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Dr. Yasmin Weiß
Arbeitsmarkt
06.03.2017

In Zeiten der digitalen Transformation entstehen neue Arbeitsplätze. Deswegen braucht Deutschland eine Qualifizierungsoffensive, fordert Dr. Yasmin Weiß.

Wir leben in einer enorm spannenden Zeit. Vor unseren Augen wird Science Fiction Realität. Autos fahren und parken autonom ein, Pakete werden per Drohne ausgeliefert und wir können im heimischen Wohnzimmer künstliche Intelligenzsysteme wie Amazons Alexa nutzen, um per einfacher Sprachsteuerung unsere Lieblingsmusik abzuspielen oder Onlineeinkäufe zu tätigen. Damit werden wir zu Zeitzeugen eines historischen Umbruchs unserer Wirtschaft. Die digitale Transformation ist dabei kein vorübergehender Hype, der wie ein Schnupfen wieder vorbeigehen wird. Wir haben es mit einem epochalen Umbruch mit dauerhaftem Charakter und weitreichenden Folgen zu tun. Sie zwingt Unternehmen und Beschäftigte, die Weichen in allen entscheidenden Bereichen grundlegend neu zu stellen, bisherige Geschäftsmodelle und -prozesse konsequent zu hinterfragen und ein sensibles Gespür für neue Marktchancen, -risiken und -anforderungen zu entwickeln. Status-Quo-Verliebtheit und stures Festhalten an bisherigen Erfolgsmodellen ist weniger angebracht denn je. Denn die digitale Transformation und ihre disruptiven Vorreiter stürzen alles um, was für die Menschen in der Industriegesellschaft selbstverständlich war: Persönliche und unternehmerische Erfolgsrezepte, Jobprofile, Berufsbilder, Hierarchie- und Führungsverständnis, Unternehmenskultur und bisherige Formen der alltäglichen Zusammenarbeit.

Deutschlands Rolle im digitalen Wandel

Warum betrifft uns diese Entwicklung in Deutschland ganz besonders? Warum müssen wir alle – sowohl als Individuen als auch als deutsche Volkswirtschaft – ein ausgeprägtes Interesse daran haben, Vorreiter bei der Gestaltung der digitalen Transformation und im internationalen Kontext führend zu sein? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir durchlaufen gerade die vierte industrielle Revolution und es ist noch nicht entschieden, wer im internationalen Wettbewerb die Nase vorn haben wird. Deutschland jedoch ist ein rohstoffarmes Land. Das, was unseren Wohlstand in der Vergangenheit gesichert hat und zukünftig sichern kann, sind unsere intellektuellen Ressourcen. Wir müssen uns folglich noch stärker als andere Länder entschieden damit auseinandersetzen, welches Wissen und welche Kompetenzen wir benötigen, um im disruptiven digitalen Zeitalter erfolgreich zu sein. Selbst angestammte Branchen wie die deutsche Automobilindustrie können sich nicht darauf verlassen, unter Berufung auf ihre hohe Reputation und ihr Erfahrungswissen auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Vielmehr treten auch branchenfremde Wettbewerber wie etwa Google und Apple in den Automobilmarkt ein. Eine positive Entwicklung der digitalen Transformation ist damit kein Selbstläufer, sondern eine gesellschaftliche und ökonomische Gestaltungsaufgabe. Leistungsträgern aus Wirtschaft, Politik und dem Bildungssektor kommt bei dieser Gestaltungsaufgabe eine besondere Bedeutung und Verantwortung zu. Sollte diese gesellschaftliche und ökonomische Gestaltungsaufgabe misslingen, riskieren wir die zukünftige ökonomische Stärke sowie auch den sozialen Frieden in Deutschland.

Digitale Talente als wettbewerbsdifferenzierender Rohstoff

Auch im digitalen Zeitalter mit seinen technologischen und automatisierten Lösungen gilt, dass der Mensch der zentrale Erfolgsfaktor bleibt. Denn schließlich werden digitale Strategien, Geschäftsmodelle und -prozesse nicht nur vom Menschen ersonnen, sondern auch von Menschen umgesetzt. Digitale Kompetenzen, ein digitales „Mindset“ sowie die Offenheit der Mitarbeiter und Führungskräfte eines Unternehmens sind der wettbewerbsdifferenzierende Rohstoff für die Entwicklung und Umsetzung digitaler Strategien. Firmenwerte spiegeln sich weniger in Maschinen und Fabrikhallen wider, sondern vielmehr in Daten, geistigem Eigentum sowie Innovationskraft, Kreativität und Lernfähigkeit der Belegschaft. Auch dadurch steigt die Bedeutung des Faktors Mensch.

In Zeiten der digitalen Transformation gilt für Unternehmen ganz konsequent die Devise: „Innovate or die!“ und für Talente am Arbeitsmarkt: „Get qualified or lose!“. Es entstehen neue Arbeitsplätze, während andere wegfallen oder neue Anforderungen an Mitarbeiter stellen. Zwei zentrale Treiber machen den Wandel der Arbeitswelt dabei so radikal: zum einen seine Geschwindigkeit und zum anderen sein Fokus, d.h., wer betroffen ist. Denn es sind bei Weitem nicht nur physische Routinearbeiten, die verschwinden oder sich enorm verändern werden, sondern durch fortschreitende Automatisierung, lernende Roboter und künstliche Intelligenz auch zunehmend anspruchsvolle, geistige Tätigkeiten. Besonders gefährdet sind Personen mit geringer Qualifikation und wenig IT-Kenntnissen. Der CEO der IT-Firma Salesforce Marc Benioff spricht von Millionen von „digitalen Flüchtlingen“, die er in der Zukunft weltweit erwartet. Damit sind Menschen gemeint, die von ihrem bisherigen Arbeitsplatz vertrieben werden, weil sich neue Technologien rasant durchsetzen und sie ihre berufliche Heimat verlieren.

Jede Führungskraft sollte die eigene Arbeitsmarktfähigkeit und nachhaltige „Employability“ in den Fokus rücken.

Prof. Dr. Yasmin Weiß

Jedes Nachwuchstalent, jeder Mitarbeiter und jede Führungskraft sollte sich daher der Reichweite und Veränderungswirkung dieser Entwicklung bewusst sein und vorausschauend die eigene Arbeitsmarktfähigkeit und nachhaltige „Employability“ bei der eigenen Ausbildung und persönlichen Weiterentwicklung in den Fokus rücken.

Konsequentes Qualifizieren für die digitale Transformation

Was wir in Deutschland benötigen, ist eine entschiedene und zukunftsorientierte Qualifizierungsoffensive. Die Vermittlung digitaler Kompetenzen darf allerdings nicht Eliten vorbehalten sein, weder in der Gesellschaft noch in Unternehmen. Der Bildungssektor ist vielmehr auf allen Bildungsstufen gefragt, in enger Kooperation mit der Wirtschaft in die Ausbildung bedarfsgerechter digitaler Kompetenzen zu investieren. Hier gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. Gesche Jost, die Internetbotschafterin der Bundesregierung, kommt zu der alarmierenden Einschätzung: „Deutschland ist bei der digitalen Bildung im europäischen Vergleich ein Entwicklungsland.“ Damit laufen wir Gefahr, dass die Talent-Pipeline an digitalen Nachwuchskräften nicht ausreichend gefüllt ist. Um eine digitale Spaltung zu verhindern, müssen wir quer durch alle gesellschaftlichen Schichten mit der Vermittlung digitaler Kompetenzen anfangen und aufeinander aufbauende Qualifizierungsketten für die digitale Bildung schaffen und das Bildungsangebot grundsätzlich für jeden zugänglich machen. Ein übergreifendes Technologieverständnis, Programmiersprachen, Kreativitätstechniken sowie der Umgang mit persönlichen Daten sollten hier im Mittelpunkt stehen. Zu wissen, wie man in der digitalen Welt seine persönlichen Daten schützt und zugleich die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen kann, sollte in Zeiten wie diesen zur Grundausbildung gehören.

Ebenso ist die betriebliche Weiterbildung gefragt, die Belegschaft für neue Anforderungen im digitalen Zeitalter zu qualifizieren, wo es nötig ist, umzuschulen, einen chancenorientierten Blick auf die Digitalisierung sowie lebenslanges Lernen zu fördern. Um dies leisten zu können, muss aus der gewählten Unternehmensstrategie sorgfältig abgeleitet werden, welche Kompetenzen in der Zukunft verstärkt benötigt und welche hingegen wegfallen werden. Die Qualifizierungsmaßnahmen im Unternehmen müssen dabei durch eine unterstützende Unternehmenskultur flankiert werden, die den offenen und raschen Fluss von Informationen und den disziplinen-, funktions- und hierarchieübergreifenden Meinungsaustausch fördert und die herausragendsten digitalen Talente identifiziert und weiter fördert.

Motivierende Vorbilder: Wo sind unsere „Digital Champions?“

Wenn Jagdhunde zum Jagen getragen werden müssen, ist es immer mühsam. Wie kann also an Schulen, Hochschulen sowie in Unternehmen Begeisterung und Offenheit für das Erlernen digitaler Kompetenzen geweckt und Ängste vor Veränderungen genommen werden? Die schönste Form des Lernens und auch die intrinsisch motivierendste ist das soziale Lernen von Vorbildern, die als Inspirationsquelle dienen und mit denen sich viele Menschen identifizieren können. Deutschland verfügt über eine Reihe an bekannten Vorbildern im Sport, insbesondere im Fußball, die junge Menschen zum Nachahmen motivieren und sie anspornen. Wünschenswert wäre, dass auch aus den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft mehr Vorbilder einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden, die erfolgreich den digitalen Wandel in Deutschland gestalten, indem sie neue Arbeitsplätze, Geschäftsmodelle oder nutzbringende innovative Lösungen für die Gesellschaft schaffen. Deutschland verfügt über derartige Vorbilder in Form zukunftsorientierter Firmenlenker, Unternehmensgründer und Start-Up-Pionieren, nur sind sie in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Dies hat seine Gründe. Deutschland wird oft eine Neidkultur unterstellt, wenn einzelne Menschen besonders erfolgreich werden und sich dies auch monetär niederschlägt. Eine Kultur der Anerkennung von Pioniergeist, Mut, visionären Ideen und der Akzeptanz, dass auch Scheitern zu einer erfolgreichen Karriere dazu gehört, stünde uns in Deutschland deutlich besser. Dies führt dazu, dass Vorbilder und „Digitale Champions“ nicht argwöhnisch betrachtet, sondern als inspirierende Identifikationsfiguren und Lernquellen betrachtet werden.

Werden wir weiterhin die Nase vorn haben?

Digitalisierung bedeutet Revolution. Wir sind alle gut beraten, den fundamentalen Wandel, der derzeit stattfindet, nicht zu unterschätzen. Investitionen in die digitale Bildung von jungen Menschen, Mitarbeitern und Führungskräften sind Investitionen in unsere Zukunft. Wer hier den Anschluss verliert, riskiert sie. Noch ist es nicht zu spät. In vielen Bereichen bringt Deutschland viel Know-How mit, um im internationalen Vergleich führend zu sein. Wenn wir es schaffen, digitale Talente durch eine geeignete Bildungsoffensive, durch effektive betriebliche Weiterbildung und durch inspirierende Vorbilder hervorzubringen, dann sehen unsere Chancen sehr gut aus, auch in disruptiven Zeiten weiterhin vorne mitzuspielen.

Zur Person

Prof. Dr. Yasmin Weiß (38) ist Professorin für Personal und Organisation an der Technischen Hochschule Nürnberg, Aufsichtsrätin in der Wirtschaft und Mitglied des Innovationsteuerkreises der Bundesregierung, der neue Entwicklungen und Trends im Innovationssystem beobachtet und die Bundesregierung berät.