternehmen. Wachstumspläne entstünden, so der Tenor, nicht in der Abgeschiedenheit von Chefetagen. Sie seien das Ergebnis einer Auseinandersetzung, die alle im Unternehmen einbeziehe. Als Beispiel nennt die FAZ die Firma edding: Regelmäßig bringe Geschäftsführer Per Ledermann seine Mitarbeiter in Workshops zusammen. „Das ist extrem ergiebig“, so Ledermann.

Die WirtschaftsWoche wählte jüngst „Die Beste Fabrik“ Deutschlands. – Der Wettbewerb zeige, was die hiesige Industrie so stark mache. „In keinem anderen Land nutzten Manager das Potenzial der Beschäftigten effektiver“, so das Magazin. Zum diesjährigen Sieger wurde das Landshuter BMW-Werk erklärt. Die drastische Reduzierung von Stillstandszeiten bei jedem Werkzeugwechsel verbessere die Produktivität von BMW deutlich. Nur unwesentlich schlechter schnitten laut WirtschaftsWoche die beiden Zweitplatzierten ab: das Vredener Werk von Schmitz Cargobull und das Unternehmen teamtechnik in Freiberg bei Stuttgart. Ihre perfekt funktionierende Produktion stehe auch für Deutschlands Antwort auf die Globalisierung, so das Magazin.

Zur Methode

Für den Pressefokus zum Thema Mittelstand wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund aus. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung des deutschen Mittelstands zulassen. Im Überblick besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken und Unternehmen. Auf einen Blick erhalten Sie hier eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen aus aktuellen Artikeln der deutschen Presselandschaft sowie norddeutschen Zeitungen.

Der vorliegende Meinungsüberblick verschiedener Pressetitel beschreibt die Lage des deutschen Mittelstands für die Monate April und Mai (beobachteter Zeitraum: 27. April 2012 bis 24. Mai 2012). Insgesamt wurden 27 Artikel aus folgenden Quellen ausgewertet: Handelsblatt, Börsen-Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Financial Times Deutschland, Bild Hamburg, DIE WELT, Frankfurter Allgemeine Zeitung, WirtschaftsWoche, Stormarner Tageblatt.