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Wirtschaft

Sonderfall Deutschland: Noch funktioniert die Kreditversorgung

10.02.2012

Für den Pressefokus wertet Unternehmer Positionen Nord regelmäßig meinungsbildende Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportale mit Wirtschaftshintergrund aus. Auf einen Blick erhalten Sie hier eine Auswahl fundierter Expertenmeinungen und konträrer Einschätzungen aus aktuellen Artikeln der deutschen Presselandschaft. 

Bundesbankpräsident Jens Weidmann spricht über die Kreditvergabe in Deutschland.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann hält die Sorge vor einer Kreditklemme in Deutschland für unbegründet. (Foto: picture alliance / dpa)

Gibt es sie nun oder nicht? Die Meinungen und Researchergebnisse zum Thema Kreditklemme könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Zahlen der Europäischen Zentralbank zur Kreditvergabe sind laut Financial Times Deutschland „alarmierend“. Doch sie zeigen auch, dass Deutschland in der Eurozone eine bemerkenswerte Ausnahme darstellt. Glaubt man der EZB-Erhebung, ist die Kreditversorgung in Deutschland deutlich positiver als in der übrigen Eurozone.

Uneinheitliches Bild beim Thema Kreditklemme

Nach Berichten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hält Bundesbankpräsident Jens Weidmann die Sorge vor einer Kreditklemme in Deutschland für unbegründet. Die Buchkredite an Unternehmen seien in den vergangenen Monaten sogar gestiegen. Entspannt hinsichtlich der Kreditversorgung zeige sich auch Hans-Peter Keitel, schreibt die Börsen-Zeitung. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie halte die Gefahr einer Kreditverweigerung für „überschaubar“, so das Blatt. Andreas Schmitz, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, rechne zwar damit, dass sich langfristige Kredite verteuern werden, eine Kreditklemme sehe jedoch auch er nicht, steht in einem weiteren Artikel der Börsen-Zeitung. Einige Tage später nimmt das Blatt die aktuellen Daten des Münchner ifo Instituts zum Anlass für einen längeren Artikel zum Thema Unternehmensfinanzierung: Die Erhebung des ifo Instituts enthielten keinerlei Anzeichen einer flächendeckenden Kreditklemme. Vielmehr habe sich der Anteil der Unternehmen, die sich über eine restriktive Kreditvergabe beklagten, im Vergleich zum Dezember 2011 verringert, berichtet die Zeitung und verweist auch auf Aussagen der Commerzbank. Deren Mittelstandsbank halte noch ungenutzte Kreditlinien von über 46,5 Milliarden Euro bereit. 

Für finanzschwache Unternehmen könnte die Kreditaufnahme schwieriger werden, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung und zitiert Margarita Tchouvakhina, Abteilungsdirektorin in der volkswirtschaftlichen Abteilung der staatlichen Förderbank KfW. Sie beschreibt dem Blatt gegenüber die möglichen Auswirkungen einer strengeren Bankenregulierung durch Basel III: „Insbesondere die großen Geschäftsbanken müssen ihre Risikopositionen abbauen und gegebenenfalls auch ihre Bilanzen kürzen.“ Das bedeute in erster Linie, dass die Banken die Kreditbedingungen verschärften, im Zweifel aber auch mit größeren Risiken behaftete Darlehen gar nicht mehr vergeben würden, erläutert Tchouvakhina. Ebenfalls zum Thema Basel III lässt das Magazin impulse KfW-Chefvolkswirt Norbert Irsch zu Wort kommen: „Das Kreditangebot der Banken leidet unter schärferen regulatorischen Anforderungen und erheblichen Schwierigkeiten bei der Refinanzierung.“ Noch sei die Lage stabil, aber für das laufende Jahr erwarte die KfW eine Eintrübung des Kreditneugeschäfts, so Irsch weiter. Gefahren sehen auch die Volksbanken und Sparkassen in Deutschland, die laut Handelsblatt wenige Monate vor Inkrafttreten der Basel-III-Reform grundlegende Anpassungen fordern. „Wir wollen, dass Banken ihre Mittelstandskredite künftig nicht mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen als bisher“, sagt Gerhard Hofmann, Vorstand des Bundesverbands der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken, im Interview mit der Zeitung. 

Forderung nach staatlicher Zwangsrekapitalisierung

Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Grant Thornton weise auf ein schlechtes Finanzierungsklima in der Eurozone hin, berichtet die Börsen-Zeitung. Das Blatt zitiert Michael Häger, Vorstand bei Warth & Klein Grant Thornton in Deutschland: „Viele Unternehmer befürchten eine Kreditklemme. Wenn sich dieser Eindruck verfestigt, könnte auch das Investitionsvolumen für Unternehmungen in Europa deutlich zurückgehen.“ Unterdessen fordert der Präsident des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung eine staatliche Zwangsrekapitalisierung der europäischen Banken. Dadurch solle eine Kreditklemme verhindert werden, die nach Aussage Hüthers in den Krisenländern bereits offensichtlich sei. Die Forderung nach einer Teilverstaatlichung sei in Bankenkreisen mit Befremden aufgenommen worden, konstatiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung

Ende Januar greift unter anderem die Financial Times Deutschland die aktuellen Daten der Europäischen Zentralbank zu Unternehmensdarlehen auf. Demnach hat es im Dezember 2011 den schärfsten Rückgang der Bankkredite im Euroraum seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 gegeben. Die Unternehmensdarlehen seien um 37 Milliarden Euro im Vergleich zum November eingebrochen. Volkswirte wie James Nixon von der französischen Großbank Société Générale werteten den starken Rückgang als Hinweis auf eine bevorstehende Kreditklemme, so die Zeitung weiter. Auch das Handelsblatt nimmt sich dieser Thematik an und schreibt über die abwartende Haltung des EZB-Präsidenten Mario Draghi. Dieser verweise darauf, dass die großen Liquiditätsspritzen der EZB für die Banken noch nicht in der Wirtschaft angekommen seien. „In manchen Regionen läuft die Kreditvergabe mehr oder weniger normal, in anderen ist sie schwer gestört“, zitiert ihn das Blatt. 

Anfang Februar veröffentlicht die Europäische Zentralbank die Daten ihres quartalsweise durchgeführten Bank Lending Survey. Die Umfrage unter 124 Banken im Euroraum ergab, dass die Geldhäuser ihre Kreditvergabestandards im vierten Quartal 2011 so stark verschärft haben wie seit knapp drei Jahren nicht mehr. Dies ist unter anderem dem Handelsblatt eine Meldung wert, wobei die Wirtschaftszeitung gleichzeitig auf den „Sonderfall Deutschland“ aufmerksam macht. Hier sei die Kreditversorgung deutlich positiver als in der übrigen Eurozone, schreibt das Blatt unter Berufung auf die Zahlen der Europäischen Zentralbank. 

„Schwellenländer verhaken sich in Finanzkrise“, titelt die Financial Times Deutschland Mitte Januar und führt eine Studie der US-Investmentbank Goldman Sachs an. Demnach haben vor allem die Türkei, Ungarn, Polen und Russland, aber auch Peru, Kolumbien und Indonesien eine hohe Anfälligkeit für die Schuldenprobleme der Eurozone. Der Grund: In diesen Ländern sei ein auffällig stark mit Krediten finanziertes Konjunkturwachstum zu beobachten, schreibt die Zeitung. Doch auch Portugals Banken knausern laut einem Artikel in der Börsen-Zeitung mit Krediten. Das Blatt verweist auf Zahlen der Nachrichtenagentur Reuters, wonach die Geldhäuser im Dezember 2011 fast fünf Milliarden Euro weniger Kredite vergaben als noch einen Monat zuvor.

Mittelständler finanzieren sich über Anleihen

Der Wochenzeitung VDI nachrichten zufolge rechnen viele Experten damit, dass die Bedeutung der Kapitalmarktfinanzierung für deutsche Mittelständler in diesem Jahr zunehmen wird. So seien insbesondere Anleihen eine Alternative, wenn die Konditionen für Bankkredite nicht mehr attraktiv seien. Das Blatt beruft sich in dem Artikel auf das aktuelle Kapitalmarktpanel – eine Umfrage unter Kapitalmarktexperten, die die VDI nachrichten und die Beratungsfirma Cometis vierteljährlich durchführen. Einige Tage später berichtet auch die Financial Times Deutschland über Anleihen als alternative Finanzierungsmöglichkeit für Mittelständler. Dazu zitiert das Blatt René Parmantier, Vorstandsvorsitzender der Close Brothers Seydler Bank, mit den Worten: „An Mittelstandsanleihen führt kein Weg vorbei. Infolge von Basel III sind Banken gar nicht mehr in der Lage, den Mittelstand wie bisher mit Krediten zu versorgen.“ Doch Mittelstandsanleihen seien auch risikobehaftet, schreibt die Financial Times Deutschland weiter und führt Allan Valentiner an, Geschäftsführer beim Anleihespezialisten Johannes Führ Asset Management. Mittelstandspapiere seien oft wenig transparent und wiesen zudem ein hohes Bonitäts- und Liquiditätsrisiko auf, so Valentiner gegenüber der Zeitung. 

Anfang Februar veröffentlicht das Handelsblatt einen Meinungsartikel von Bernd Ziesemer zum Thema Schrottanleihen. Der Publizist und langjährige Chefredakteur des Handelsblatts setzt sich dafür ein, den Begriff Schrottanleihe „endlich ganz zu streichen“. Die Fähigkeit eines Unternehmens, sich nicht allein auf die Kreditfinanzierung verlassen zu müssen, sei ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche, schreibt Ziesemer. 

Private Equity sieht Chancen im Mittelstand

Der Markt für privates Beteiligungskapital könnte 2012 wegen der anhaltenden Finanzkrise einen weiteren Dämpfer erhalten, so das Handelsblatt. Die Zeitung beruft sich auf Schätzungen der Deutschen Bank, die von einem Rückgang der Investitionen von Private-Equity-Gesellschaften in Europa gegenüber 2011 um 17 Prozent auf 31 Milliarden Euro ausgeht. Dennoch seien viele Experten davon überzeugt, dass sich neue Chancen für den Beteiligungsmarkt im Mittelstand ergeben werden. Das Handelsblatt verweist hierbei auf Researchergebnisse der auf alternative Anlagen spezialisierten Partners Group. Nach deren Erkenntnissen bewegen sich die Preise für einen Einstieg mit Beteiligungskapital bei kleinen und mittleren Unternehmen weiterhin auf einem vernünftigen Niveau. Gegenwind erhalte die Beteiligungsbranche jedoch seitens der Behörden, schreibt die Zeitschrift Finance und zitiert Andreas Schober. Der Vorstand der Hannover Finanz beklagt gegenüber dem Blatt starke Regulierung und ausufernde Bürokratie: „Die Finanzierungsgespräche mit den Banken dauern sehr lange, und am Ende entstehen telefonbuchdicke Verträge.“ Schober fürchtet, dass der Gesetzgeber manche Private-Equity-Häuser in die Knie zwingen könnte: „Im Private-Equity-Geschäft findet gerade eine Selektion statt, die sich nicht nur an der langfristigen Rendite orientiert, die die einzelnen Häuser für ihre Investoren erwirtschaften, sondern auch an ihrer Fähigkeit, die zunehmende Komplexität zu managen“, zitiert Finance den Vorstand der Hannover Finanz weiter. 

Zur Methode

Der vorliegende Meinungsüberblick verschiedener Pressetitel beschreibt die Lage am Markt für Unternehmenskredite und alternative Finanzierungsformen für die Monate Januar und Februar (beobachteter Zeitraum: 10. Januar 2012 bis 7. Februar 2012). Unternehmer Positionen Nord wertet für Sie meinungsbildende Artikel von Zeitungen, Fachzeitschriften und Onlineportalen mit Wirtschaftshintergrund aus und fasst diese für Sie zusammen. Dabei werden mittel- bis langfristige Trends herausgearbeitet, die Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung der Unternehmensfinanzierung zulassen. Im Überblick besonders berücksichtigt werden Zitate von Experten aus Banken, Unternehmen und Verbänden. Auf Basis der zitierten Meinungen und Pressestimmen können Leser eine eigene Position zum Thema Unternehmensfinanzierung beziehen. Insgesamt wurden 31 Artikel zwischen Januar 2012 und Februar 2012 ausgewertet. Folgende Medien lieferten zum Thema Unternehmensfinanzierung relevante Treffer: Börsen-Zeitung, Finance, Financial Times Deutschland, impulse, Handelsblatt, Die Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, VDI nachrichten.

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