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12.03.2012

Ein umfassendes Gesundheitsmanagement für Arbeitnehmer ist bei vielen international tätigen Unternehmen längst erfolgreich aufgebaut. Inzwischen ist das Thema aber auch bei kleineren Unternehmen und damit im Mittelstand angekommen. Dabei geht es um weit mehr als um pfiffige Einzelaktionen wie eine Diätberatung in der Kantine oder eine sporadische Rückenschule am Arbeitsplatz.

Mitarbeiter bei Entspannungsübungen.

Betriebliches Gesundheitsmanagement: Entspannungsübungen bei BMW in Dingolfing. (Foto: picture alliance / dpa)

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ist vielmehr die planvolle Organisation, enge Verzahnung sowie nachhaltige Durchführung aller in einem Unternehmen angebotenen Gesundheitsmaßnahmen. Ziel ist es, die gesundheitlichen Belastungen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter systematisch zu minimieren und damit die individuellen Ressourcen zu stärken – sowohl physisch als auch psychisch. Dahinter steht die durch viele Studien belegte Erkenntnis, dass durch gute Arbeitsbedingungen und eine hohe Lebensqualität am Arbeitsplatz Gesundheit und Motivation in Betrieben nachhaltig gefördert werden. Gleichzeitig lassen sich dadurch aber auch Produktivität, Produkt- und Dienstleistungsqualität sowie Innovationsfähigkeit spürbar verbessern. Nicht zuletzt kann ein professionelles und gut funktionierendes Gesundheitsmanagement das Ansehen des Unternehmens erhöhen - bei den aktuellen wie bei potenziellen Mitarbeitern. 

Ein systematisches Betriebliches Gesundheitsmanagement geht deutlich über die in der deutschen Sozialgesetzgebung verankerten Verpflichtungen zum Arbeitsschutz (SGB VII) und zum betrieblichen Eingliederungsmanagement (SGB IX) hinaus. Denn der ganzheitliche Ansatz beinhaltet, neben einer betrieblichen Gesundheitsförderung, beispielsweise auch Maßnahmen zur wertschätzenden Führungskultur, zur besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben (Work-Life-Balance) sowie zum Bereich „altersgerechte Arbeit“. 

Krankenstand steigt wieder an

Nachdem sich der Krankenstand in der deutschen Wirtschaft von 6,8 Prozent im Jahr 1990 auf 3,4 Prozent im Jahr 2006 halbiert hatte, steigt er seitdem langsam wieder an. Nach Angaben des BKK Bundesverbands lag die Quote Ende September 2011 bei 3,9 Prozent. Allein diese gering erscheinende Steigerung bedeutet, dass – verglichen mit dem Tiefstand 1990 – heute jeder Mitarbeiter pro Jahr zwei Tage mehr im Unternehmen fehlt. Bei einem Unternehmen mit 100 Mitarbeitern wäre das rechnerisch der dauerhafte Ausfall einer ganzen Vollzeitkraft.

Hinter den krankheitsbedingten Fehltagen stehen nach wie vor einige wenige große Krankheitsgruppen. Die Erhebung des BKK Bundesverbands belegt, dass sie knapp 77 Prozent aller Ausfalltage verursachen. Dabei handelt es sich vornehmlich um Erkrankungen des Bewegungsapparates (fast 27 Prozent), Erkrankungen der Atmungsorgane (gut 14 Prozent), Verletzungen (fast 14 Prozent) sowie – seit einigen Jahren stetig ansteigend – um psychische Erkrankungen (rund zwölf Prozent). 

Welch weitreichende Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft in unserem Lande auch durch einen speziellen Aspekt des demografischen Wandels drohen, zeigt ein Blick auf den durchschnittlichen Krankenstand nach Altersgruppen. So ermittelte die Studie des BKK Bundesverbands, dass im Herbst 2011 der durchschnittliche Krankenstand in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen bei 2,5 Prozent, bei Arbeitnehmern ab 55 Jahren aber – weit mehr als doppelt so hoch – bei 6,5 Prozent lag.

Unternehmen tun also gut daran, durch gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen die Krankheitsbelastungen zu reduzieren. Dabei geht es zum einen um die individuelle Verhaltensprävention, beispielsweise durch Rücken- und Ernährungskurse, Suchtberatung, Kurse zum Stressmanagement und zum Entspannungstraining oder Schutzimpfungen. Auf der Agenda steht aber auch die Verhältnisprävention, zum Beispiel durch eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, durch Führungstrainings, Anti-Mobbing-Konzepte oder durch den gezielten Aufbau altersgemischter Teams.

In sechs Schritten zum BGM

Für ein gutes Betriebliches Gesundheitsmanagement gibt es keine Modelle von der Stange, jedes Unternehmen benötigt individuelle Bausteine. Das Konzept, einmal etabliert, läuft auch nicht von alleine, kontinuierliche Anpassungen mit aktiver Einbindung von Geschäftsführung und Mitarbeitern sind für ein erfolgreiches BGM unbedingte Voraussetzung. 

In der Praxis haben sich sechs Schritte beim Aufbau und bei der Umsetzung eines BGM bewährt. Zunächst werden eindeutige Ziele definiert und, daran anknüpfend, die Strategien festgelegt. Im Anschluss stellt sich die Frage, welche Strukturen im Betrieb notwendig sind, um ein BGM erfolgreich zu etablieren. Viele Unternehmen gründen einen Arbeitskreis Gesundheit, einen Gesundheitszirkel oder einen BGM-Kreis, in dem Geschäftsführung, Mitarbeiter und Gesundheitsmanager vertreten sind, in dem alle Fäden zusammenlaufen und durch den das Projekt in der Aufbauphase und im späteren Tagesgeschäft gesteuert wird. Im dritten Schritt geht es um die differenzierte Analyse der speziellen Situation im Unternehmen, daraus ergeben sich in einem vierten Schritt die Feinziele, die erreicht werden sollen. Erst danach werden einzelne Maßnahmen entwickelt und umgesetzt. Am Ende des Prozesses stehen – und damit schließt sich der Regelkreis – die Evaluation sowie eine laufende Anpassung des BGM.

Ein bedarfsgerechtes, individuelles Betriebliches Gesundheitsmanagement – darin sind sich Experten einig – ist für Unternehmen mehr als eine betriebswirtschaftliche Stellschraube. Ernst genommen und selbstverständlich gelebt, steht BGM auch für eine Unternehmenskultur, die auf Beteiligung setzt und die gesundheitsorientierte Arbeitsbedingungen als Auftrag sieht, der auch aus der Übernahme gesamtgesellschaftlicher Verantwortung entsteht.