SUCHE

01.02.2012

Fachkräftemangel – dieses Thema sorgt bereits seit geraumer Zeit für lebhafte Diskussionen in Wirtschaft, Politik und Verbänden. Dabei gehen die Meinungen je nach Interessenlage weit auseinander. Während die einen vor Panikmache warnen, werden andere nicht müde, eher düstere Bilder von der Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu entwerfen. Was ist also dran an dem Thema und welche Aspekte sind besonders für den Mittelstand interessant?

In Deutschland mangelt es laut VDI derzeit an 70.000 Ingenieuren. (Foto: picture alliance / Cultura RF)

In Deutschland mangelt es laut VDI derzeit an 70.000 Ingenieuren. (Foto: picture alliance / Cultura RF)

So viel vorweg – einen flächendeckenden, branchenübergreifenden Mangel an Fachkräften gibt es derzeit in Deutschland nicht. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) ist es vielmehr ganz normal, dass Betriebe in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs vermehrt nach Fachkräften suchen. Normal sei auch, dass dieser Bedarf in den Branchen sehr unterschiedlich ausfalle. Besonders gefragt seien aktuell beispielsweise Ärzte und Pflegepersonal sowie Fachkräfte in einzelnen Techniksegmenten des Arbeitsmarkts.

Dass Ingenieure fehlen, beklagt auch deren Bundesverband VDI und liefert mit knapp 70.000 gleich eine Zahl dazu. Einen gar stetig steigenden Mangel an Mathematikern, Informatikern Naturwissenschaftlern und Technikern sieht das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). In seinem neuesten MINT-Report beziffert das IW den Bedarf bundesweit auf rund 167.000 Fachkräfte, Mitte 2011 seien es noch knapp 155.000 gewesen. Auch scheint es für einige Betriebe zunehmend schwieriger zu werden, bestimmte Facharbeiter für freie Stellen zeitnah zu finden. Nach Angaben der BA hat sich in Deutschland die sogenannte Vakanzzeit von gemeldeten offenen Arbeitsplätzen beispielsweise für Dreher und Schleifer von durchschnittlich 66 Tagen im Jahre 2005 auf zuletzt 120 Tage fast verdoppelt. 

Diese Zahlen sind sicherlich Momentaufnahmen und können darum nicht verallgemeinert werden. Dennoch weisen sie bereits heute auf zwei grundsätzliche Probleme hin, deren Konturen immer schärfer und deren Auswirkungen fast alle Branchen und Unternehmensgrößen spüren werden. 

Zum einen gehen in Deutschland die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge in absehbarer Zeit in den Ruhestand, gleichzeitig rücken junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht mehr im entsprechenden Umfang nach. Dadurch wird nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) das Arbeitskräftepotenzial bis 2025 um insgesamt bis zu 6,5 Millionen Menschen abnehmen. 

Gleichzeitig führt die zunehmende Technisierung dazu, dass Unternehmen immer mehr Mitarbeiter mit mittlerer und hoher Qualifikation benötigen. Laut einer Studie des europäischen Instituts für Fort- und Weiterbildung (CEDEFOP) werden deutsche Firmen bis 2020 fast 790.000 Arbeitsplätze für hoch qualifizierte sowie zusätzlich rund 460.000 Stellen für Arbeitnehmer mit mittlerer Qualifikation neu schaffen. Parallel dazu werden sie etwa 870.000 Arbeitsplätze für Mitarbeiter mit geringer Qualifikation abbauen.

Arbeitgeber stehen vor diesem Hintergrund also immer häufiger vor der Herausforderung, ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zu identifizieren, sie für ihre Unternehmen zu gewinnen und dann auch nachhaltig an ihre Firmen zu binden. Und diese Aufgabe stellt sich ihnen unabhängig davon, ob es bereits heute einen allgemeinen Fachkräftemangel gibt oder nicht.

Was ist zu tun?

Arbeitsmarkt- und Bildungsexperten weisen seit Jahren darauf hin, dass sich die Rahmenbedingungen für schulische und universitäre Ausbildung deutlich verbessern müssen. Nur dann könnten zukünftig spürbar mehr Menschen ausreichende Qualifikationen erwerben. Dass beispielsweise pro Jahr bundesweit rund 150.000 Jugendliche das Bildungs- und Ausbildungssystem ohne Abschluss in Richtung Arbeitsmarkt verlassen, könne langfristig zur sozialen und ökonomischen Herausforderung für Deutschland werden. Um das Qualifikationsniveau spürbar anzuheben, wäre nach Ansicht der Fachleute darüber hinaus auch eine Stärkung der Fort- und Weiterbildung dringend erforderlich. Der BA zufolge sind in Deutschland derzeit rund 1,5 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren als gering qualifiziert anzusehen – und die Anforderungen in den Jobs steigen weiter an.

Qualifizierung sei aber weiterhin auch eine wichtige unternehmerische Aufgabe. Beispielsweise in der klassischen Form einer dualen Berufsausbildung, als duales Studium oder als eine das Arbeitsleben der Beschäftigten ganz selbstverständlich begleitende kontinuierliche Fort- und Weiterbildung. Unternehmen aller Größen und Branchen müssten angesichts der beschriebenen Situation alles daran setzen, ihre bestehenden Qualifizierungsangebote zu erhalten und weiter auszubauen. Darüber hinaus lohne es sich für Unternehmen auch, die Personengruppen stärker in den Fokus zu rücken, die bislang bei der Suche nach Fachkräften oft vernachlässigt wurden. Ungenutzte Arbeitskräftepotenziale mit entsprechenden Qualifikationen fänden sich beispielsweise bei älteren Arbeitnehmern, die reaktiviert werden könnten, oder bei Müttern sowie Alleinerziehenden, denen eine befriedigende Betreuung ihrer Kinder sowie moderne Arbeitszeitmodelle den Wiedereinstieg in den Job ermöglichen würden.

Bei der Suche nach den passenden Mitarbeitern wird von den Arbeitgebern also immer mehr Kreativität gefordert. Gerade für den Mittelstand, dessen Betriebe oft nur kleine Personalabteilungen haben, ist das nicht immer einfach. Um speziell diesen Unternehmen tatkräftig, gezielt und mit praxisbezogenem Know-how unter die Arme zu greifen, wird die BA in ihren Agenturen vor Ort die Arbeitgeberteams ausbauen und das Portfolio möglicher Unterstützungsmaßnahmen neu ausrichten. Für den Mittelstand ein interessantes und wichtiges Angebot.

Nach oben