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„Helikopter-Geld“ – mehr Geld, mehr Unsicherheit (© Getty Images)
Buchveröffentlichung
25.04.2017

Mit dem Buch „Unser Geld in der Krise“ legt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, eine brisante und hochaktuelle Bestandsaufnahme über die gegenwärtige Verfassung des Notenbankgelds vor und erarbeitet Lösungsvorschläge

„Unser Geld in der Krise“ erscheint bei Amazon

Es sind Bilder, die man gemeinhin in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts verortet: Menschen stehen Schlange, um bei ihrer Bank Geld abzuheben. Börsenhändler tragen ihre Habseligkeiten in Kartons aus dem Gebäude. Misstrauische Bürger lagern im Keller Whiskey und Zigaretten, um sich gegen eine Wirtschaftskrise und für einen Schwarzmarkt zu rüsten. Doch all dies ist im 21. Jahrhundert geschehen. Bei der Bankenkrise in Griechenland, der Pleite von Lehman Brothers und überall dort, wo Menschen dem Notenbankgeld nicht mehr trauen. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, hält den 11. September 2001, den Tag des verheerenden Terroranschlags von New York, für ein schlüssiges Datum des Beginns der großen Geldkrise. Denn nach dem Börsencrash spülte die US-Notenbank billiges Geld in den Markt, um das Wachstum neu zu beleben. Weil die Kapitalschwemme dann viele Amerikaner dazu verleitete, Häuser auf Pump zu kaufen, mündete die Niedrigzinspolitik in einen erneuten Crash, der 2008 die Märkte erschütterte.

Die Droge Geld

Nicht zu Unrecht vergleicht de la Rubia das Geldsystem mit einem Drogenabhängigen: Bei einem mit einer Zinserhöhung verbundenen Entzug von Geld geraten Unternehmen und Staaten in existenzielle Not. Wie viel einfacher ist es da, die Sucht nach immer mehr Kapital weiter zu bedienen - und zu bangen, dass die nächste Blase nicht so bald platzen möge. Dass es aus diesem Dilemma schmerzfreie Lösungsansätze gibt – diesen Zahn zieht de la Rubia dem Leser recht bald. Diese gab es nicht mal in Zeiten, in denen Gold- und Silbermünzen von den Regierungen geprägt und als Zahlungsmittel in Umlauf gebracht wurden. Das heutige Papiergeld dagegen bezieht seine Wertigkeit allein aus dem Vertrauen der Menschen in eine Zentralbank, die es als einzige Institution drucken darf und knapp hält. Interessant ist de la Rubias differenzierte Betrachtung des gemeingängigen „Alles wird teurer“-Lamentos. Dem halten die Statistiker nämlich gern die seit Jahren geringe Inflationsrate in Deutschland entgegen. Doch wie sieht es aus der Perspektive des Käufers einer Immobilie aus, der angesichts jährlicher Preissteigerungen in diesem Segment erkennen muss, dass er mit seinem zurückgelegten Eigenkapital nicht auskommt? Am Beispiel der „Mecklenburger Seenplatte“ beschreibt de la Rubia die Folge der großen Geldschwemme, die auch aufgrund negativer Erwartungen an die Zukunft in überbewertete Aktien, Unternehmensanleihen und Immobilien mündet. Und obendrein riskante Kredite begünstigt. Wie aber finden wir einen Ausweg aus dieser großen Krise des Geldes? De la Rubia führt zunächst auf, wie es nicht geht.

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Zurück zur D-Mark?

Ein Beispiel ist die oft von Populisten geforderte Rückkehr zur Deutschen Mark, die zu ungeahnten Erschütterungen im europäischen Finanzsystem führen könnte, da wohl sämtliche in Euro notierenden Anlagen bei einer Aufwertung der DM an Wert verlieren würden. Ein Allheilmittel ist für de la Rubia auch nicht die Rückkehr zum Goldstandard. Damit würde man dem Autor folgend auf zwei Anpassungsmechanismen, die Ländern mit einem Papier-Geld-System in der Regel zur Verfügung stehen, verzichten: Eine rasche Anpassung des kurzfristigen Zinsniveaus und die Abwertung der eigenen Währung. Zudem könnten sich auch in einem Goldstandard-System Unternehmen und Menschen überschulden. Eine Absage erteilt der Autor auch Rezepten wie dem Helikopter-Geld, dem Ausstieg aus der Währungsunion oder der Abschaffung des Bargelds. Aber gibt es überhaupt einen Ansatz, der bei der Überwindung der Geldkrise helfen kann? De la Rubia sieht hier die Politik in der Pflicht. Wachstum könne nicht mehr durch die Geldpolitik gefördert werden, die Politik könne sich nicht mehr verstecken. So sei das schwache Wirtschaftswachstum in Südeuropa das Ergebnis unzureichender Strukturreformen. Dass sich junge Menschen in Spanien und Frankreich auf dem Arbeitsmarkt so schwer tun, liegt auch an den dort üblichen strengen Kündigungsschutzregeln für Arbeitnehmer in langjährigen Beschäftigungsverhältnissen. In Italien sei es zudem etwa 13 Mal teurer ein Unternehmen zu gründen als in den USA.

Sichere Banken, sicheres Geld

Aber auch Deutschland liegt einiges im Argen. Warum etwa besitzen Notare in Deutschland das Exklusivrecht für Rechtsgeschäfte bei Unternehmensgründungen, fragt de la Rubia. Analog zu Wirtschaftsprofessor Martin Hellwig schlägt de la Rubia vor, dass Banken wie gewöhnliche Industrieunternehmen 20 bis 30 Prozent Eigenkapital im Verhältnis zur Bilanzsumme halten sollten – Geld sicherer machen heißt Banken sicherer machen, so der Autor, der für die internationalen Kapitalmärkte mehr Kontrolle anmahnt. Kapitalverkehrskontrollen seien, wie auch der IWF bemerkt hat, kein Tabu mehr. Wichtig sei es, das Mandat der Europäischen Zentralbank um das gleichberechtigte Ziel „Verhinderung von Assetpreisblasen, die langfristig die Stabilität der Gesamtwirtschaft in Gefahr bringen“ zu ergänzen. Denn ein grundsätzliches Problem der Geldpolitik in Europa sei das einseitig auf Preisstabilität ausgerichtete Mandat der EZB. Dass der alleinige Blick auf die Konsumentenpreise kein probates Mittel ist, um Volkswirtschaften sicher durch Konjunktur- und Finanzmarktzyklen zu steuern, zeige die Finanzmarktkrise von 2008/2009. Die letzte große Krise unseres Geldes.

Fazit: Mit „Unser Geld in der Krise“ legt Cyrus de la Rubia ein durchweg lesenswertes, mit vielen klugen Gedanken und Hintergründen ausgestattetes Sachbuch vor. Da der Autor weitgehend auf Fachterminologie zugunsten leicht verständlicher Formulierungen verzichtet, ist es nicht nur für Fachleute, sondern für einen breiten Kreis von Lesern geeignet, der sich für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiert. Das Buch bietet in Zeiten komplizierter Geldpolitik in unübersichtlichen Zeiten Orientierung und trägt dazu bei, emotional geführte Debatten zu versachlichen. Davon profitieren Unternehmer ebenso wie Anleger. Die Bestandsaufnahme der bisherigen Krisen rund ums Geld nimmt in den Ausführungen breiten Raum ein, ebenso de la Rubias gelungene Ausführungen über populäre, aber dennoch falschen Rezepte zur Heilung von Finanzkrisen. Die vom Autor vorgeschlagenen Lösungsvorschläge sind gelungene und in erfrischender Weise von den Mainstream-Gedanken abweichende Ableitungen aus den vorher erläuterten Problemen unseres Geldsystems.