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Wirtschaft
05.03.2012

Fast ein Jahrzehnt lang lief das Geschäft für viele Reeder hervorragend, die Charterraten und die Einnahmen liefen stur nach oben. Finanzielle Absicherungen schienen nicht nötig – heute sind sie gefragt. Aber welche Sicherheitsstrategie ist die richtige? Ein Szenarioprogramm, das Methoden der Versicherungsbranche nutzt, analysiert das Chance-Risiko-Profil und zeigt dem Reeder Lösungen auf.

Nur selten finanzieren Reeder ihre Schiffe komplett aus eigenen Mitteln. Wenn die Kreditzinsen, die in jüngster Zeit meist kurzfristig vereinbart werden, anziehen, beeinflusst dies die Ertragslage nachhaltig. Auch die Kosten für Heuer, Versicherung, Bunker, Diesel und Dockung schwankten in den vergangenen Jahren stark.

Nicht zuletzt aufgrund anhaltend starker Unruhen auf den Schifffahrtsmärkten steigt das Interesse der Schiffsbesitzer und -betreiber, ihre Risiken in Schach zu halten und auf der anderen Seite Chancen zu nutzen, die sich bei verändernden Marktkonstellationen ergeben.

Eine Aufgabe, bei der Dr. Martin Moryson, stellvertretender Leiter der Abteilung Corporate Advisory bei der HSH Nordbank, gern unterstützt. „Viele Reeder legen heute wieder Wert auf Planungssicherheit und eine verlässliche Chance-Risiko-Abschätzung“, sagt Moryson, der maßgeblich an einer besonderen Risikomanagementlösung des weltgrößten Schiffsfinanziers beteiligt war. „Besonders ist unser Ansatz, weil wir entscheidende Ansätze aus der Versicherungswirtschaft auf den Schiffsmarkt übertragen und für unser Programm verwendet haben. Das hat sich in der Praxis bereits bewährt und erfreut sich wachsender Nachfrage“, sagt Moryson. Wesentlich waren dabei die Elemente, die die Versicherungswirtschaft einsetzt, um die Beitragsvolumina ihrer Kunden so anzulegen, dass sie jederzeit in der Lage sind, ihre Verpflichtungen bedienen zu können – auch bei kurzfristig auftretenden Marktirritationen. Es geht darum, die Kapitalanlagen sicher durch die raue See des Kapitalmarktes zu manövrieren.

Ähnliches gilt auch für die Unternehmungen der Reeder: Können sie zusätzliches Kapital generieren, wenn ausgesuchte Verträge variiert oder ersetzt werden? Gibt es ungehobene Schätze, nicht genutzte Kapazitäten, mit denen sich das Unternehmen bei angemessenem Kosteneinsatz besser absichern ließe? Und schließlich: Bietet die Flottenstruktur Anlass für Veränderungen? Bei dieser Frage besteht der Beratungsaspekt der HSH Nordbank auch darin, dass nicht nur der Anlass für Käufe oder Verkäufe genannt werden kann – sondern auch der geeignete Zeitpunkt. „Es ist eine beinahe historische Erkenntnis, dass das richtige Timing oft entscheidend ist für den unternehmerischen Erfolg. Wenn Timing aber nicht nur nach Bauchgefühl funktioniert, welche Möglichkeiten habe ich als Unternehmer, nach einer klaren Analyse des Marktes eine präzise Entscheidung im richtigen Moment zu treffen? Auf diese Fragestellung geben wir Antworten“, sagt Dr. Moryson.

Was passiert, wenn man an unternehmerischen Stellschrauben dreht

In einem ersten Schritt werden dabei die Risiken, denen eine Reederei ausgesetzt ist, identifiziert. Neben Ölpreis, Währungsrisiko und Entwicklung der Charterraten spielt auch die Zusammensetzung der Flotte eine wichtige Rolle. Grundsätzlich gilt: je mehr unterschiedliche Schiffstypen, ja granularer die Zusammensetzung also, umso geringer das Risiko. Wie sich diese Variablen auf den Geschäftsverlauf auswirken, wird durch die von der HSH Nordbank entwickelten Programme simuliert.

„Es ist beeindruckend zu verfolgen, welche Antworten auf dem Monitor auftauchen, wenn man eine seiner unternehmerischen Stellschrauben bewegt“, erklärt ein Kunde der HSH Nordbank, und ergänzt, dass eine solche Dienstleistung selten sei: „Ich kenne keinen vergleichbaren Service, der auf den Schifffahrtsmarkt zugeschnitten ist.“

Cashflow und Gewinn zeichnet die Software für jedes beliebige Ausgangsszenario über die nächsten zehn Jahre. Was passiert beispielsweise, wenn die Zinsen für das Unternehmen um einen Prozentpunkt steigen? Wenn der Ölpreis um denselben Wert sinkt, aber der Euro-Dollar-Kurs um drei Prozentpunkte steigt?

„Die präzisen Ergebnisse haben schon bei einigen Kunden zu verdutzten Gesichtern geführt – und dann dazu, dass sie sich zügig um die Absicherung ihres Geschäfts und andere gravierende Prozesse kümmerten“, berichtet Moryson. Wichtig ist ihm, dass die Bank dabei lediglich Empfehlungen ausspricht und Wege aufzeigt, die unternehmerische Entscheidung aber beim Unternehmer bleibt. Passgenau lassen sich Finanzmarktprodukte zusammenstellen, die den Unternehmer beispielsweise vor ungünstigen Marktentwicklungen schützen. Gegen den Fall, dass ihn Schmierstoff-, Wechselkurs- oder andere Kosten seiner Schiffe in der Zukunft einmal fünf Prozent vom Gewinn kosten, kann er sich vorsorglich wappnen: Verluste oberhalb einer vorher festgelegten Hürde lassen sich mit verschiedenen Hedgeprodukten reduzieren; letztlich bleibt die Schifffahrt aber ein bewegtes Geschäft mit Risiken.

Individuelle und Marktrisiken erkennen und beziffern

„Wer sich als Unternehmer gegen alle Unwägbarkeiten komplett absichern wollte, müsste dafür einen zu hohen Preis bezahlen. Außerdem geben Unternehmer grundsätzlich nur ungern mehr als einen Teil ihres gestalterischen Spielraums ab“, sagt HSH Nordbank-Experte Martin Moryson. „Aber: Wer individuelle und Marktrisiken erkennen und beziffern kann, ist vielen Mitbewerbern in der Shipping-Community einen entscheidenden Schritt voraus.“

Ein Kunde der HSH Nordbank aus der Reederschaft beschreibt seinen Vorteil durch den Szenarioservice: „Solange es noch keine funktionierenden Glaskugeln gibt, um zukünftige Entwicklungen vorherzusagen, sind Prognosen auf Basis möglichst umfassender historischer Daten der überzeugendste Ersatz.“ Während das Computerprogramm allerdings vor allem die Chancen und Risiken aufzeige, könne der Unternehmer mit dem Ohr am Markt und Bauchgefühl zu anderen Schlüssen kommen. „Wenn die Analyse vorliegt, besprechen wir mit den Bankexperten und im Management Board unsere Einschätzungen. Im Ergebnis entschieden wir dann beispielsweise, Schiffe zu verkaufen, Devisenhedges einzugehen oder Bunkerpreise abzusichern.“

Mithilfe des Szenarioprogramms zeigen die Berater dem Unternehmer verschiedene Wege auf, die er gehen kann. Für welche Wegstrecke er sich entscheidet, wählt er aber selbst aus. „Ein Modell, das einen Manager auf dem Shipping-Markt ersetzen kann, wird es nie geben. Das Szenarioprogramm der HSH Nordbank ist aber für uns ein wertvolles Instrument, das sich in der Praxis bewährt hat und das wir nicht mehr missen mögen“, so ein Reeder-Kunde.

Frachtraten für Containerschiffe auf den drei Hauptverkehrslinien in US-Dollar pro TEU*

*TEU (Twenty-foot Equivalent Unit): Standard-Container

Zyklischer Markt: Halbierung der Frachtraten binnen Jahresfrist. (Quellen: CI Containerization International, ELAA, HSH Nordbank)

Zyklischer Markt: Halbierung der Frachtraten binnen Jahresfrist. (Quellen: CI Containerization International, ELAA, HSH Nordbank)

Legende zur Grafik
Abkürzungen Streckenbeschreibung
Asia/NA (TP EB) Asien nach Nordamerika (Transpazifik in Richtung Osten)
Asia/N Eur (WB) Asien nach Nordeuropa (in Richtung Westen)
NAEC/N Eur (EB) Nordamerika Ostküste nach Nordeuropa (in Richtung Osten)