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Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank
Auf einen Espresso mit...

Cyrus de la Rubia über einen „weichen Brexit“

09.06.2017

Theresa May hat genau wie David Cameron im vergangenen Jahr hoch gespielt und hoch verloren. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, sagt, warum die Chancen für einen „weichen Brexit“ nun gestiegen sind

Wenn später in Geschichtsbüchern über gescheiterte politische Zockereien bei der Ansetzung von Neuwahlen berichtet wird, dürften britische Premierminister in den Jahren 2016 und 2017 Paradebeispiele abgeben, oder?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Chancen dafür stehen jedenfalls gut. Theresa May hat genau wie David Cameron im vergangenen Jahr hoch gespielt und hoch verloren. Sie hatte eine Mehrheit im Parlament und wollte ein noch stärkeres Mandat, um den Brexit kraftvoll verhandeln zu können. Nun hat sie ein viel schwächeres Mandat, ihre absolute Mehrheit ist dahin, viele Wähler haben sich von ihr abgewendet.

Wie kann man sich so massiv verspekulieren?

Dr. Cyrus de la Rubia: Schwer zu sagen, zumal sie ja eine erfahrene Politikerin ist. Offensichtlich hat sie sich von den exzellenten Umfragewerten zu Beginn ihrer Amtszeit blenden lassen – wobei jeder eigentlich wissen muss: Umfragen und Wahlergebnisse sind zwei Paar Schuhe. Mehrfach hatte Theresa May Neuwahlen ausgeschlossen, um genau diese dann doch abhalten zu lassen. Das hat den Eindruck erweckt: Man kann sich bei ihr nicht darauf verlassen, was sie sagt. Diese Unzuverlässigkeit könnte ihr sehr geschadet haben.

Was bedeutet das für die Brexit-Verhandlungen?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Idee von Theresa May war, mit einem starken Mandat einen harten Brexit zu verhandeln. Da das starke Mandat dahin ist, sind nun zwei Szenarien wahrscheinlicher geworden: Das eine ist ein Soft-Brexit. Das heißt, ein Modell Norwegen, das Großbritannien einen engen, unkomplizierten wirtschaftlichen Austausch mit der EU ermöglicht. Das andere ist der Exit vom Brexit – auch der ist wahrscheinlicher geworden. Sogar nochmalige Neuwahlen sind möglich. Aber jetzt geht es erst einmal darum, wann die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU beginnen. Das sollte eigentlich am 19. Juni geschehen. Aber wenn es keine britische Regierung gibt, geht das natürlich nicht. Das führt zu Verzögerungen im Verhandlungsprozess.

Wie sieht die EU das Ergebnis in Großbritannien?

Dr. Cyrus de la Rubia: Brüssel hätte sich wohl eher eine klare Mehrheit für Theresa May gewünscht, weil es in der Regel sehr mühsam ist, mit schwachen Partnern zu verhandeln. Das führt meist zu Verzögerungen. Zwar muss der Austrittsvertrag erst am 29. März 2019 abgeschlossen sein, aber – und das wird etliche Monate dauern – davor müssen diesem Vertrag alle nationalen EU-Parlamente zustimmen. Das heißt: Eigentlich müssen die Brexit-Verhandlungen im Herbst 2018 beendet sein. Das wird sehr sportlich. Aber vielleicht verlängert die EU ja die Zweijahresfrist.

Unsicherheit ist der denkbar schlechteste Nährboden für wirtschaftliches Wachstum – was heißt das nun für Großbritannien?

Dr. Cyrus de la Rubia: Im Prinzip ist das so. Aber in diesem konkreten Fall sehen wir ein schwaches Pfund, das exportorientierten Unternehmen hilft. Die Börse hat sehr gelassen reagiert, was wenig überraschend ist, schließlich ist ein weicher Brexit wahrscheinlicher geworden. Die Gefahr für Großbritannien, keinen Zugang mehr zum EU-Binnenmarkt zu haben, ist damit gesunken. Vielen Investoren sehen sich deshalb jetzt in ihrer Haltung bestärkt: Der Brexit wird schon nicht so schlimm werden.

Aber die aktuelle Unsicherheit kann doch auch lähmen.

Dr. Cyrus de la Rubia: Das hat sie bislang auch nicht getan. Ich habe den Eindruck, dass die Verhandlungen erst wirklich beginnen müssen, damit die Unternehmen den Ernst der Lage begreifen. Bislang will kaum jemand wahrhaben, was auf dem Spiel steht. Wenn es dann in den Verhandlungen zu einer Eskalation kommen sollte, dann dürfte sich das Umfeld in einer geringeren Investitionsbereitschaft niederschlagen. Bei einem Ausstieg aus der EU müssten grundsätzlich etwa 700 Verträge, die die EU im Namen von Großbritannien abgeschlossen hat, neu verhandelt werden, davon knapp 300 Handelsverträge. Dann wird den Unternehmen bewusst, was auf dem Spiel steht. Im Moment herrscht Gelassenheit.